Freiburg-Marathon

9265 Läufer, 210 Rettungshelfer: Blick ins Behandlungszelt

Nicht alle Läufer schaffen es unversehrt ins Ziel. 210 Rettungshelfer versorgen beim Freiburg-Marathon erschöpfte und verletzte Läufer – ein Besuch im Behandlungszentrum.

Manche Läuferinnen und Läufer schaffen’s gerade noch ins Ziel, dann ist aber auch Schluss. Deshalb haben die Hilfsorganisationen – das Deutsche Rote Kreuz (DRK), die Malteser und die Johanniter – auf dem Messegelände ihr Behandlungszentrum eingerichtet. Nicht nur diejenigen, die auf der Zielgeraden schlappmachen, werden dort medizinisch erstversorgt. Für einige von ihnen geht’s weiter in die Klinik.

Ein 42-Jähriger ist der erste Patient an diesem Tag: Helfer, die aufgereiht am Zieleinlauf warten, haben ihn auf eine Trage gelegt und in ein Behandlungszelt gebracht. Er hustet, um seinen Hals hängt ein gelbes Schild: mittelschwerer Fall. Moana Engesser legt eine Infusion und nimmt ihm Blut ab. Ein Kollege schließt den Mann so lange ans EKG an. Offenbar eine verschleppte Erkältung. "Sie könnten eine Herz-Rhythmus-Störung bekommen", erklärt Notarzt Jan Mennen, "es besteht die Möglichkeit, dass Sie daran sterben." Mennen empfiehlt dem Mann, sich ins Krankenhaus bringen zu lassen. Der lehnt ab: "Ich fühle mich fit." Nach etwa einer halben Stunde verlässt er sichtlich angeschlagen und noch wankend das Zelt.

Beim Marathon 2011 sind die Läufer reihenweise umgekippt

"Zwingen können wir niemanden", sagt Moana Engesser, die bald ihr Medizinstudium beendet und seit 2009 beim DRK ist. Seither ist sie auch beim Freiburg-Marathon dabei: "Man kann nie voraussagen, wie sich der Tag entwickelt." Sie erinnert sich gut an den Marathon 2011, als es mehr als 30 Grad hatte. "Da hat es den Läufern reihenweise den Stecker gezogen", sagt die 27-Jährige, "wir waren am Anschlag." Mehr als 400 Menschen mussten damals versorgt werden. In einem anderen Jahr mussten Ärzte und Sanitäter einen Läufer reanimieren.

In diesem Jahr ist es nicht so weit gekommen. Endgültige Zahlen hat Pressesprecherin Leonie Hannappel am Abend noch nicht, sie geht aber von etwa 100 Patienten aus. "Die meisten mit Muskelkrämpfen, Dehydratation, Erschöpfung oder kleineren Verletzungen", sagt sie. "Einige schätzen sich falsch ein." 9265 Läuferinnen und Läufer sind in diesem Jahr an den Start gegangen, beobachtet und angefeuert von 50 000 Zuschauern, wie Polizei und Veranstalter melden .

Helfen bedeutet einen Zwölf-Stunden-Tag

Auf dem Messegelände haben DRK, Malteser und Johanniter vier Behandlungszelte mit je acht Liegen aufgebaut, in zahlreichen Krankenwagen und anderen Einsatzfahrzeugen sitzen Helfer, bereit zur Abfahrt. Die Koordination übernimmt Karin Gehl von den Maltesern mit zwei Helfern der Bergwacht. Die hat ihren Einsatzleitwagen mitgebracht. Kurz fällt der Strom aus, einer der beiden Bildschirme ist dunkel. Aber gerade ist noch nicht viel los, das Problem schnell gelöst. "Zwischen 13 und 15 Uhr ist der Peak", sagt die 34-Jährige, für die es schon der zehnte Marathon ist. Vor ihr liegen Dienstpläne. "Wir müssen auch mal Personal hin- und herschieben", erklärt sie, "und darauf achten, dass jeder Helfer Pausen hat." Viele von ihnen haben einen Zwölf-Stunden-Tag.

Und sie kümmern sich nicht nur um die Erschöpften oder Verletzten, sondern auch ums Essen: 20 000 Maultaschen und 1000 Liter Tomatensauce bereiten Kurt Zähringer und sein Team vom DRK zu. "Kohlehydrate, darum geht’s", sagt er.

Es ist halb zwei, und die Behandlungszelte füllen sich. Eine junge Frau humpelt ins Zelt und wird es mit Verband am Fuß wieder verlassen. Ein älterer Mann kühlt seine Wade. Und einer wird in den Krankenwagen gehievt, der ihn dann ins Krankenhaus bringt. Das Martinshorn ist am Sonntag öfter mal zu hören.

Sanitäter-Teams an elf Stellen in der Stadt

Teams aus Helfern der Malteser, DRK und Johanniter sind zudem an elf Punkten an der Strecke postiert. "Wir arbeiten heute Hand in Hand", sagt Martin Roesen. Als Malteser-Stadtbeauftragter muss er den Überblick behalten. Gerade führt er zwei Kollegen aus Niedersachsen über den Behandlungsplatz. In Hannover findet nächste Woche ein Marathon statt, die beiden wollen sich umsehen. "Routine und Erfahrung zeigen sich beim 14. Marathon einfach", sagt Roesen. In diesem Jahr läuft das meiste erstmals über digitalen Funk, in der Malteser-Rettungsstelle an der Rehlingstraße ist eine Zentrale eingerichtet, wo Anrufe angenommen und Teams losgeschickt werden. Im Jahr zuvor befand sich die Zentrale auf dem Messegelände. "Da war’s viel zu laut", sagt Roesen, "da haben wir nachjustiert." Was gut und was nicht so gut läuft, ist Thema der Lagebesprechungen, die jede Stunde auf dem Messegelände stattfinden. Dann kommen Führungskräfte der verschiedenen Bereiche an einem Tisch zusammen.

Zurück am Zieleinlauf, es ist nach 15 Uhr, immer weniger Läuferinnen und Läufer trudeln ein. Manche lassen sich auf den Boden sacken, ruhen sich kurz aus. Andere begeben sich gleich zu den Sanitätern, einer wird mal wieder auf eine Trage verfrachtet. Die meisten von ihnen bekommen an diesem Marathon-Sonntag ein grünes Schild um den Hals: leichter Fall. "Nächstes Jahr wieder", sagt einer und lacht. Halb so wild.

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von Sina Gesell
am So, 02. April 2017 um 21:03 Uhr

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