Damit kommste diesmal nich’ mehr durch!

Damit kommste diesmal nich’ mehr durch!

Natürlich hatten wir damals, Anfang der 1970er-Jahre, nur ein Ziel: uns irgendwie um "den Bund" zu drücken. Aber wie? Es gab zwar theoretisch die Möglichkeit zu verweigern und Zivildienst abzuleisten, aber in der Praxis sah das alles ganz anders aus: Die Kommissionen, vor denen man die "Gewissensprüfung" ablegen musste, waren fest in militärischer Hand und die Chance, als Kriegsdienstverweigerer anerkannt zu werden, war gleich Null. Wir kannten jedenfalls in unserem Umfeld niemanden, der es geschafft hatte. Dafür aber kursierten jede Menge Schauergeschichten, wie diejenigen, die abgelehnt worden waren, nach ihrer Einberufung schikaniert wurden. Und das wollte man ja wirklich nicht riskieren.

Einige wenige Glückliche meines Jahrgangs fanden Mittel und Wege, sich zu drücken. Einer gehörte dem Nationalkader der bundesdeutschen Radfahrer an und startete plötzlich für einen Berliner Verein – womit der Militärdienst kein Thema mehr war. Ein anderer, obwohl Mitglied der Junioren-Basketballnationalmannschaft, bekam Plattfüße attestiert und wurde untauglich geschrieben. Meine sportlichen Fähigkeiten beschränkten sich auf die Fußball-Kreisliga A, so dass von dieser Seite keine Schützenhilfe zu erwarten war.

Immerhin attestierte mir ein Arzt nach dem Röntgen die Scheuermann-Krankheit, eine recht harmlose Wirbelsäulengeschichte, die mich zugegebener Maßen auch später nie wirklich beeinträchtigt hat. Das Attest reichte immerhin, dass ich zurückgestellt wurde. Ich werde das hämische Grinsen des Musterungsarztes nicht vergessen, als ich nach einem Jahr wieder vor ihm stand: "Damit kommste diesmal nich’ mehr durch!"

Indes: Ich hatte Glück, wurde zu einer Einheit der "Elektronischen Kampfführung" eingezogen, in der militärische Übungen eher nachrangig waren. Ich lernte dort Russisch, hörte an der Grenze zur DDR den "bösen Feind" ab und merkte dabei schnell, dass es denen da drüben noch schlechter ging als uns.

Jochen Fillisch (59) ist in Gießen aufgewachsen und seit 2008 BZ-Redakteur in Weil am Rhein.
von jof
am Sa, 09. April 2011

Badens beste Erlebnisse