Das Holz zum Klingen bringen

BZ-SERIE: Andreas Weber aus Bollschweil baut Orgeln.

BOLLSCHWEIL. Es gibt eine Faustregel: Eine Orgel kostet in etwa so viel wie ein Haus im jeweiligen Zeitalter. Ein wertvolles Instrument also, doch nicht nur in finanzieller Hinsicht. Für Andreas Weber ist die Orgel etwas Besonderes. Er ist Orgelbaumeister in Bollschweil. Seine Werkstatt steht direkt neben der Kirche, nebenan wohnt die Familie.

In der Werkstatt steht das Meisterstück von Weber – eine kleine sogenannte Positiv-Orgel, die in jeden Haushalt passt. In einer anderen Ecke wartet eine kleinere Orgel darauf, von Weber restauriert zu werden, Pfeifen liegen sorgfältig nebeneinander in einer Holzkiste, durch ein Leintuch geschützt. In der kalten Jahreszeit verbreitet ein kleiner Holzofen gemütliche Wärme. Große Sägemaschinen dienen den groben Arbeiten, Feilen den feineren Arbeitsschritten. Im Hintergrund läuft Musik – natürlich Orgelmusik.

Bei Familie Weber war und ist Musik schon immer wichtig. "Musik ist Gefühl", sagt der 51-Jährige. Und deshalb sollte jeder Musik machen, davon ist er überzeugt. Mit Blockflöte hat er damals in der Grundschule angefangen. Im Musikverein hat er später diverse Blechblasinstrumente gespielt. "Ich war damals Instrumentenwart, da mich die Technik der Instrumente schon immer fasziniert hat", erzählt Weber. Das Spielen der Zugposaune war eine gute Schulung des Gehörs, weiß er heute. Denn Orgelspielen hat er nie richtig gelernt. "Ich selbst kann gar nicht so gut spielen, habe mir das Ganze selbst beigebracht. Ich bin nur der Techniker, der die Musik ermöglicht", sagt er. Das Spielen überlässt er anderen: Doch sitzt er in einem Konzert und es wird auf "seiner" Orgel gespielt, kann auch er nicht ruhig sitzen. "Ich kann dann einfach nicht entspannt dem Konzert lauschen, weil ich mich verantwortlich fühle, für das, was da gerade erklingt."

Als Orgelbauer begleite er das Instrument schließlich von Anfang an bis zum Einweihungskonzert und sogar darüber hinaus durch Instandhaltungsarbeiten. Bekommt er den Auftrag für den Neubau einer Orgel, verschafft er sich zunächst direkt vor Ort, also meist in der Kirche, einen Eindruck von der Akustik. Wie ist der Hall? Wie groß ist der Raum? Sollen Konzerte auf der Orgel gespielt werden? Wie viele Register werden benötigt, um bei einer vollen Kirche und Gesang dennoch führen zu können? "Auch muss vorher geklärt werden, ob die Orgel in Harmonie mit dem Rest der Kirche stehen oder einen optischen Kontrast bieten soll", erklärt Weber. Er macht vom Gehäuse bis zum Innenleben alles selbst. Nur die Pfeifen lässt er von einem Pfeifenbauer herstellen. "Holzpfeifen und einzelne Metallpfeifen mache ich selbst, aber ganze Register gebe ich an Zweite ab."

Er wollte schon immer, im Vergleich zu anderen Orgelbauern, alles machen – das Bauen, das Stimmen, das Restaurieren. Gelernt hat er das bei einer Firma am Kaiserstuhl. Die Idee dazu hatte zunächst seine Mutter. Die Bollschweiler Kirche brauchte, als Weber etwa 14 Jahre alt war, eine neue Orgel und der Pfarrgemeinderat organisierte dafür einen Ausflug an den Kaiserstuhl zu einer Orgelfirma. Webers Mutter ging mit und fand: Das wäre der richtige Beruf für den Sohn. "Sie hatte Recht – Handwerk und Musik waren meine Bereiche und ich konnte dann glücklicherweise in allen Schulferien bei der Firma arbeiten. Dann bekam ich eine Lehrstelle angeboten", sagt Weber, "zu dem Zeitpunkt war ich schon infiziert vom Orgelvirus". Besonders faszinierend sei für ihn bis heute, dass am Anfang einfache Holzbretter in der Werkstatt lägen und diese am Ende dann Musik machten.

Während der Ausbildung durfte nicht an der Orgel gespielt werden. "Sonst hätten wir ja andauernd nur an der Orgel gesessen statt zu arbeiten", erinnert sich Weber. Doch viele Arbeiten bleiben unvergesslich: so auch die größte Orgel, die er jemals gebaut hat. Ein Neubau für eine Kölner Kirche – zwölf Meter hoch, neun Meter breit und sieben Meter tief.

Vor 14 Jahren hat sich Andreas Weber selbstständig gemacht. Er ist gern in seiner Bollschweiler Werkstatt, direkt neben dem Elternhaus und der Kirche, die ihm neben der Musik so wichtig ist. Er ist gern in der Heimat und betreut die Orgel in den Gemeinden der Region, indem er sie stimmt und renoviert, wenn der Zahn der Zeit zu sehr an ihnen genagt hat. Früher hat er auch viele Aufträge im Ausland angenommen. In Portugal konnte er einige besondere Orgel restaurieren. "Dort gibt es tolle, sehr alte Orgeln, an denen lange Zeit gar nichts gemacht wurde", sagt Weber. Manche stammen aus dem 17. oder gar 16. Jahrhundert. Der Holzwurm, Staub und Schmutz sorgten dann für Probleme. "Einige Orgeln sahen wirklich schlimm aus." Doch das Schlimmste erlebte er in Stockach: Eine Orgel lag dort sieben Jahre zerlegt in einem Hühnerstall, war vom Holzwurm befallen und musste ohne einen Bauplan wieder zusammengebaut werden. Kein Problem für Weber. Am Ende machten die Holzteile wieder Musik: "An einer Orgel kann man die Sonne aufgehen lassen", schwärmt er.

Weitere Teile der BZ-Orgelserie gibt es unter mehr.bz/orgelserie
von Sophia Hesser
am Do, 15. Januar 2015

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