Fahrstundenpremiere für Larissa Nguyen aus Ichenheim

Das erste Mal tat nicht weh

Larissa Nguyen aus Ichenheim bei ihrer Fahrstundenpremiere / Vor 115 Jahren fand die erste Fahrprüfung weltweit statt.

NEURIED-ICHENHEIM. Ichenheim macht Mittagspause. Es ist 13 Uhr, alles ist still. Der Raiffeisenmarkt, die Arztpraxis, die Adlerstraße. Larissa Nguyen kann jetzt von Entspannung nur träumen. Denn die junge Frau aus Ichenheim erlebt gleich eines der letzten Abenteuer der Neuzeit: Die 17-Jährige hat heute ihre erste Fahrstunde.

Am 14. August 1893, vor 115 Jahren, fand die erste Fahrprüfung weltweit statt. Die Polizei in Paris hatte sie angeordnet, das Mindestalter war 21 Jahre. Woher die Prüflinge ihre Kenntnisse nahmen, interessierte keinen.

Larissas erste Fahrversuche finden auf dem Parkplatz am Rhein statt. Sie hält das Lenkrad fest in beiden Händen. Die Fahrlehrerin Celine Gabrysch (24) hat sich neben die junge Frau gesetzt, die gerade ihren Realschulabschluss an der Ichenheimer Schule gemacht hat. Wäre nicht das Schild "Fahrschule" auf dem Autodach und der doppelte Rückspiegel, einen für die Schülerin, einen für die Lehrerin – es könnten zwei Freundinnen sein, die gemeinsam eine Tour zum Rhein machen.

Die Tour muss noch warten, jetzt muss Larissa das lernen, was für sie wahrscheinlich später zur Routine wird: Gurt, Sitz, Spiegel einstellen. Was bedeuten die drei Pedale? Wo sind die Gänge? Celine Gabrysch erklärt ersten, zweiten, dritten, vierten, fünften und sechsten. Und den Leerlauf: "Leerlauf isch immer nix." Larissa probt mit einem zaghaften Lächeln die Gänge durch. "Gut", lobt die Fahrlehrerin. "Und in welchem Gang fangen wir an?" fragt sie. Larissa lächelt und sagt leise: "Im ersten." Sie hat schon mal geübt mit der Mutter.

Als erste professionelle Fahrschule öffnete die "Kempfsche Chauffeur Schule" 1904 in Aschaffenburg, verrät der Vorsitzende des baden-württembergischen Fahrlehrerverbandes in Korntal-Münchingen, Peter Tschöpe. Heute gibt es 1880 professionelle Fahrschulen im Land, bis 1986 waren so genannte Laienfahrschulen gesetzlich erlaubt. Ermächtigt war, wer unter anderem ein Auto mit den doppelten Pedalen und Spiegeln hatte. Laut Tschöpe gab es solche Schulen "nicht selten".

Heute ist der Markt an professionellen Fahrschulen übersättigt und Opas legendäre Führerscheinprüfung, bestanden nach nur drei Fahrstunden, ist heute passé. Dem Opa genügte es laut Michael Gabrysch, dem Chef der Fahrschule, wenn man beweisen konnte, dass man das Fahrzeug beherrscht und Berganfahren kann. Heute dagegen sollen die Fahrlehrlinge vor allem die Gefahren der Straße kennen und einschätzen lernen.

"30 reicht mir auch."

Larissa Nguyen, Fahrschülerin
Celine Gabryschs Vater betont, dass die vielen Verkehrszeichen auf der Straße und an der Straße beachtet werden müssen: "Heutzutage musst du nach unten und oben gucken. Der Opa musste nur nach vorn schauen." Im Fahrschulauto riecht es nach neu, das Radio dudelt leise. In der Ecke auf der Fahrerseite klemmt zwischen Glasscheibe und Armatur ein Wichtel aus Plüsch. Einen Glücksbringer braucht Larissa heute eigentlich nicht. Sie testet den Schleifpunkt. Erfolgreich. Sanft setzen wir uns in Bewegung.

