Pro und Contra

Bebauung Reichswaisenhausareal: Stillstand oder Verwüstung?

Die geplante Bebauung des Altenbergs rund um das Reichswaisenhaus in Lahr bleibt umstritten. Baubürgermeister Tilman Petters und Frank Himmelsbach von der Bürgerinitiative, die gegen das Projekt ist, stellen ihre Positionen dar.

Pro: Bebauung Altenberg

Tilman Petters, Baubürgermeister der Stadt Lahr

» Die Idylle verfällt: Den Altenberg kennen die Lahrer als durchgrünten Bereich unterhalb des Waldes, dessen herausragende Merkmale die beiden prächtigen denkmalgeschützten Hauptgebäude bilden. Manche passieren ihn auf dem Weg zum Ringerheim, beim Spaziergang in den Wald oder weil ihre Kinder den Kindergarten dort besuchen. Mittlerweile verfallen die Denkmale, die Gartenanlagen verwildern. Außer dem sanierungsbedürftigen Kindergarten ist keine Nutzung in Sicht. Seine Zukunft steht auf dem Spiel. Der Reichswaisenhaus-Verein als Eigentümer der über sechs Hektar großen Privatfläche sieht sich nicht in der Lage, Gebäude und Gelände zu erhalten. Der stetige Wertverlust nimmt dem Verein jegliche Handlungskraft. Die Awo als Pächter sieht keinen weiteren Bedarf beziehungsweise kann diesen anderswo günstiger decken. Der soziale Grundgedanke des Reichswaisenhauses geht endgültig verloren. Baulich lässt der seit 1967 gültige Bebauungsplan eine spürbare Verdichtung zu, schreibt jedoch als ausschließliche Nutzung "Reichswaisenhaus" vor. Andere Nutzungen als diese sind nur mit einer Bebauungsplanänderung genehmigungsfähig. Mit dieser oder anderen nur sozialen Zweckbestimmungen hat niemand Interesse am Areal, angesichts des enormen Investitionsbedarfs in Gebäude, Erschließung und Gelände.

Verfall ist keine Alternative: Die einzige Lösung liegt darin, die Nutzungsmöglichkeit des Geländes zu verbessern. Wohnbebauung bietet sich als Alternative an. Sie ist verträglich in Hinblick auf Erhalt und Weiternutzung der Denkmale. Sie fügt sich gut in großzügige Grünanlagen ein und harmoniert in Bezug auf die benachbarten Wohngebiete.

» Lahr braucht neuen Wohnraum: Die Nachfrage nach städtischen Wohnbauplätzen für die nächsten Jahre ist vierfach überzeichnet. Der Altenberg ist ein wichtiger Mosaikstein zur Deckung des wachsenden Wohnraumbedarfs in Lahr. Er ist Teil der gesamtstädtischen Strategie, den Bedarf für alle Bevölkerungsschichten zu decken, wie es in zahlreichen Projekten im ganzen Stadtgebiet spürbar war, ist und noch sein wird. Über eine Bebauungsplanänderung könnte dringend benötigter Wohnraum in einem ausgewogenen Mix geschaffen werden, die Denkmale umgenutzt und dauerhaft gerettet, die Kita-Nutzung vor Ort erweitert, die naturnahen Gartenstrukturen als Ausgleichsmaßnahmen gesichert und eine öffentliche Durchwegung zum Wald ausgebaut werden. Der Grundstückserlös käme im Sinne des Reichswaisenhausgedankens sozialen und karitativen Zwecken in der gesamten Stadt zugute.

Kompromisse bietet ein neuer Bebauungsplan: Will man diese Vorteile erreichen, sind die Vorgaben des Bebauungsplans so zu ändern, dass einerseits die erhaltenswerten Qualitäten nicht verloren gehen, andererseits privates Kapital den notwendigen Aufwand finanziert. Die vorliegende Konzeption ist ein vorläufiger Zwischenstand. Die Stadt Lahr wird im Verfahren auf weitere verbindliche Reduzierungen der Baudichte, Wohnflächen und eine soziale Komponente hinarbeiten. Gerade die öffentliche Auseinandersetzung mit Einzelthemen, die Absicherung der Machbarkeit, der Verträglichkeit und der Rechtssicherheit ist die Aufgabe eines Bebauungsplanverfahrens. Die Stadtverwaltung und eine deutliche Mehrheit des Gemeinderates wollen am Altenberg ein attraktives, ökologisch hochwertiges und sich harmonisch in die Umgebung einfügendes Wohngebiet, für Junge und Ältere, für Familien und Singles.

