Bauern fühlen sich eingekesselt

BZ-SERIE (TEIL 15): Drei Landwirte im Stadtteil St. Georgen fürchten um ihre Existenz, wenn ihre Äcker zu Bauland werden.

Pferde dösen in der Sonne, andere mümmeln ihr Heu. Rundherum liegen Felder und Wiesen, an den Hängen sind Weinreben zu sehen. Es ist friedlich am Rande des Stadtteils St. Georgen. Nur wie lange noch? Das fragen sich die Landwirte dort, seit sie aus der Zeitung erfahren haben, dass in Freiburg ein neuer Stadtteil gebaut werden soll. Seither sorgen sie sich um ihre Existenz. Im Gespräch sind zwei Gebiete, beide werden zurzeit untersucht. Ein Areal liegt nördlich des Stadtteils Rieselfeld, ein anderes westlich von St. Georgen. "Wenn St. Georgen-West kommt", sagt Landwirt Manfred Vögele und deutet auf seinen Hof, "dann stehen hier demnächst mehrgeschossige Häuser."

Der 43-Jährige ist einer von drei Voller-werbslandwirten, die im einstmals sehr dörflich geprägten St. Georgen noch übrig sind (siehe auch Text unten). Außerdem gibt es dort eine gute Handvoll Nebenerwerbsbauern. Manfred Vögele lebt inzwischen hauptsächlich von der Pferdepensionshaltung, gemeinsam mit seiner Frau versorgt er rund 40 Tiere. Auf dem Gelände ist auch der St. Georgener Reiterverein ansässig, 120 Mitglieder und 70 Kinder nutzen das Angebot. Außerdem baut Vögele Wein an. In Sichtweite und auch mitten im Untersuchungsgebiet von "St. Georgen-West" liegt der Hof von Ackerbauer Klaus Schitterer (43). Und direkt hinter Manfred Vögeles Betrieb hat Biobauer Otmar Kiefer (47) vor rund zehn Jahren seinen Hühnerstall ausgelagert. Denn 1200 Hühner wären mitten in St. Georgen, wo in den vergangenen Jahren etliche neue Baugebiete entstanden sind, zu störend gewesen. Auch die beiden anderen Bauern sind aus dem gleichen Grund mit ihren Betrieben aus dem Ortskern ausgewichen und haben neu gebaut – ebenfalls erst etwa vor rund zehn Jahren.

Und jetzt auch noch ein neuer Stadtteil. "Es wird einfach über uns hinweg geplant", sagt Manfred Vögele: "Die Bauern werden eingekesselt." Wenn St. Georgen-West käme, müssten die drei Vollerwerbsbetriebe gänzlich weichen, da sie im Plangebiet liegen. Aber auch, wenn sich die Stadtverwaltung für Dietenbach entscheidet – was derzeit politisch gewollt ist – wird es für die Bauern eng. Beispiel Klaus Schitterer: Rund ein Drittel seiner insgesamt 114 Hektar Ackerflächen liegen im Dietenbach-Areal. Flächen, die kaum zu ersetzen seien, sagen die Landwirte. Diese Erfahrung haben sie in der Vergangenheit immer wieder gemacht. Denn auch durch die anderen Baugebiete in St. Georgen haben die Bauern bereits etliche Hektar verloren, neben den eigentlichen Bauflächen sind sie meistens auch noch bei den so genannten Ausgleichsflächen betroffen, die die Stadtverwaltung als Ersatz für die bebauten Gebiete ökologisch aufwerten muss und die dann ebenfalls als Landwirtschaftsflächen wegfallen.

Und da nicht nur im Freiburger Stadtteil St. Georgen gebaut wird, sondern in der ganzen Region, gibt es für die Bauern kaum irgendwo anders neue Flächen zu kaufen oder zu pachten. "Der Markt ist leergefegt", sagt Schitterer. Als Lohnunternehmer bietet er seine großen Ackermaschinen auch noch kleineren Betrieben an, etwa den Nebenerwerbslandwirten in St. Georgen. Da auch sie Flächen in den Plangebieten besitzen, fielen dadurch für ihn weitere Einnahmen weg, sagt Schitterer.

Wenn der neue Stadtteil gebaut wird, muss die Stadt Freiburg die Grundstückseigentümer für ihre Flächen entschädigen. Wie viel Geld dabei pro Quadratmeter gezahlt werden soll, will die Stadtverwaltung am Montag bekannt geben. Ein Gutachter hat die Werte ermittelt. Zum Vergleich: Im Baugebiet "Zinklern" in Lehen, wo derzeit das gleiche passiert, hat die Stadtverwaltung den Eigentümern 100 Euro pro Quadratmeter geboten. Das bedeutet: Wenn jemand 1000 Quadratmeter besitzt, bekommt er 100 000 Euro, bei einem Hektar sind es schon eine Million Euro. Sowohl im Dietenbach-Areal als auch in St. Georgen-West gibt es jeweils rund 400 verschiedene Eigentümer, die Flächen sind 123 und 163 Hektar groß.

Weil überall gebaut wird,

gibt’s keine Ersatzflächen

Die Bauern in St. Georgen besitzen jedoch den Großteil ihrer Äcker gar nicht selbst, Otmar Kiefer beispielsweise hat 90 Prozent seiner Felder gepachtet. Und außerdem reichten die Entschädigungen abzüglich der Steuern bei weitem nicht, um ihre Familien bis zur Rente durchzubringen, argumentieren die Bauern. Ganz abgesehen davon: Die Landwirte wollen ihre Betriebe gar nicht aufgeben. "Meine Familie ist seit 300 Jahren in der Landwirtschaft tätig, das will ich fortführen", sagt Otmar Kiefer. Die Landwirte seien Garanten für den Landschaftsschutz und für das Ortsbild.

Bei allem Verständnis für die Wohnungsnot: Gerade in einer grünen Stadt, so meint Manfred Vögele, könne es doch nicht angehen, dass alles zugepflastert werde. Die Landwirtschaft scheine die Stadtverwaltung jedoch gar nicht zu interessieren, ärgert sich Vögele. "Weg damit: So denkt die Stadt über uns." Davon könne jedoch keine Rede sein, betont Rathaussprecherin Edith Lamersdorf. Niemand wolle die Bauern in die Bredouille bringen. Die Probleme würden von der Stadtverwaltung absolut gesehen und auch ernst genommen. "Wir werden eine Lösung finden", sagt Lamersdorf. Es habe bereits Gespräche mit den Bauern gegeben, weitere seien geplant. Es könne gerade nur nicht alles auf einmal geschehen. Bei den Planungen des neuen Stadtteils seien viele Dinge zu berücksichtigen.

Nächstes Mal lesen Sie, was es in Freiburg an Luxuswohnraum gibt.

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von Jelka Louisa Beule
am Sa, 27. April 2013

Badens beste Erlebnisse