Serie: Wohnen in Freiburg

Ab ins Umland: Wenn die Wohnungssuche in Freiburg scheitert

BZ-Serie (Teil 13): Wer in Freiburg keine Wohnung findet, zieht in eine Umlandgemeinde – dort gibt’s noch Bauland.

Die Kerns hatten bis zum Jahr 2007 in Unterlinden gewohnt. 85 Quadratmeter in der Innenstadt, 750 Euro Miete kalt, ein fairer Vermieter – was will man mehr. Und doch: Irgendwann, besprach das Ehepaar, wäre es gut, in eine eigene Wohnung zu ziehen, eine Immobilie als Altersvorsorge zu haben. In der Oberau vielleicht, im Stühlinger, gerne in der Stadtmitte. Die Kerns schauten sich um und erkannten bald ernüchtert: Das kommt für uns nicht in Frage. 200 000 Euro hatten sie sich als Höchstgrenze gesetzt, doch das Preis-Leistungs-Verhältnis, fanden beide, stimmte nirgends.

Weil Frau Kern in Emmendingen arbeitet, weiteten sie irgendwann ihre Suche dorthin aus – und wurden fündig. Am Schlossberg, einer guten Wohngegend, fanden sie eine 114-Quadratmeter-Wohnung in einem gepflegten Mehrfamilienhaus in Hanglage mit großem Grundstück. Kaufpreis: 200 000 Euro. Ein Bekannter von Herrn Kern, der zum gleichen Zeitpunkt eine ähnlich große, aber renovierungsbedürftige Wohnung in der Freiburger Wiehre fand, zahlte 300 000 Euro. Das bestärkte sie in ihrer Entscheidung, ins Umland zu ziehen. Keine Frage, sagen die Kerns, Freiburg wäre ihnen lieber gewesen, doch in Emmendingen fühlen sie sich mittlerweile wohl. Herr Kern pendelt jetzt mit dem Zug oder dem Auto zur Arbeit nach Freiburg. Ab und zu schaut er noch in die Immobilienanzeigen: "Aber in Freiburg gibt’s ja nur noch Ladenhüter."

Die Geschichte des Ehepaars Kern, das übrigens nicht Kern heißt, aber mit richtigem Namen nicht in der Zeitung stehen will, ist wahrscheinlich typisch. Schon immer hat der Druck, der den Wohnungsmarkt der Stadt prägt, eine Wanderungsbewegung ins Umland erzeugt. Das ist kein neues Phänomen: In der Stadt arbeitende Menschen zog es seit den 60er Jahren ins freistehende Einfamilienhaus "im Grünen". Dieser sogenannte Suburbanisierungsprozess verschärfte sich durch den angespannten Mietwohnungsmarkt. In den 90er Jahren zogen mehr Leute aus Freiburg weg ins Umland als umgekehrt: Sie pendelten lieber zum Arbeiten in die Stadt ein, als in der Stadt zu wohnen, wo es teuer war.

Dann, ungefähr ab der Jahrtausendwende, gingen diese Wanderungsverluste zurück. Auch, weil nun das Pendeln dank steigender Benzinpreise teurer wurde. Bis 2006 erstmals seit 37 Jahren mehr Personen aus den Nachbarlandkreisen Breisgau-Hochschwarzwald und Emmendingen zugewandert als abgewandert waren. Warum?

Die Antwort liegt auf der Hand. Zu dieser Zeit hatte sich das Wohnungsangebot in Freiburg deutlich verbessert durch die beiden neuen Stadtteile Rieselfeld und Vauban – dieses Ventil nahm Druck aus dem Kessel. Die städtischen Statistiker sahen schon eine Trendwende. Doch neue Zahlen zeigen: Das stimmt so nicht. In den letzten Jahren, seit Vauban und Rieselfeld voll sind, ist die Wanderungsbilanz wieder eher negativ für Freiburg. Das heißt: Familien mit Kindern und aktive Alte (siehe Interview unten) gehen der Stadt verloren.

Was tun? Die Siedlungsentwicklung Freiburgs verläuft nicht nur innerhalb der Stadtgrenzen, sondern entlang der ÖPNV-Achsen über Grenzen hinaus. Versuche, gemeinsam mit den Umlandgemeinden diese Entwicklung zu steuern, gab es bereits. Das "Praktizierte Flächenmanagement Pfif" etwa, ein Projekt, bei dem alle Kommunen der Region gemeinsam Wohnbauflächen anbieten sollten, um Wettbewerb untereinander zu vermeiden. Doch das Projekt floppte. Auch Versuche von Baubürgermeister Martin Haag, Umlandgemeinden zu gemeinsamen Baugebieten zu animieren, waren bislang kaum erfolgreich. Doch sind sich Fachleute einig, dass regionale Siedlungsentwicklung der Weg der Zukunft ist. Ironie der Geschichte: Die Kommunen mögen sich nur zögerlich auf diesen Weg machen – die Bürger beschreiten ihn bereits.

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von Simone Lutz
am Sa, 13. April 2013 um 00:00 Uhr

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