BZ-Serie "Selbermachen" (Teil 8)

Betreutes Schrauben: Die Selbsthilfewerkstatt der Radgeber

Schlauch flicken, Kette spannen, hakelige Schaltung einstellen, defektes Licht tauschen : Dafür braucht es keinen Profi. Wer selber Hand anlegen will, kann das bei den Radgebern in Freiburg tun.

Nicht für jede Reparatur muss das Fahrrad in die Werkstatt gebracht werden. Kleinere Probleme können auch selbst gelöst werden – wenn man weiß, wie es geht. Anleitung und Hilfe gibt es in Selbsthilfewerkstätten. Ein Besuch.

Auf den ersten Blick ist die Fahrradwerkstatt im letzten Hof auf dem Gelände der Freiburger Fabrik eine ziemlich gewöhnliche Werkstatt. Alles steht voller Räder, manche davon sind komplett, andere in ihre Einzelteile zerlegt. Es riecht nach Schmieröl, an den Wänden hängen Rahmen, Tretlager und Sattelstützen. Das ist keine Werkstatt, in der nur inspiziert, ausgetauscht und weggeworfen wird, hier wird getüftelt und repariert – und zwar von den Kunden selbst.

Zum Erklären gibt es die Profis

Die Selbsthilfewerkstatt gehört zu den "Radgebern" in Freiburg. Der Betrieb versteht sich als Kollektiv. "Keiner ist Chef. Jeder ist Chef", sagt Jonas Rottmüller (24), der an diesem Tag Dienst hat und zwischen drei Rädern hin und her springt. 1980 gegründet von "wirtschaftskritischen, umwelt- und verkehrsbewussten Studierenden", wollen die Radgeber ein Zeichen setzen: reparieren statt wegwerfen. Ein Gedanke, der in den vergangenen Jahren wieder eine größere Bedeutung gewonnen hat.

Heute arbeiten in der Habsburgerstraße keine Studenten mehr, sondern ausgebildeten Zweiradmechaniker. Die Idee ist aber dieselbe geblieben: Die Radler sollen ihr Fahrrad selbst reparieren. Mit Hilfe der Profis, aber auf eigene Faust.

"Wenn du in einen Fahrradladen gehst und etwas an deinem Rad kaputt ist, wird dir heutzutage sofort gesagt: Das lohnt sich nicht, das muss weg. Und dann empfiehlt man dir, am besten gleich ein neues Rad zu kaufen", sagt Ally Dolle, Jahrgang 1959 und Maschinenbauingenieur.

Die Profis erklären

Wer sein Rad selbst reparieren will, geht in die Selbsthilfewerkstatt – am besten mit Geduld und Zeit. Kunden gibt es viele, Zweiradmechaniker aber immer nur drei pro Schicht. Zwei davon arbeiten in der Selbsthilfe, einer im Laden, im "Normalgroove", wie die Mechaniker die Reparaturzeit außerhalb der Selbsthilfewerkstatt nennen. Werkzeug und (gebrauchte wie neue) Ersatzteile sind vorhanden. Bedingung, um selbst Hand anzulegen, ist festes, geschlossenes Schuhwerk – zum Selbstschutz und aus Versicherungsgründen. Sonst gibt es keine Voraussetzungen. Jeder kann reparieren. Auch Menschen, die noch einen Schlauch gewechselt oder neue Bremsklötze montiert haben. Zum Erklären gibt es die Profis. Die greifen auch ein, wenn es für den Kunden zu gefährlich werden würde. Zum Beispiel, wenn ein festgerostetes Teil rausgeschweißt werden muss.

Uno (25) wartet, bis einer der Mechaniker Zeit hat. Sie ist eine der Kundinnen, die bei null anfangen. "Ich habe noch nie ein Fahrrad repariert. Aber ich fahre jeden Tag damit. Irgendwie ist es ein komisches Gefühl, so einen Alltagsgegenstand nicht selbst reparieren zu können." Uno hat sich vorgenommen, dieses Unbehagen an diesem Tag loszuwerden und selbst zu schrauben. "Die Kette ist ausgeleiert. Vielleicht muss das Hinterrad ausgetauscht werden."

