Beide Seiten müssen es wollen

BZ-SERIE (TEIL 8): Integration ist eine Aufgabe für Zuwanderer und Einheimische gleichermaßen, sagt Ralf Rollenbeck vom Diakonischen Werk.

Ein spannendes Thema, aber beileibe kein neues, sagt Ralf Rollenbeck über den Demografischen Wandel. "Der Schwarzwald hat schon immer von Ausländern gelebt", meint er und nennt als Beispiel jene Italiener, die maßgeblich am Bau der Höllentalbahn beteiligt waren. Beruflich hat Rollenbeck im Jugendmigrationsdienst (JMD) des Diakonischen Werks in Neustadt täglich mit Zuwanderern zu tun.

Der Sozialpädagoge ist in seinem Büro an der Hauptstraße Ansprechpartner für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von zwölf bis 26 Jahren. Für die Migrationsberatung der älteren Männer und Frauen ist Kollege Bernhard Beier-Spiegler zuständig. Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Beratung, um den Menschen das Einleben und Zurechtfinden in der fremden Umgebung zu erleichtern. In den Gesprächen, die für die Hilfesuchenden kostenfrei sind und der Schweigepflicht unterliegen, geht es um alle Themen, die Zuwanderern Probleme bereiten können: die Sprache, die Suche nach Wohnung und Arbeit, nach der richtigen Schule oder einem Ausbildungsplatz für die Kinder, die Bürokratie ebenso wie finanzielle oder familiäre Sorgen.

Rollenbeck leistet Hilfestellung beim Ausfüllen von Formularen wie bei Bewerbungsschreiben, vermittelt Sprachkurse, macht auf ehrenamtliche Angebote wie Hausaufgabenhilfe und die "kleine Oase" Kaffee-Kleider-Stube aufmerksam und animiert zum Besuch des Jugendtreffs. Zusammen mit Jugendpflegerin Ida Sander bietet er jährlich ein Anti-Gewalt-Training an, im Sommer wird’s ein Angebot nur für Jungs geben. Größtes Problem sei es, Arbeit zu finden, vor allem für Geringqualifizierte. Für die jungen Neubürger ist die Anerkennung ihrer Zeugnisse wichtig, um ihre Chancen zu verbessern.

Mit etwa 100 Beratungsfällen im Jahr hat Rollenbeck es nach eigener Einschätzung zu tun. Intensivere und damit langfristige Beratung sei in etwa 50 Fällen notwendig. Um "Lebenswegplanung" geht es dabei und auch um ganz individuelle Probleme. Bei 25, 30 Nationalitäten ist die Verständigung ohne Dolmetscher bisweilen eine große Herausforderung.

Annähernd 20 Jahre lang bildeten die Spätaussiedler aus der früheren Sowjetunion die größte Gruppe der Migranten. "Die gibt’s als Gruppe fast gar nicht mehr", weiß Rollenbeck. In den vergangenen zwei, drei Jahren nahm die Zuwanderung aus Staaten der Europäischen Union (EU) stark zu, meist aus Südeuropa als Folge der Euro- und Wirtschaftskrise. Portugiesen, Spanier und Griechen, die in ihren Heimatländern keine Arbeit und kein Auskommen mehr fanden, seien hier vornehmlich in der Gastronomie tätig.

Bei der Zuwanderung aus Drittstaaten, also Nicht-EU-Ländern, handle es sich vor allem um Familienzusammenführungen wie "Heiratsmigranten". Theoretisch zählen auch die Asylbewerber im Hochschwarzwald, darunter viele Afghanen sowie Syrer und Iraner zur Klientel der Migrationsberatung; sie haben allerdings erst nach ihrer Anerkennung, die sich oft ein Jahr hinziehen kann, Anspruch auf einen Integrationskurs, der aus Sprach- und Orientierungskurs besteht. Dabei haben nach Rollenbecks Erfahrung Flüchtlinge "eine sehr hohe Motivation", die Sprache ihres Zufluchtslands zu lernen und sich hier zu integrieren. Auch EU-Bürger haben keinen gesetzlichen Anspruch auf einen Integrationskurs.

Dabei ist der Spracherwerb Grundvoraussetzung für gelingende Integration. Diese ist nach Ralf Rollenbecks Erfahrungen bei den Spätaussiedlern "sehr gelungen und abgeschlossen", was auch am sehr guten Bildungssystem der früheren GUS-Staaten liege. Dieser Erfolg werde viel zu wenig registriert und gewürdigt, bedauert er. Integration sei keine Einbahnstraße, betont Ralf Rollenbeck, sondern eine Aufgabe für die Zuwanderer wie auch die Einheimischen, denn "das Miteinander muss gestaltet werden" – und das müssten beide Seiten wollen, außerdem brauche es Zeit.

Die sich verändernde Zusammensetzung der Bevölkerung hält der Sozialpädagoge für eine "gewaltige Aufgabe, die mit Schwierigkeiten verbunden ist" – aber auch für eine "ungeheure Bereicherung", die Chancen bietet, dazuzulernen und den eigenen Horizont zu erweitern. Ganz zu schweigen von den positiven Auswirkungen für die heimische Wirtschaft angesichts sinkender Geburtenzahlen und zunehmenden Fachkräftemangels.

von Annemarie Zwick
am Mo, 29. April 2013

ZAHL DES TAGES

76

Auf so viel Internationalität hätten wohl wenige getippt: Menschen aus 76 Nationen lebten am Jahresende 2012 in Titisee-Neustadt, dazu gehören auch die Asylbewerber in der Wälderstadt.  

Autor: zwi


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