Kandidatenvorstellung

1700 Endinger wollten die Bürgermeisterkandidaten kennenlernen

Bei der offiziellen Kandidatenvorstellung der fünf Bewerber um das Bürgermeisteramt in Endingen war der Andrang so groß, dass das Event in eine benachbarte Turnhalle übertragen werden musste.

Rund 1700 Bürgerinnen und Bürger nutzten am Freitagabend bei der offiziellen Kandidatenvorstellung in der Stadthalle die Chance, sich aus erster Hand über die fünf Bewerber, ihre Ideen und Ziele zu informieren. Angesichts des großen Andrangs wurde die Veranstaltung auch in die benachbarte Turnhalle übertragen. Die Einzelvorstellungen der Bewerber (die BZ stellte die Kandidaten und ihre Ziele bereits ausführlich vor) und die Fragerunde verliefen weitestgehend sachlich.

Die Einzelvorstellungen
Die ersten eineinhalb Stunden gehören den Einzelvorstellungen der fünf Bewerber. Sie skizzieren ihre Ideen – von einer zukunftstauglichen Stadtverwaltung über den Ausbau des Bildungsstandorts Endingen bis zu der Stadtentwicklung im Spannungsfeld von Wirtschaft, Naturschutz und Flächenverbrauch.

Verwaltungskompetenz
Woher nehmen fünf Kandidaten ohne persönliche Erfahrung in kommunaler Verwaltung die Selbstsicherheit und Kompetenz, die Stadtverwaltung derart zu priorisieren? Felix Fischer verweist auf sein Jurastudium und Einblicke im Zuge der Ausbildung. Diplom-Physiker und Informatiker Andreas Schmidt will gewohnt wissenschaftlich vorgehen, die Probleme analysieren und dann entscheiden. Der Politikwissenschaftler und Physiker Jörg Dengler nennt Studienerfahrung in Verwaltungswissenschaften, Erfahrungen als aktiver Bürger, vielfältige Einblicke und die Bereitschaft, "noch viel zu lernen". Der Betriebswirt und Einkaufsleiter Tobias Metz verweist auf kommunalpolitische Arbeit in Ettenheim und die in Führungspositionen wichtige Fähigkeit, etwas strukturiert umzusetzen und abzuschließen. Publizist Werner Semmler weist auf seine Führungserfahrung in diversen Betrieben hin. Auf Nachfrage nennt Schmidt Projektleitungen mit bis zu 13 Wissenschaftlern, Dengler Verantwortung in internationalen Teams mit bis zu 30 Personen, Metz 15 direkt unterstellte Mitarbeiter und ein Jahresbudget von 25 Millionen Euro und Semmler die Geschäftsführung in Firmen mit 25 Millionen Euro Umsatz.

Die Finanzen
Die städtischen Finanzen sehen alle Bewerber als Herausforderung. Für Fischer ist es trotz der notwendigen Investitionen eine Frage der Generationengerechtigkeit, Schulden abzubauen. Schmidt will als erste Amtshandlung Kassensturz machen, im Zweifel Planungen nochmals überdenken und "solide Finanzen, anstatt die Bürger zur Kasse zu bitten". Dengler setzt auf optimale Nutzung von Fördermöglichkeiten und wirtschaftliche Entwicklung. Die Steuern müssten nicht zwingend steigen. Metz sieht finanziell schwierige Jahre, die eine gute Konjunktur erfordern, ist aber zuversichtlich, wenn intelligent gewirtschaftet werde. Semmler dagegen hält das Schulzentrum finanziell für unbeherrschbar und fürchtet einen enormen Schuldenanstieg.

Entwicklung im Bestand
In der ehemaligen Lederfabrik sehen alle Bewerber großes städtebauliches Potenzial, dessen Nutzung aber auch davon abhängig sei, wozu die Altlasten eventuell zwingen. Laut Fachleuten sei das Problem beherrschbar, sagt Fischer; er könnte sich dort ein zentrales Ärztehaus vorstellen. Semmler hält ein Multifunktionsgebäude für diverse Dienstleistungen für möglich. Schmidt sieht vor allem das Problem der hohen Preisvorstellung und enormer Investitionen. Nicht umsonst seien bisher alle Interessenten abgesprungen. Alle drei sehen nur Chancen durch Investoren. Dengler hat nicht nur die Altlast in der Fabrik im Blick, sondern will auch den Schulstandort wegen der dortigen Hinterlassenschaften im Boden nochmals prüfen. Man müsse klären, was die derzeitigen Inhaber vorhaben, so Metz.

In einem Leerstandskataster sehen Fischer und Metz ein wichtiges Instrument, um mit den Bürgern Wohnraumpotenzial zu reaktivieren. Dagegen bezweifeln Semmler und Schmidt Notwendigkeit oder Nutzen. Dengler sieht "vielfältige Gründe für Nichtnutzung". Er will mit Gebäudebestandsanalysen den Eigentümern Perspektiven aufzeigen.

