BZ-Serie "Wohnen in Freiburg": Mietshäusersyndikat - Wo Wohnen kein Luxus ist

Rosmarie von Pressentin und Elke Manz wohnen in selbstverwalteten Projekten des Mietshäusersyndikats – und das sehr gerne.

Manchmal, an schönen Sommerabenden, holen sie den Grill raus und setzen sich in den Hof. Dann ist es wieder da, dieses Gefühl, an einem besonderen Ort zu wohnen. Mit sehr unterschiedlichen Menschen, viel Spaß, viel Aufregung, ein bisschen Nerverei und guten Nachbarn. Es ist ein spezielles Gefühl, da sind sich Rosmarie von Pressentin und Elke Manz einig – das Wohnen in einem Projekt des Mietshäusersyndikats.

Als Rosmarie von Pressentin vor 24 Jahren in die damalige Hausmeisterwohnung auf das Grethergelände im Quartier Im Grün zog, war alles noch ziemlich chaotisch. Der Boden im Hof war aus gestampftem Lehm und Regenpfützen, an einer Ecke wurden Wohnungen ausgebaut, in der Gießereihalle Konzerte gegeben. Pressentin wohnte mittendrin und fand alles, ja: aufregend.

Elke Manz hatte ganz normal zur Miete gewohnt, bevor sie sich vor 13 Jahren für das Grethergelände entschied. "Der größte Unterschied: Hier gibt es keinen Vermieter, der dir im Nacken hockt", sagt sie. Die beiden Frauen – Manz ist Krankenpflegerin von Beruf, Pressentin Physiotherapeutin – wohnen in selbstverwalteten Hausprojekten des Mietshäusersyndikats, den ersten, die es in Freiburg und der Bundesrepublik gab.

Die 56-jährige Rosmarie von Pressentin hat hier ihr Kind bekommen und aufgezogen, heute wohnt sie mit vier anderen Erwachsenen in einer Wohngemeinschaft auf 160 Quadratmetern. Die 48-jährige Elke Manz wohnt mit zwei anderen in einer 150-Quadratmeter-Wohnung ("das ist wirklich Luxus"). Wenn sie zurückdenken an all die Zeit auf dem Gelände, dann fallen beiden als erstes die Feste ein, die hier gefeiert werden. "Plumbum, weißt du noch, das Theaterstück, nachdem die bleiverseuchte Gießereihalle nach Jahren endlich fertig saniert war?" "Ach, die. Die längste Baustelle nach dem Münster, haben wir immer gesagt. Oder weißt du noch damals, als ihr die Turnerei auf dem Wackelgerüst aufgeführt habt?" Oder die Lesungen im Innenhof, die kreativen Kampagnen, um Geldgeber für Direktkredite zu finden, die Demos, die von hier aus loszogen in die Innenstadt hinein: "Da gab’s und gibt’s schon tolle Momente."

Es ist eher die linksalternative Szene, die hier wohnt und die sich am Syndikatsprojekt beteiligt, da sind sie sich einig. Etwa 100 Menschen sind es auf dem Grethergelände, rund 500 in Syndikatswohnungen in der Regio. Darunter sind zum Beispiel die neuen integrativen Wohnprojekte Woge und Arche im Sonnenhof in Vauban, aber auch die denkmalgeschützte, 250 Jahre alte Ölmühle in St. Georgen. Allerdings ist der Schwung bei neuen Freiburger Projekten jetzt raus, die extremen Immobilienpreise in der Stadt machen selbst dem Syndikat zu schaffen.

Rosmarie von Pressentin und Elke Manz jedenfalls wohnen immer noch auf dem Grethergelände, und das gerne. Wer mit ihnen einen kleinen Rundgang macht, erfährt Geschichte und Geschichten – wo mal ein Durchgang war, dass hier die Kita spielt, wo man über Treppen abkürzen kann. Super, finden sie, dass sie sich die gute Innenstadtlage trotz alledem leisten können. Beide zahlen relativ wenig Miete, nämlich den Einheitspreis von 5,70 Euro pro Quadratmeter, für ihre schönen, großen Wohnungen. Und vor allem: Sie müssen nicht fürchten, dass sie irgendwann eine Mieterhöhung oder eine Räumungsklage bekommen, denn die Häuser sind ja Gemeinschaftseigentum der Syndikatsmitglieder. Kein Immobilienhai kann sie aufkaufen, kein Eigentümer privatisieren. Ja, es ist wahr: Bei ihnen ist Wohnen kein Luxusgut.

Nächsten Samstag lesen Sie:
Die große Zeit der Baugruppen ist in Freiburg vorbei. Oder doch nicht?

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von Simone Lutz
am Sa, 23. März 2013

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