Entscheidung in Lahr

Ärgernis in Hanglage

Am Wochenende stimmen die Lahrer über ein Bauvorhaben ab – eine umtriebige Bürgerinitiative will das Projekt verhindern.

LAHR. Rund 35 000 Lahrerinnen und Lahrer können am Sonntag entscheiden, ob auf einem rund sechs Hektar großen Hanggrundstück im Osten der Stadt gebaut wird oder nicht: Auf dem Gelände des früheren Reichswaisenhauses will ein Investor Wohnungen hochziehen – das Projekt ist umstritten.

Nach dem Aufstellungsbeschluss des Bebauungsplans Altenberg hatten Anlieger eine Bürgerinitiative gegründet, die mit rund 4000 Unterschriften einen Bürgerentscheid auf den Weg brachte. Der Zuspruch überraschte selbst die Initiatoren. Ob er auch ein Beleg dafür ist, dass viele Bürger in der Gesamtstadt das Thema zu ihrem eigenen gemacht haben, oder ob die BI nur Eigeninteressen der Anlieger artikuliert, wird sich am Sonntag kurz zeigen. Bei den Informationsveranstaltungen blieb der Zuspruch überschaubar.

Eigentümer des Grundstücks, auf dem mit dem Reichswaisenhaus und dem sogenannten "Thaederhaus" zwei denkmalgeschützte Gebäude aus dem 19. Jahrhundert stehen, ist der eingetragene Verein "Erstes Deutsches Reichswaisenhaus". Dem Namenszweck dienen beide Häuser schon lange nicht mehr. Nach Vorwürfen gegen den damaligen Heimleiter wegen Unterschlagung und sexuellen Missbrauchs war die Einrichtung 1977 geschlossen worden. Die Arbeiterwohlfahrt pachtete in der Folge die gesamte Anlage für ein Mädchenheim, beendete die Nutzung aber 2009. Einziger Nutzer derzeit ist der private Kindergarten "Die kleinen Strolche". Er hat in den vergangenen Jahren notdürftig kleinere Reparaturarbeiten vorgenommen, aber sein Auszug ist im Grunde beschlossene Sache.

Für eine umfassende Sanierung der Gebäude unter Beachtung der Denkmalschutzauflagen fehlen dem Verein Reichswaisenhaus schlicht die Mittel, hat dessen Vorsitzender Jörg Uffelmann mehrfach erklärt. Er spricht von einem Millionenbetrag, der dafür investiert werden müsste.

Mit der Aufstellung des Bebauungsplans Altenberg, den der Gemeinderat mit großer Mehrheit Ende Juli vergangenen Jahres beschlossen hatte, wollte die Stadt einen jahrelangen Stillstand beenden. Weil nach Darstellung der Verwaltung im alten Bebauungsplan nur eine soziale Nutzung festgeschrieben war, sollte der geänderte Plan Wohnbebauung zulassen. Mit der Deutschen Bauwert, die zuvor schon bei der Überplanung des Lahrer Kasernenareals gute Figur gemacht hatte, trat ein Investor auf den Plan, der die historischen Gebäude von Grund auf sanieren und daneben Wohnungen bauen will.

Gegen diese Pläne hat sich aus den Reihen der Anlieger eine Bürgerinitiative (BI) formiert, die inzwischen aber auch Bürger in ihren Reihen hat, die die Stadtplanung der vergangenen Jahre für verfehlt halten. Die BI moniert eine zu dichte Bebauung des Areals und fürchtet Verkehrsprobleme. In der Tat wäre das neue Baugebiet nur durch zwei enge Zufahrtstraßen erschließbar. Eine im Auftrag der Stadt erstellte und vom Investor bezahlte Studie hält die Probleme für lösbar. Dass der Investor nach Protesten der BI die ursprünglich vorgesehenen knapp 200 Wohneinheiten auf rund 139 zusammengestrichen hat, reicht den Gegnern nicht. Auch das wäre in ihren Augen nach wie vor eine zu dichte Bebauung.

Auf ihren Plakaten und Stellungnahmen überschreitet die Kritik längst den unmittelbaren Einzugsbereich des Altenbergs. Es geht grundsätzlich um die Angst vor steigenden Mieten, die angeblich durch die Bebauung drohen. Moniert werden auch fehlende Schul- und Kindergartenplätze im Quartier. Gegen eine Bebauung werden auch Staus und fehlende Parkplätze in Lahr ins Feld geführt. Bei zwei Informationsveranstaltungen hatte die Stadt argumentativ dagegen gehalten. Ob sie damit durchgedrungen ist, ist offen. Immerhin hat die Bürgerinitiative, die auch im Internet stark aktiv ist, mit dem Slogan "Für ein liebenswertes Lahr" ein zugkräftiges Motto gefunden.

Das Quorum liegt bei rund 7000 Stimmen. Stand Donnerstag dieser Woche haben bislang 2268 Bürger Briefwahlunterlagen beantragt. Daraus abzuleiten, dass es ein großes Interesse am Bürgerentscheid gibt, wäre indes verfrüht. Sollte die Bürgerinitiative Erfolg haben, dann tut sich auf dem Altenberg in den nächsten drei Jahren erst einmal gar nichts – und die Bausubstanz der beiden denkmalgeschützten Gebäude droht weiter zu verfallen. Kommt das nötige Quorum nicht zustande, hat der Verein Reichswaisenhaus bereits angekündigt, aus dem Verkaufserlös den Neubau einer Kindertagesstätte am Altenberg zu finanzieren. Die soll ebenso wie das Restgeld an die vor rund zehn Jahren gegründete "Stiftung Bürger für Lahr" übergeben werden.
von Manfred Dürbeck
am Fr, 24. März 2017

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