Im Durchschnitt kostet der Autoführerschein samt Prüfung beim TÜV 1200 bis 1800 Euro, schätzt Verbandsvorsitzender Peter Tschöpe. Seinen Berechnungen nach ist das sogar billiger als früher. Kostete der Lappen 1970 etwa 53 Prozent eines durchschnittlichen Bruttomonatsverdienstes, blechen die Fahrschüler heute rund 50,8 Prozent. Auf einen Schlag immer noch viel Geld, gibt Tschöpe zu.

"Und was mach’ ich jetzt?" fragt Larissa. Wir haben auf dem Parkplatz ein Tempo von 20 Stundenkilometern. Sie bremst, fährt wieder an, zweiter Gang. Larissa dreht ein paar Schleifen um den VW Bus einer dänischen Familie, die ihre strohblonden Köpfe aus dem Fenster streckt. Dann muss sie rückwärts am Berg anfahren. Äußerlich ist ihr kein Stress anzumerken. "Du bist die erste, der das Auto hier nicht abmurkst", sagt Celine Gabrysch verwundert. "Echt?" antwortet Larissa leise. Zwei Minuten später: Blubb, blubb, blubb. Von 40 Stundenkilometern runterbremsen ohne zügiges kuppeln. Das konnte nicht gutgehen.

Aber Larissa bleibt ruhig, sie will schon im September Auto fahren, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt erst 17 Jahre alt ist. Trotzdem wird sie fahren dürfen, mit einem Begleiter. Den "Führerschein mit 17" gibt es in Baden-Württemberg seit Januar. Bislang machen ein Drittel aller 17-Jährigen Gebrauch davon. Peter Tschöpe findet es gut, weil die 17-Jährigen ganz ernsthaft bei der Sache seien: "In diesen Familien wird Verkehrsbewusstsein groß geschrieben. Die Eltern machen das für die Kinder, denn für sie ist das begleitete Fahren letztlich viel zeitaufwendiger als beim Führerschein mit 18 ohne Begleitung." Larissa muss nun in die richtige Autowelt: einmal durch Ichenheim durch. "Wie viel darf man fahren?" fragt Celine Gabrysch. "50", antwortet Larissa. "Aber 30 reicht mir auch", fügt sie mit Stirnrunzeln an. Larissa gerät im Dorf immer wieder etwas zu weit nach rechts, hält den Blick geradeaus, die Hände verkrampfen sich am Lenkrad. Sie blickt in den Rückspiegel: "Oh Gott, hinter mir ist einer!" Larissa wird ein wenig nervös, nach fast einer Stunde Unterricht lässt die Konzentration nach.

Celine Gabrysch ist seit zwei Jahren Fahrlehrin. Ihr Vater Michael seit 35 Jahren. In dieser Zeit hat er manche Kuriosität erlebt. Bei Vater Michael machte einmal die Frau eines hochrangigen Wirtschaftsfunktionärs eine Nachschulung, weil ihr Mann erkrankt war. Während die feine Dame den Mann im Krankenhaus besuchte, musste der Fahrlehrer das Hundchen ausführen. So extravagant ist Larissa Nguyen nicht. Sie ist nur froh, wenn sie gut am Ziel ankommt. Sie soll von der Hauptstraße in die Adlerstraße abbiegen. Im Rückspiegel glotzt sie ein riesiger Traktor an, es herrscht Gegenverkehr. Das Unvermeidliche passiert, das Auto würgt ab. Dann gelingt es ihr doch und mit einem kleinen Hopser fährt sie vor das Garagentor der Fahrschule. Handbremse, Schlüssel ziehen, Lenkradschloss. Larissa atmet durch und lacht. Geschafft.
von Ulrike Derndinger
am Do, 14. August 2008

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