Blick hinter die Kulissen der Kollegen

Domfestspielgemeinde besucht die Macher der Volksschauspiele Ötigheim.

ST. BLASIEN. "Dieser Blick weckt Begehrlichkeiten", gestand Wolfgang Endres freimütig angesichts der gewaltigen Massen von Kostümen im Fundus der Volksschauspiele Ötigheim. In diesen wie auch sonst hinter die Kulissen der größten Freilichtbühne Deutschlands durfte eine ansehnliche Gruppe der Domfestspielgemeinde St. Blasien am Samstag schauen, bevor sie der Premierenveranstaltung des Schauspiels "Luther" beiwohnten.

Auch ganz neidisch werden konnte man beim Gang durch die Kulissen, diese stehen bei den Proben quasi von Anfang an zur Verfügung. Nach den kurzen Ferien im Anschluss an die Aufführungen beginnen die Proben für die kommende Saison im November mit Leseproben. Sobald die Witterung es zulässt, kann dann auf die Bühne gewechselt werden. Die Sänger auf der Bühne können die Anweisungen des Dirigenten jederzeit direkt vor sich auf einem großen Monitor hinter den Zuschauern verfolgen.

Bespielt werden können neben der Hauptbühne mit ihrem großen Bühnenaufbau auch die Seitenbereiche und die Grünflächen. Links von der Bühne befindet sich ein kleiner Teich, der je nach Bedarf geflutet werden kann – nicht umsonst heißen die beiden Türme, die als Wahrzeichen der Volksschauspiele den Eingangsbereich markieren, "Telltürme", ist doch Schillers "Wilhelm Tell" das meistgespielte Stück der 1906 von dem aus Kirchzarten stammenden Pfarrer Josef Saier gegründeten Freilichtbühne, und in diesem Stück spielt ja der Vierwaldstätter See eine wichtige Rolle.

Imposant ist auch das Zahlenwerk, das bei der Führung zu Tage trat. 1500 Mitglieder zählt der Theaterverein von Ötigheim insgesamt, 600 Aktive bestreiten in jedem Jahr an 30 Spieltagen drei Produktionen. 400 davon kommen allein aus dem kleinen Ötigheim selbst. Chor und Ballett proben ganzjährig. Neben "Luther" gibt es in dieser Saison noch den "Sommernachtstraum" zu sehen und als Musical das "Dschungelbuch".

Eine große Zahl von Garderoben steht zur Verfügung. Außerdem besitzt die Freilichtbühne einen Pferdestall, in dem bis zu 18 Pferde untergebracht werden können. Dass diese Möglichkeit auch mit Stolz in jedem Stück ausgeschöpft wird, konnten die Gäste dann bei der Aufführung hautnah miterleben. Immer wieder fahren Kutschen quer über den eigens unbefestigt belassenen Streifen zwischen der Haupt- und der Vorderbühne.

In der Aufführung konnten die Gäste aus St. Blasien dann auch einen Teil der Kostüme in Aktion erleben, die die Domfestspiele aus Ötigheim werden ausleihen dürfen und deretwegen der Kontakt ursprünglich zustande gekommen war. Im Schauspiel "Luther" von Felix Mitterer nämlich – die Vorstellung am Samstag übrigens war zugleich die Welturaufführung – kommen natürlich auch einige Nonnen vor, deren Kutten im kommenden Jahr nach St. Blasien wandern dürfen.

Die Domfestspielgruppe konnte ein imposantes Schauspiel miterleben, das mit Chören, Tanzszenen, mit Feuer und mit Kanonendonner aufwartet, konnte aber auch die Beruhigung mit nach Hause nehmen, dass selbst ein derart professionell durchstrukturierter Apparat von Laienschauspielern (die Titelrolle ist die einzige mit einem Profi besetzte Partie des Stückes) mit kleinen Schwierigkeiten zu kämpfen hat.

So wäre beispielsweise die Balance zwischen Orchester und Chören noch verbesserungsfähig, und auch die Sichtverhältnisse sind hier wie überall nicht von jedem Platz aus in jeder Szene optimal.

von Karin Steinebrunner
am Di, 20. Juni 2017


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