"Das kann ganz schön laut werden"

BZ-SERIE: Willi Frank spielt auch auf den Orgeln in Sölden und Wittnau – und mag, dass der Klang in Mark und Bein geht.

SÖLDEN/WITTNAU. Rational erklären kann Willi Frank die Faszination nicht so wirklich. Er vermutet, dass ein klitzekleiner Moment in seiner Kindheit der Grund dafür ist, dass er die Orgel so liebt. So sehr, dass der 64-Jährige noch heute in Sölden, Wittnau, Merzhausen, Bollschweil und Freiburg Orgel spielt. Mit seinem Vater stand er einmal auf der Empore einer Kirche, als die Orgel gespielt wurde. "Der Boden vibrierte", erzählt Frank, "und der Klang übertrug sich aufs Körperliche." So erklärt er den Orgel-Klang, der so intensiv ist, dass er in Mark und Bein übergeht.

Natürlich sei auch eine religiöse Prägung in der Familie ein Grund, weshalb er sich schon früh in die Kirche geschlichen hatte und heimlich an der Orgel spielte, ohne es zuvor gelernt zu haben. Als ihn der Pfarrer eines Tages erwischte, rechnete er mit einem Donnerwetter. Doch der Pfarrer verdonnerte ihn lediglich dazu, bei der nächsten Messe zu spielen. Von da an nahm er auch Unterricht.

Heute spielt er gelegentlich in Sölden, regelmäßiger in Wittnau. Beide Orgeln stehen unter Denkmalschutz. Außerdem seien sie schwer zu spielen, erklärt Frank. "Selbst studierte Organisten müssen erst einmal einige Zeit an den Orgeln üben, bevor sie richtig spielen können", sagt Frank schmunzelnd. Obwohl sie einfach erscheinen, haben die beiden Orgeln ihre Tücken. Das Pedal ist jeweils verkürzt, auch dessen Tasten sind kürzer als gewöhnlich. An diese räumliche Enge muss sich ein Organist erst einmal gewöhnen.

Die Orgel in der Söldner Kirche St. Fides und Markus fällt durch ihre Schlichtheit auf. Eine einfache Holzvertäfelung, ein kleiner Prospekt, also nur wenig sichtbare Pfeifen. "Ein recht einfacher Kasten ist die Orgel", sagt auch Frank. Erbaut hat die Orgel Johann Mayer aus Hainstadt 1868. Die Pfeifen und Windladen aber sind älter, stammen aus dem Jahr 1826 von B. Alffermann aus Bruchsal.

Spielt Frank an der Orgel, ist die Mechanik, die in dem Instrument steckt, deutlich zu hören. Es klappert und klackt und faucht. Ungewöhnlich ist auch, dass Frank beim Spielen in die Kirche schauen kann. Das Manual ist ein freistehendes, er sitzt mit dem Rücken zu den Pfeifen. Wenn er die Tasten drückt, kommt der ganze Klang von hinten. "Das kann ganz schön laut werden", sagt er lachend.

Er muss dann gut abschätzen können, wie laut er spielen kann. Das hängt ganz davon ab, wie gut gefüllt die Kirche ist und wie laut die Besucher singen. Morgens müsse er grundsätzlich leiser spielen, am Abend wird dann schon kräftiger gesungen, und er könne somit auch lauter spielen. "Es kommt durchaus auch einmal vor, dass nach dem Gottesdienst jemand sagt ‚Herr Frank, heute waren sie aber zu laut‘", erzählt der Organist. Doch die Erfahrung lässt ihn wissen, welche Lautstärke angebracht ist.

Mit dem Rücken

zum Chorraum

Auch die Improvisation fällt ihm nach all den Jahren leicht. "Ich improvisiere gerne", sagt Willi Frank. Ohne Nachzudenken spielt er dann zu einer feststehenden Melodie, was ihm gerade in den Sinn kommt. Das sei das Tolle an dem Instrument. "Der Klang ist mixbar."

An drei Sonntagen im Monat begleitet er den Gottesdienst in Wittnau. In der Kirche Mariä Himmelfahrt steht eine ebenso kleine Orgel wie in Sölden. Allerdings fallen hier die goldenen Verzierungen und die marmorierte Fassade auf. Der Organist sitzt, im Vergleich zur Söldner Orgel mit ihrem freistehenden Spieltisch, in einer Spielnische. Er sitzt also mit dem Rücken zum Chorraum und behält diesen mit Hilfe eines kleinen Spiegels im Blick.

Auch hier ist das Pedal verkürzt: Statt wie üblich etwa 30 Tasten hat es wie auch das Söldner lediglich 18. Es umfasst also nur eineinhalb Oktaven. Die Orgel hat laut Frank vier historische Schichten. "Oft werden Orgeln aus alten und neuen Teilen zusammengebaut", erklärt er. So auch in Wittnau: Die erste Schicht bilden die Pfeifen von 1775. Sie stammen aus einer Orgel aus Triberg. Die zweite Schicht ist von 1805, als Matthias Martin für die Gemeinde Gütenbach die Triberger Orgel umbaute. Schließlich wurde die alte Wittnauer Orgel mit der Gütenbacher Orgel vereint. Eduard Stadtmüller baute ein Pedal dazu. Erweiterte die Orgel also um ein Register. In den 1970er Jahren dann restaurierten Fischer und Krämer die Orgel. Sehr pietätvoll, wie Frank sagt, das sei nicht immer üblich gewesen. In Wittnau trat er seine erste Stelle als Organist an. Neben seinem Beruf als Jurist hat er Chöre dirigiert, etwa den Breisacher Münsterchor. Als Referent für Orgelbaufragen hat er einen guten Überblick und weiß, wo welche Orgel in der Region steht.

In der kleinen Kirche Wittnaus herrsche eine ideale Akustik für Ensembles. Und auch die kleine Orgel kann den Raum gut mit ihrem Klang erfüllen. "Register mit einem Streicherklang hat die Orgel nicht, dafür aber hohe Register", sagt Willi Frank. Auch wenn sie einfach sei, habe sie doch ihren eigenen Klang. Und den schafft Frank gern während der Gottesdienste. Einen Sonntag im Monat hält er sich aber frei – dann lässt er die Orgel Orgel sein und genießt den freien Tag.
von Sophia Hesser
am Di, 27. Januar 2015

ORGELN

Wittnau

- seit 1860

- 11 Register mit 564 Pfeifen

- Restaurierung 1970er durch Fischer & Krämer

Sölden

- seit 1868 von Johann Mayer

- 10 Register mit 576 Pfeifen

- Restaurierung 1994/95 durch Erich Hartenthaler

Weitere Teile der BZ-Orgelserie gibt es unter mehr.bz/orgelserie
 

Autor: she

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