"10.44 Uhr! Ein Pfiff! Abfahrt zur Westgrenze!"

BZ-Serie "Tagebücher aus dem Krieg" (9): Truppentransport, Quartierbezug Haussuchungen und ein Gefecht im elsässischen Mülhausen

Nie wurde so viel geschrieben wie in den ersten Monaten des Ersten Weltkriegs. Nach der ersten großen Kriegsbegeisterung stellte sich bei vielen Deutschen bald Ernüchterung ein. Wir dokumentieren in einer Serie die ersten Kriegswochen, wie sie sich in Tagebüchern und Briefen des Deutschen Tagebucharchivs in Emmendingen darstellen, und greifen dabei auf die im Berliner Galiani Verlag herausgekommene "Verborgene Chronik 1914" zurück. Wir blicken Tag für Tag genau 100 Jahre zurück.

11. AUGUST 1914

Otto Gehrke, Truppentransport
Fahrt wohin?

Paula Busse, Bensberg bei Köln

Morgen fahre ich nach Coblenz zu meinem Liebsten.

Max Schmidt,

Truppentransport bei Berlin


Ich nahm früh um 7 Uhr Abschied von meiner Familie. Um 8.30 Uhr rückte die Gefechtsbagage vom Kasernenhof ab, nachdem noch ein dreifaches Hurra auf den obersten Kriegsherrn ausgebracht worden war. Stolz zu Ross ging es durch Berlin nach dem Hamburger Güterbahnhof. 10.44 Uhr! Ein Pfiff! Abfahrt zur Westgrenze!

Richard Piltz,

Peltre, Elsass-Lothringen


Ankunft Metz Ost 6 Uhr abends nach sechzigstündiger heißer Fahrt. Nach Abladen Marsch nach Crépy, 20 km vor Metz.

Bereits viele Kriegsvorbereitungen: Abhauen von Bäumen, Drahthindernisse, Unterstände, Geschützdeckung, Feldlazarette etc. In Crépy im Schloss Schwierigkeiten mit Unterkunft. Wir zogen nach Peltre in Dunkelheit weiter und fanden schließlich nach vielen Mühen Quartier in der Schule. Wir Offiziere wurden nett aufgenommen von Landwehroffizieren Fußartillerie- Regiment 8, die uns in einem herrschaftlichen Hause anbei dem Nonnenkloster, den anderen Offizieren im Kloster Feldbettunterkunft verschafften.

Jakob Krebs, bei Mülhausen,

Elsass-Lothringen


In Mülhausen finden überall Haussuchungen statt. Infanterie-Trupps mit Polizisten durchziehen die Stadt. Ein Anschlag des Polizeipräsidenten verlangt Ablieferung aller Waffen bis abends 7 Uhr, alles Folgen der nächtlichen Schießerei, denn da sollen Zivilisten mit versteckt gebliebenen Franzosen mitgespielt haben.

Im Laufe des heutigen Nachmittags hat sich ein Gefecht entwickelt, und wir müssen noch bei großer Hitze weiterfahren. Zahlreiche schlappe Grenadiere (Regiment 109) liegen am Straßenrand. Gegen Mitternacht beziehen wir Biwak.

– Lisbeth Exner und Herbert Kapfer: Verborgene Chronik 1914. Hrsg. vom Deutschen Tagebucharchiv. Galiani Verlag, Berlin 2014. 416 Seiten, 24,99 Euro.

Alle Beiträge der Serie finden Sie unter http://mehr.bz/chronik
von bz
am Mo, 11. August 2014 um 18:27 Uhr


Badens beste Erlebnisse