Kritische Fragen

Bürgermeisterwahl: Kandidatenvorstellung in vollbesetzter Halle

In einer bis auf den letzten Platz besetzten Turnhalle in Gundelfingen erklären die Bürgermeisterkandidaten, warum sie Chef oder Chefin im Rathaus werden wollen.

GUNDELFINGEN. Das Interesse an der Bürgermeisterwahl in Gundelfingen ist riesig. Rund 900 Besucher kamen zu der offiziellen Kandidatenvorstellung der Gemeinde in die Turn- und Festhalle sowie in das Kultur- und Vereinshaus. In der Halle präsentierten sich die Kandidaten und die Kandidatin einzeln. Inhaltlich unterscheiden sich die Bewerber in ihren Positionen oft nicht grundlegend – in ihrer Vita schon. Und die Bürger fragten kritisch nach.

CHRISTIAN GÖPPER

"Bisher vertrete ich Bürger gegen Verwaltungen. Jetzt will ich die Seiten wechseln", sagte der Jurist Christian Göpper. Der Anwalt für Verwaltungsrecht machte bei der Kandidatenvorstellung den Anfang. Ein Vorteil gegenüber den anderen Kandidaten sei, dass er alle Rechtsfragen selbst klären könne. "Mit einem Juristen ist Gundelfingen zudem 32 Jahre gut gefahren", sagte Göpper Richtung Amtsinhaber Reinhard Bentler.

Der Kandidat will Bürgerbeteiligung über den gesetzlichen Rahmen hinaus stärken, gerade beim "Megathema Straßenbahn" . Göpper ist SPD-Mitglied und will sich für bezahlbaren Wohnraum für Familien einsetzen und einen Jugendgemeinderat gründen. Bei der Flüchtlingsunterbringung des Landkreises tendiert er zu einer dezentralen Lösung. Das Klimaschutzziel, bis 2030 die Kohlendioxid-Emissionen in Gundelfingen zu reduzieren, finde er gut. Als Hauptherausforderung sieht er das Meistern des demografischen Wandels an, das für ihn eng mit der baulichen Entwicklung verknüpft ist. "Es geht nicht um Expansion, ich will die Bevölkerungszahl langfristig halten", sagte Göpper. Er tritt für ein maßvolles Schuldenmachen ein. "Investitionen in die Infrastruktur sind wichtig. Sparen, bis es quietscht, das darf nicht sein."

Als Erster vor das Publikum zu treten, ist nicht leicht. Die Nervosität war Göpper anzumerken. Am Ende hatte er eine klare Botschaft für die Gundelfinger. Noch in diesem Jahr erwartet der Freiburger mit seiner Partnerin ein Kind. "Der Junge soll in Gundelfingen aufwachsen."

RAPHAEL WALZ

"Ich weiß genau, wie man an die Fördertöpfe in Stuttgart, Berlin und Brüssel kommt", sagte der 30-jährige Raphael Walz. Der Leiter des Kommunal- und Rechnungsprüfungsamts beim Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis will vor allem mit seiner Expertise im Kommunalen Finanzwesen punkten. Das Mitglied der Jungen Union möchte zudem das Seniorenzentrum in Gundelfingen erweitern und die erstklassigen Bildungsangebote im Ort erhalten. "Die Zeiten großen Wachstums sind vorbei", sagte Walz. Darum will er die Leerstände analysieren und sieht im Ortsrandgebiet Nägelesee-Nord Potenzial für neuen Wohnraum. Bei der Straßenbahnverlängerung habe er viele Bedenken vernommen und wolle die Auswirkungen darum noch mal genau überprüfen lassen.

"Für einen besseren Lärmschutz kämpfe ich mit Ihnen gemeinsam auf Bundes- und Landesebene", sagte der jüngste Kandidat im Bewerberfeld. Als Amtsleiter mit neun Mitarbeitern habe er zudem Führungserfahrung, auch wenn er den Job erst seit Anfang 2013 ausübt. In seinem Berufsleben sei er schon häufiger "Chef von Älteren gewesen" und könne sich darum auch im Gemeinderat durchsetzen. Gundelfingen soll nicht nur ein Zwischenstopp auf der Karriereleiter sein. "Meine Heimat ist der Breisgau. In Gundelfingen gibt es alles, was sich eine zukünftige Familie wünschen kann."

Das frische Blut, das Walz mitbringen will, ist ihm am Ende in den Kopf geschossen, denn er vergaß sein Schlusswort. Zurück auf der Bühne ließ er sich aber nicht aus dem Konzept bringen und bedankte sich kurzerhand vor allem bei seiner Freundin, die ihn im Wahlkampf sehr unterstütze.

THOMAS DANNER

"Ich bin noch fit. Fragen sie meine Frau", sagte Thomas Danner. Der CDU-Gemeinderat und Leiter der Geschäftsstelle der Raiffeisenbank in Reute ist mit 53 Jahren der älteste Bewerber. Zwei Amtsperioden traut er sich ohne Weiteres zu. Er ist der Kandidat, der am stärksten im Ort verwurzelt ist. Sorgen um Klüngelei müssten sich die Wähler aber nicht machen. "Ich bin seit 30 Jahren Banker. Da habe ich Entscheidungen nach Fakten getroffen und nicht nach Freundschaften", sagte der dreifache Familienvater.

