Familien in Südbaden

Das Glück, von Kindern umgeben zu sein

Zufriedenheit, Wertschätzung, Gottvertrauen: Bärbel und Hanspeter Wolfsberger aus Müllheim haben neun Kinder großgezogen. Für die Eltern war jedes Kind ein Geschenk – und sind jetzt stolze Großeltern.

MÜLLHEIM. Dieses Jahr steht wieder eine Vollversammlung an. Ein Sohn wird heiraten. Dafür wird sogar seine Schwester aus Australien anreisen. Es wird voll werden im Haus der Wolfsbergers in Müllheim. Es werden viele Kinder über den Terrakottaboden flitzen. Es wird viel geklappert werden am großen Holztisch – mit dem Besteck und mit dem Mund.

So wie früher, als alle neun Kinder von Bärbel und Hanspeter Wolfsberger noch zu Hause wohnten. Nur sind es jetzt mehr geworden. Kinder, Schwiegerkinder, Enkelkinder. Für jede der mittlerweile 26 Personen wird es einen Platz zum Schlafen und Essen geben. "Mir gefällt es, wenn viele da sind", sagt Bärbel. Sie ist 64, könnte aber auch 15 Jahre jünger sein. Dass sie neun Kinder großgezogen hat, die inzwischen 41 bis 22 Jahre alt sind, sieht man ihr nicht an. Oder doch?

Zufriedenheit liegt in ihren Gesichtszügen. Zufriedenheit über ihr Leben, ihren Mann und ihre Kinder. Dass sie einmal Hausfrau werden würde, war nicht ihr Ziel. "Aber das war dann einfach meine Aufgabe." Sie nahm und nimmt die Dinge, wie sie kommen. Großes Gottvertrauen ist ein Grund dafür. Wenn die Kinder abends nicht schlafen wollten, den Arm noch gekrault haben wollten, dann hat sie versucht, sich nicht darüber zu ärgern, dass sie jetzt keine Zeit für sich hat. Sie lag da, hat gekrault und für die Familie gebetet. Sie hat sich darüber gefreut, dass sie alle zusammen sind. Dann sind die Kinder auch besser eingeschlafen, sagt sie.

Die Mutter hat sich nicht angeschlossen, wenn die Kinder über die "blöde Gemeindearbeit" meckerten, weil der Papa – als Pfarrer vielbeschäftigt – deswegen nicht zum Mittagessen da sein konnte. "Die Kinder merken, wenn Missstimmung da ist", sagt Bärbel. Das Ehepaar setzte dagegen auf Wertschätzung und Gelassenheit: Andere Väter arbeiten eben auch viel. Und der Beruf war für Hanspeter auch Berufung. Und ein Privileg. Klar, ein Acht-Stunden-Arbeitstag war eher die Ausnahme. Aber der Papa konnte gemeinsam mit der Familie frühstücken und meistens auch zu Mittag essen. Sie wohnten immer in Häusern, die groß genug waren, sodass die älteren Kinder ein eigenes Zimmer hatten. Sie hatten Hauswirtschaftspraktikantinnen, die die Mutter unterstützten.

Von Anstrengung ist bei Wolfsbergers nie die Rede. Nur als die Zwillinge kamen, Kind sieben und acht, hieß es: stillen, das Dreijährige versorgen und nicht auf jedes Problem reagieren. Sich auch mal eine Mittagsruhe gönnen. Aber wenn die Kinder zur Mama wollten, kamen die auch, wenn sie sich gerade hingelegt hatte. Da konnte sie nicht egoistisch sein: "Ich hab’ das ertragen müssen – und können." Auch die Kinder haben den Trubel einer elfköpfigen Familie ertragen müssen und können. Doro, die Siebte, kommt ins Wohnzimmer. Die 25-Jährige ist gerade in die Einliegerwohnung im Elternhaus eingezogen. Nach ihrer Arbeit als Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin in Hamburg wird sie jetzt in Freiburg studieren. Ob sie die Eltern gerne mit weniger Geschwistern geteilt hätte? "Ich wüsste nicht, wen man da hätte streichen können", sagt sie und in ihrem Gesicht liegt die gleiche Zufriedenheit, wie in dem der Mutter. Klar, hat jeder mal ein Ruhebedürfnis. Aber bei so vielen Leuten auf einem Platz – sie zuckt mit den Schultern. Es wurde auch mal geschimpft und gestritten. Wie in jeder Familie. Aber: "Es war alles gut", sagt Doro, beginnt zu schmunzeln und nennt eine Ausnahme: "Ich wollte eine kleine Schwester. Und dann kam nur ein kleiner Bruder."

Für die Eltern war jedes Kind ein Geschenk. Das sagt Hanspeter, obwohl er um 1970 rum schier aus den Latschen kippte, als ihm Bärbel erzählte, dass sie gerne mal sechs Kinder hätte. "Da hat mir die Fantasie gefehlt, zu dem Zeitpunkt schon festzulegen, dass wir mal einen großen Wurf machen." Der seit drei Monaten pensionierte Pfarrer ist als Einzelkind aufgewachsen. Und heute hat er mit Bärbel an seiner Seite diesen großen Wurf – das Glück seines Lebens.

Die Kinder sind aus dem Haus. Wurden zu zufriedenen Persönlichkeiten. Haben alle eine Offenheit für die Sache mit Gott, erzählt der Vater mit Freude in den Augen. Und das, obwohl es in der Erziehung keine religiösen Regularien gab, keine Gottesdienstpflicht. Erziehungstipps gibt es von Wolfsbergers keine. "Wir wissen nicht, wie Erziehung geht", sagt der Vater. Und die Mutter: "Wir haben einfach das Bett vergrößert, damit die Kinder bei uns Platz hatten, wenn sie nachts ein Bedürfnis nach Nähe hatten."

Hanspeter engagiert sich weiter in Betberg im Haus der Besinnung. Gemeinsam mit seiner Frau geht er auf Kreuzfahrt, wo er als Referent arbeitet und sie nicht kochen braucht. Die zwei Mittsechziger brausen mit ihrem knallroten Roller auf die Weinberge und schauen sich den Sonnenuntergang an. Immer mal wieder kommen die Kinder mit ihren Familien zu Besuch. Das ist schön, aber danach sagt Hanspeter zu Bärbel ganz beglückt: "Jetzt hast’ wieder mehr Zeit für mich." Im Haus ist es dann wieder ruhig – nur das leise Schnarchen des betagten Hundes ist zu hören.

Mehr Großfamilien: Rocco Thiede (Hrsg.): Kinderglück, Schriftenreihe 1448 der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2014, 164 Seiten, 4,50 Euro (über http://www.bpb.de
von Manuela Müller
am Do, 30. Oktober 2014 um 00:00 Uhr

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