Frauen werkeln emsig mit

Die finanzielle Entlastung ist für die Studentin ein angenehmer Nebeneffekt. Eine Stunde Werkstattnutzung wird mit einer Pauschale von drei Euro abgerechnet. Dazu kommt das Material. "Im Fachhandel zahlt man für einen Reifenwechsel locker 25 Euro", sagt Jonas Rottmüller. Wer selbst aktiv wird, zahlt 1,50 Euro für eine halbe Stunde Werkstattnutzung und an die fünf Euro für einen gebrauchten Mantel. Ein neuer schlägt mit mindestens 18 Euro ins Kontor.

Rottmüller fing als Kunde in der Selbsthilfewerkstatt an, er machte eine Ausbildung zum Goldschmied und ist jetzt viermal die Woche als Zweiradmechaniker im Einsatz. Studentinnen wie Uno sind keine Ausnahme unter den Kunden, sagt Markus Keßler. Der Geograf und Zweiradmechaniker ist seit 15 Jahren im Team. "Als ich hier anfing, waren Frauen die totale Ausnahme. Mittlerweile werkeln fast mehr weibliche als männliche Kunden."

Im Elternhaus lernen nur noch wenige, wie man einen Platten flickt oder die Bremszüge auswechselt. Und wenn, dann bekommen es eher die Söhne als die Töchter beigebracht. "Dafür sind wir da, quasi als Großer-Bruder-Ersatz", sagt Ally lachend. Große-Schwestern-Ersatz gab es auch schon, aber leider (ein kollektives und aufrichtiges "leider" tönt von allen Seiten durch die Werkstatt) sind zurzeit keine Frauen im Team.

Geduld ist gefragt

Die Selbsthilfewerkstatt verlangt nicht nur von den Kunden, sondern auch vom Team Geduld. "Der eine braucht länger, der andere kürzer", sagt Markus, der wie im Schlaf einen Platten flickt. Er muss nicht mal hinsehen. "Manche Kunden können gut zuhören, andere sind total unaufmerksam, wenn man ihnen etwa erklärt. Und es gibt Tage, an denen alle gleichzeitig reden und drei Leute auf einmal Fragen über Fragen stellen. Dann wird es schwierig, jedem Kunden so gerecht zu werden, wie man gerne möchte." Trotzdem schaffen sie es, jedem Kunden so viel zu vermitteln, dass er selbst an seinem Rad schrauben kann. Wenn nicht, legen sie noch einmal nach.

"Das Schönste ist, <wenn man merkt, wie sehr sich die Leute freuen, dass sie etwas selbst repariert haben. Das ist der Belohnungseffekt", betonen die Profis. Auf diesen Effekt setzt auch Thorsten Samendinger (37). Er kommt regelmäßig, um sein Rad auf Vordermann zu bringen. Silberner Rahmen ohne Schriftzug, Single-Speed-Ritzel, kein Rücktritt – er ist stolz auf sein auffälliges Zweirad und man merkt ihm an, dass er auf höchstem Niveau tüftelt: "Ich komme, wenn sich mein Fachwissen erschöpft. Dann kann ich mir hier Tipps abholen." Seine Reifen wechselt er selbst. Erst beim Feinschliff gibt er an die Profis ab.
Info

  • Die Selbsthilfewerkstatt in der Habsburger Straße 9 in Freiburg ist wochentags von 15 bis 18.30 Uhr, samstags von 10 bis 14 Uhr geöffnet. http://www.radgeber-freiburg.de
  • Die Studierendenvertretung der Uni Freiburg betreibt eine Selbsthilfewerkstatt im Hof des Studierendenhauses in der Belfortstraße 24. Treffpunkt: mittwochs ab 16 Uhr, im Wintersemester bis 18 Uhr, im Sommersemester bis 20 Uhr.
  • Im Freiburger Quartier Vauban bietet "Radieschen & Co" Selbsthilfemöglichkeiten im Freien an. Marie-Curie-Straße 1, Tel. 0761/401 44 35

Mehr zum Thema:
von Nadja Al-Khalaf
am Mo, 21. September 2015 um 12:17 Uhr

Badens beste Erlebnisse