Verkehrsfragen
Das Thema Verkehr, damit verbundener Lärm und die marode Infrastruktur kommen mehrfach zur Sprache. Sanierungsbedarf bei Straßen sehen alle Bewerber im ganzen Stadtgebiet. Für Fischer sind die Hebel der Stadt in Sachen Verkehr dessen Lenkung in der Stadt oder drum herum und eine bessere Struktur in den Dörfern, die Verkehr vermeide. Schmidt fordert angesichts knapper Kassen eine Prioritätenliste für Sanierungen. Er sieht in Endingen großes Potenzial, zur Fahrradstadt zu werden. Man müsse alternative Verkehrsmittel fördern, auch durch sichere Radwege, und Ideen wie Mitfahrerbänkle oder eine Fußgängerzone am Wochenende testen. "Langsamer, leiser und weniger", nennt Dengler als einzige Wege zur Begrenzung des Verkehrslärms, durch Vermeidung von "Mautflüchtlingsverkehr", aber auch durch Radwegebau, und verweist auf seine verkehrspolitische Kompetenz. Gute Mobilität müsse umweltfreundlicher werden – auch durch besseren öffentlichen Nahverkehr. Für notwendige Verbesserungen in Kiechlinsbergen setze er auf Mittel aus dem Landessanierungsprogramm. Metz will den Verkehr besser lenken, auch beim Parken, und die Radwegsituation verbessern. In der Kernstadt gehört für ihn ein direkter Anschluss der Neubaugebiete an die L 113 dazu. Das sei ein "dickes Brett", aber man müsse es angehen. Bei Sanierungen sei schon einiges getan worden, der größte Bedarf sei in Kiechlinsbergen.

Werner Semmler sieht angesichts immer mehr Bevölkerung und Verkehr nur begrenzt Handlungsspielraum und die Notwendigkeit, miteinander drüber zu sprechen, wo was geschehen soll.

Umgang mit Parteien
Vor allem Andreas Schmidt und Werner Semmler äußerten sich wiederholt kritisch zur Endinger Parteipolitik. Beide verweisen am Freitagabend in ihren Einzelvorstellungen auch darauf, dass in Endingen seit 50 Jahren die CDU regiere und nun ein Wechsel fällig sei. Wie solle da Zusammenarbeit im Gemeinderat gelingen? Schmidt, nach eigener Aussage "absolut parteifrei", will mit allen neutral zusammenarbeiten. Nicht Mitglied zu sein, hält er für einen Vorteil, denn "Netzwerk schafft Verbandelung". Semmler, nach eigener Aussage früher CDU-Mitglied, will frei sein und sieht in jeder Partei gute und schlechte Sachen. Er meldet Zweifel an Metz’ Unabhängigkeit von der örtlichen CDU an. Im Wahlkampf reibe man sich auch mal, so Semmler, aber danach müsse man sich auch versöhnen. Fischer hält ebenso wie Metz und Dengler eine politische Verortung für wichtig, so lange sie demokratisch sei. Parteipolitik solle auf kommunaler Ebene aber keine Rolle spielen. Jörg Dengler betont, er bringe sein Wissen gerne bei den Grünen ein. Die CDU sei seine Grundverortung, sagt Tobias Metz, spiele bei seiner Kandidatur keine Rolle. Auf kommunaler Ebene gehe es um die Sache, nicht um Parteien.

Weinbau und Tourismus
Wie soll und kann dem Weinbau geholfen werden, damit die Winzer nicht aufgeben? Hier sehen alle Bewerber die Stadt in der Pflicht – etwa beim Wegebau oder der Böschungspflege. Die Arbeit der Winzer sei nicht nur mit Blick auf den Wein wichtig, sondern auch für den Erhalt der Kulturlandschaft am Kaiserstuhl.

Und was soll in Sachen Tourismus geschehen? Nicht nur Schmidt setzt auf eine stärkere Vermarktung von Wein, Kultur und Lebensfreude und den Blick auf erfolgreiche Konzepte anderer Regionen. Auch Metz will Endingen als "Stadt für Einkauf, Kultur und Genuss" als Ganzes besser vermarkten. Für Dengler ist der Weinbau die Visitenkarte des Kaiserstuhls. Fischer will beim Tourismus "raus aus dem Klein-Klein", regionaler denken und handeln und von anderen lernen. Semmler hat die Vision einer Weinvermarktung à la "Drosselgasse".

Und sonst?
Einig sind sich die Kandidaten darin, dass Kultur in all ihren Formen einen großen Stellenwert in der Gesamtstadt behalten müsse. Und alle fünf bekennen sich zum Querdenken, sofern es konstruktiv und nicht "aus Prinzip anders" gemeint sei. In Sachen schlechter Mobilfunk-Versorgung habe ein Bürgermeister kaum Einfluss. Allerdings gebe es hier wie partiell beim Breitbandausbau noch Handlungsbedarf.

von Martin Wendel
am Mo, 29. Oktober 2018 um 11:07 Uhr

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