» Deshalb "Nein" zum Stillstand – kein Planungsstopp: Das Aussetzen dieses Verfahrens für drei Jahre mit erneuter mehrjähriger Planung löst weder die akuten Probleme, noch hilft es, den Erhalt der wertvollen Strukturen zu fördern oder einen Investor zu finden. Es geht beim Bürgerentscheid nicht um die Frage, ob der Altenberg bebaut werden soll oder nicht. Es geht darum, ob der überholte Bebauungsplan von 1967 so angepasst wird, dass eine neue Nutzung zulässig wird, welche die hohen baulichen und natürlichen Qualitäten des Areals absichert und entwickelt. Nur durch die Weiterführung des zielorientierten öffentlichen und politischen Verfahrens können die zu Tage getretenen Konflikte behoben werden. Lösungsansätze, die in einen neuen Bebauungsplan münden, binden jeden Investor. Das schützt die Anwohner und schafft Sicherheit. Planungsstillstand und jahrelanger Rückzug ins private Baurecht gefährden den Erhalt der Denkmale und des Naturraums.

Stillstand provoziert den Verlust des hochwertigen Bestandes. Stillstand bedeutet Verzicht auf Regelung. Stillstand bietet keine Zukunft. Stillstand ist keine Lösung.

Contra: Bebauung Altenberg

Frank Himmelsbach, einer der drei Sprecher der Bürgerinitiave Altenberg, die sich gegen das Projekt gegründet hat.

Am Altenberg soll nach unserer Auffassung nicht gebaut werden, weil...
... Lahr nicht noch mehr Verkehr ertragen kann. Wo viel Wohnraum entsteht, muss auch die Infrastruktur des Verkehrs ausgebaut werden. Doch die "Ader" von Lahr, die Bundesstraße 415, hat ihre maximale Kapazität erreicht. Laut einer vor drei Jahren durchgeführten Verkehrszählung musste die Bundesstraße schon damals über 18 000 Fahrzeuge im Laufe von 24 Stunden aushalten. Der Pendler kennt das allmorgendliche Stop-and-Go. Der Fahrradfahrer weiß um die Gefahren. Wie auch die zahlreichen Fußgänger oder Schulkinder, die eine der drei in der Oststadt ansässigen Schulen besuchen. Neben den Schulen befinden sich auch zahlreiche Arbeitgeber und das Ortenau Klinikum in diesem Gebiet. Mehr Verkehr gibt es auch aufgrund der Baugebiete Kasernenareal, Hosenmatten und Hagedorn. Auch die Parkplatzsituation rund um das Ortenau Klinikum ist ausgereizt. Auf der Zufahrt zum neuen Baugebiet, der Altvaterstraße, ist nicht einmal ein reibungsloser Begegnungsverkehr möglich. Lösungen sind nicht in Sicht. Wir wollen nicht noch mehr Stau. Wir wollen sichere Schulwege.

» … die Mietpreise dadurch steigen werden. In Lahr werden viele Wohnungen gebaut. Besonders im niedrigen Preissegment besteht für Familien, Alleinerziehende, junge Menschen und Menschen mit geringen Einkommen Bedarf. Doch die am Altenberg geplanten, hochpreisigen Wohneinheiten werden insbesondere Investoren anlocken, die über hohe Mieten eine interessante Rendite erzielen wollen. Hier wird Lahr oft als Einzugsgebiet der Universitätsstadt Freiburg offeriert. Kommen diese Wohnungen auf den Markt, sorgen die dort angebotenen Preise auch für einen generellen Anstieg der Mieten in Lahr. Denn einen offiziellen Mietspiegel in Lahr gibt es nicht und so vergleicht jeder Vermieter sein Angebot mit denen aus Zeitung und Internet.