Die Probleme der Gundelfinger kennt Danner gut. In 17 Vereinen ist er nach eigenen Angaben Mitglied. Er sieht einen Widerspruch beim Wunsch vieler Bürger nach mehr bezahlbarem Wohnraum und dem Bedürfnis, die Grünflächen zu erhalten. In diesem Konflikt will Danner sich für eine Ausgewogenheit einsetzen. Der Bebauungsplan im Gebiet Nägelesee-Nord müsse zügig in Angriff genommen werden. Für die Gewerbebetriebe will er die Bebauungspläne ändern, damit die Firmen in die Höhe bauen können. "Das Märktekonzept ist überholt und bedarf einer Überholung." Mit einem Bürgerentscheid würde er klären lassen, wie weit die Straßenbahn in den Ort fahren soll. Er wolle das Seniorenheim erweitern und das Jugendzentrum für mehr Jugendliche attraktiv machen.

"Ich bin kein Verwaltungsfachwirt und kein Jurist", sagte Danner. Er habe aber durch seine Gemeinderatstätigkeit und Arbeit in den Ausschüssen viele Einblicke in die Arbeit der Verwaltung erhalten.

CLAUDIA WARTH

"Bürgerbeteiligung wäre bei mir Chefsache", sagte die 33-jährige Claudia Warth. Die Politikwissenschaftlerin lebt seit neun Jahren in Gundelfingen, ist Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen und sieht sich als Netzwerkerin in der Region, als Allrounderin. "Ich bin nicht der bessere Hauptamtsleiter, der bessere Kämmerer oder der bessere Bauamtsleiter. Ich bin kein Verwaltungsmensch", sagte die Wirtschaftsfachwirtin. Warth setze auf die Expertise der Gemeinderäte und der Bürger. "Ein Bürgermeister kann und muss nicht alles wissen."

Warth fordert keinen Jugendgemeinderat, weil Jugendliche sich auf die Weise einbringen sollen, die sie für richtig halten. Sie ist auch nicht dafür, Grünflächen für neuen Wohnraum zu versiegeln. "Dann würden wir das Problem nur verschieben." Stattdessen fordert sie intelligente Wohnraumkonzepte. Als einzige Kandidatin sprach sie sich klar für die Verlängerung der Straßenbahn aus. Sie fordert eine innovative Wirtschaftsförderung und will dem Gewerbe und dem Handel in Gundelfingen ein Profil geben und beides besser nach außen vermarkten – auch im Internet.

In ihrem Wahlkampf sei sie häufig mit der Frage konfrontiert worden, wer sich um ihre beiden Töchter kümmere. Und auch in der Halle musste sie sich als Einzige dieser Frage stellen. "Die ganze Familie Warth wird sich um unsere Kinder kümmern." Der Vater werde im Falle einer Wahl die Hauptrolle in der Kinderbetreuung übernehmen. "Wir sehen Kinder nicht als Problem, sondern als Bereicherung", sagte sie.

MICHAEL SCHLEGEL

"Meine Lehrjahre als Bürgermeister sind vorbei", sagte Michael Schlegel. Der 49 Jahre alte gebürtige Denzlinger ist seit 1997 Rathauschef von Reute und damit der einzige Kandidat mit Erfahrung im Bürgermeisteramt. Er könne vieles selbst erledigen, weil er tief in den Sachthemen drin sei. "Im Gegensatz zu den anderen Kandidaten bin ich auch wirklich parteilos", so Schlegel, der für die Freien Wähler im Emmendinger Kreistag sitzt. Er sei zudem gut vernetzt mit anderen Bürgermeistern in der Region. "Ich bin ein Verwaltungsfachmann mit Wissen, Erfahrung und Fantasie", so Schlegel.

"Der demografische Wandel ist das alles überragende Thema." Diesen hinzubekommen mit dem Wissen, dass Gundelfingen kaum Flächen zur Verfügung hat: Dies sei für Schlegel die besondere Herausforderung. Beim Thema Wohnbau dürfen neue Flächen kein Tabu sein. Bei der Straßenbahnverlängerung müsse die Gemeinde endlich klar sagen, was sie will. Dem Gewerbe will er ermöglichen, dass es sich in die Höhe entwickelt. Auch Richtung Freiburg sendet er eine klare Botschaft: "Ein Gundelfinger Bürgermeister sollte nicht nur wahr-, sondern auch ernstgenommen werden", so Schlegel.

Präzise, zügig, termingerecht: So beschrieb Schlegel seine Arbeitsweise und so war auch sein Vortrag gestaltet. Eine Bürgerin wollte dann aber doch wissen, warum er sein Amt in Reute, wo er erst im Februar 2013 gewählt wurde, nicht mehr haben will. "Mich trennt es nicht von Reute, aber mich zieht es nach Gundelfingen", sagte Schlegel. Mit seiner Frau, einer Gynäkologin, würde er jedenfalls gerne den Wohnort wechseln.

Alle Artikel zur Wahl, sowie Videos mit den Kandidaten auf BZ-Online: http://mehr.bz/wahlgufi14
von Max Schuler
am Sa, 04. Oktober 2014

BZ-PODIUMSDISKUSSION

Wer die offizielle Kandidatenvorstellung verpasst hat oder noch mehr über die fünf Bewerber erfahren möchte, kann am kommenden Mittwoch, 8. Oktober, die Podiumsdiskussion der Badischen Zeitung besuchen. Beginn ist um 20 Uhr in der Turn- und Festhalle in Gundelfingen. Am 19. Oktober wird ein neuer Bürgermeister gewählt.  

Autor: max

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