… zuerst die Kindergarten- und Kinderbetreuungsplätze geschaffen werden müssen. Wer in Lahr einen Hort-, Kita- oder Betreuungsplatz sucht, kennt je nach Stadtteil mehr oder weniger lange Wartelisten. Insbesondere die Grundschulsituation in der Oststadt kann aufgrund fehlender Plätze als kritisch angesehen werden, wie auch die Möglichkeit, eine Ganztagsbetreuung für die Kinder berufstätiger Mütter zu finden. Ein Grund hierfür ist die überdurchschnittlich starke Expansion der Stadt. Die Angebote für junge Familien können nicht so schnell erweitert werden, wie Wohnraum angeboten wird. Durch etwa 300 neue Einwohner am Altenberg wird dieses Problem weiter verschärft. Dabei könnte das Areal doch die Lösung sein. Das Reichswaisenhaus wäre für den Ausbau einer verkehrsberuhigten und naturnahen Betreuung von Kindern und Schülern prädestiniert.

» … gewachsene Natur für maximale Bebauung weichen muss. Das Plangebiet umfasst 70 000 Quadratmeter, davon 24 200 Quadratmeter Wald. Bis zu 10 200 Quadratmeter Wald sollen durch Bebauung und Umwandlung weichen. Dies hat auch den Verlust an Lebensräumen besonders und streng geschützter Arten zur Folge. Die Natur und der freie Blick darauf sind für uns schützenswert und ein Synonym für die Lebensqualität in Lahr.

… das Areal weiterhin für soziale Zwecke genutzt werden soll. Das Reichswaisenhaus ist ein Teil der Lahrer Geschichte. Es steht symbolisch für die Erfolgsgeschichte eines Sozialprojektes, für die Spendenbereitschaft der Bevölkerung und traditionellem Recycling, da damals zum Beispiel Zigarrenspitzen in ganz Deutschland gesammelt und weiter verkauft wurden. Diese Symbolik und die Fernwirkung des Denkmals sollen erhalten bleiben. Eine weitere soziale Nutzung drängt sich geradezu auf. Diese kann durchaus auch durch den Verkauf von Teilflächen zur privaten Nutzung finanziert werden. Die Bürgerinitiative will hier Ideengeber und Wegbereiter sein.

» … der durch den Investor DBA Deutsche Bauwert vorgelegte Plan eine viel zu dichte massive Bebauung vorsieht. Acht Gebäude mit viereinhalb Stockwerken, 14 Einfamilienhäuser und drei Doppelhäuser bedeuten vielleicht maximalen Ertrag für den Investor. Doch sieht jeder, der sich etwas genauer mit dem Projekt beschäftigt, dass der Altenberg dieses Volumen nicht verkraftet und optisch ein weiterer Lahrer Berg verwüstet wird.
Der Bürgerentscheid

Wer Fragen rund um die geplante Bebauung am Altenberg hat, kann die regelmäßigen Sprechstunden im Stadtplanungsamt besuchen: Am 1., 8. und 15. März von 14.30 bis 16 Uhr sowie am 22. März von 10.30 bis 12 Uhr. Die Sprechstunden finden im Rathaus 2, Schillerstraße 23, im ersten Obergeschoss, Zimmer 155, statt. Anmeldungen sind möglich unter Tel. 07821/910-0681.

» Die Stadt Lahr wird ab Freitag, 3. März, auf ihrer Homepage eine Information zum Bürgerentscheid veröffentlichen. Die Bürgerinitiative bekommt dabei denselben Raum wie Gemeinderat und Oberbürgermeister zusammen.

Am Freitag, 10. März, beginnt um 18.30 Uhr in der Aula des Max-Planck-Gymnasiums eine weitere Infoveranstaltung. Dabei werden Befürworter und Gegner der Bebauung zu Wort kommen.

Die Wahlbenachrichtigungen werden bis spätestens 4. März verschickt, dann ist Briefwahl möglich. Alle Wahlberechtigten ab 16 Jahre können ihre Stimme abgeben. Gewählt werden kann am Sonntag, 26. März, von 8 bis 18 Uhr in den bekannten Wahllokalen. Um 19.30 soll das Ergebnis feststehen.

Die Badische Zeitung hat ein Online-Dossier mit allen Berichten der Badischen Zeitung zum Thema Bebauungsplan Altenberg und Bürgerentscheid eingerichtet.
von Tilman Petters und Frank Himmelsbach
am Fr, 24. Februar 2017 um 17:14 Uhr

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