BZ-Serie "Selbermachen" (Teil 13)

Das richtige Gespür für den DIY-Trend

Sie haben den DIY-Trend frühzeitig erkannt. Bei der einen ist es das Faible für Stoff, bei der anderen die Leidenschaft für Muster. Die Dritte glaubt an die Anziehungskraft des Handgemachten. Wir stellen drei Frauen vor.

Die Stoffjägerin

Gudrun von Kalckreuth hat viele Trends kommen und gehen gesehen. Sie bleibt ihrer Linie treu: Edle Stoffe, schöne Texturen, stimmige Muster, ausgefeilte Schnitte – und das seit gut 30 Jahren. So lange gibt es "Karl Etoffe & Max Tessuti" in Freiburg, mittlerweile am Adelhauser Platz. Etliche Jahre war es das einzige Stoffgeschäft in Freiburg, heute gibt es einige Mitbewerber. Es reicht für alle.

Einkaufen zum Wegwerfen. Das ist eine Haltung, die Gudrun von Kalckreuth zutiefst widerspricht. "Das macht man nicht mit Sachen, die man selber gefertigt hat." Heute sei ohnehin alles (viel zu) billig zu haben. Und schon ist man mitten in einer Diskussion über Welthandel, miserable Arbeitsbedingungen und faire Preise. "Durch den Billigeinkauf schneiden wir uns doch selbst den Ast ab, auf dem wir sitzen. Wir vernichten Arbeitsplätze. Wenn die Menschen in der Dritten Welt anständig bezahlt würden, wären diese Preise überhaupt nicht machbar." Sie setzt auf Qualität. Es gebe Kundinnen, die erzählen , Ich habe mir vor 30 Jahren einen Rock genäht. Den habe ich jetzt aufgetrennt, weil der Stoff so schön ist. Ich hab’ mir etwas anderes daraus genäht‘.

Der Selbstmachwelle zum Trotz: Die Billigheimer greifen auch diese Branche an. "Wir haben seit einigen Jahren Konkurrenz durch den billigen Hollandmarkt, der versucht, die ganze Republik aufzurollen. Die Leute strömen zu Tausenden hin und kaufen die Stoffe aus Fernost für zwei, drei Euro kofferweise. Die Italiener, wo wir vorzugsweise einkaufen, haben ganz andere Preise."

Die zweite große Konkurrenz für den Einzelhandel: das Internet. Wenn der Stoff für zwei Euro günstiger bekommen sei, werde er gekauft.

Wer näht heute noch? "Unser Publikum ist nicht das allerjüngste", räumt Gudrun von Kalckreuth ein. Die Konfektion mache hauptsächlich Mode für Girlies, aber nicht für erwachsene Frauen, die das Besondere suchen. "Die neue Müttergeneration näht wieder für die Kinder. Aber die suchen andere Stoffe." Sie setzt auf Lücken und Nischen – demnächst mit einem Geschäft für Stoffe und Interieur am Freiburger Münsterplatz.

Die Mütterversteherin

Die neue Müttergeneration hat Emanuela Pesché (39) im Blick. Mit kunterbunten Stoffen, selbst entworfenen Mustern, die Glückspunkte, Wiesenromanze oder Fruchtkonfetti heißen. Und einfachen Schnitten für Blumenkissen und Kinderkleidchen. Schön bunt und frisch, das ist die "Tante Ema"-Devise fürs "Nähglück".

2005 rief die Grafikdesignerin, die sich bis dahin vor allem mit den visuellen Erscheinungsbildern von Firmen beschäftigte, die Marke "Tante Ema" ins Leben. Zunächst mit Notizblöcken, Lesezeichen, Geschenkpapieren, Anhängern und Postkarten. Am liebsten in Rot-Weiß und mit dicken Tupfen. Entworfen und genäht wurde bei der Mutter am Küchentisch. Und wenn Not an der Frau war, wurde auch schon mal die komplette Familie eingespannt. Die ersten fünf Jahre lief die Produktion nebenbei. Doch schon damals hatte die Grafikdesignerin klare Vorstellungen von ihrer Zukunft: "Ich habe für die Tante-Ema-Kollektion einen eigenen Laden und baue eine Franchisekette auf."

Als Emanuela Pesché 2010 ihren ersten Lizenznehmer traf, nahm die Marke Formen an und das Geschäft Fahrt auf. "Tante Ema" wurde zum Hauptberuf. Das Designatelier befindet sich nach wie vor im Gundelfinger Industriegebiet, seit Mai gibt es zudem einen Laden am Schwabentor in Freiburg. Ihre nächsten Pläne? "Von Mitte nächsten Jahres an gibt es eine fertig genähte Kollektion mit Baby- und Kinderkleidern." Das hat sie durch die Laufkundschaft gelernt: Es gibt auch Frauen, die nicht alles selbst machen wollen.

Die Erzählerin

Am Anfang war es lediglich ein Schaufenster. Dort konnten Kunsthandwerker aus der Region ihre Arbeiten präsentieren. "Warum nicht die Tür öffnen?", fragte sich Birgit Silomon und gründete "Kunstvoll. Schönes von Hand" in der Freiburger Lorettostraße. Das war im Jahr 2008, das Ladengeschäft war gerade mal 25 Quadratmeter klein, aber Birgit Silomon, die von sich behauptet "Ich habe mehr Ideen, als ich realisieren kann", hatte das richtige Gespür. Der Run auf selbst gemachte Unikate und Handgemachtes in Kleinstauflagen fing gerade an.

Heute, sieben Jahre später, ist der Laden gut dreimal so groß. "Das Geschäft atmet meinen Geist", sagt Birgit Silomon, "vielfältig, aufgeräumt, aus einem Guss, der Rahmen stimmt."

Ihre Liebe für alles, was mit Leidenschaft und von Hand gemacht ist, ist nicht zu übersehen: Retro-Kulturbeutel, die an die guten, alten Noppen-Badekappen aus Kindertagen erinnern, Bambus-Geschirr (die Alternative zum Plastik), witzige Produkte aus Behindertenwerkstätten, handgenähte Kinderkleider, Schlüsselbretter aus alten Büchern, Holzblocks mit Fotos aus der Region, Gedrechseltes …

"Das ist ja wie Dawanda zum Anfassen", kommentieren zahlreiche Kundinnen die Auswahl. "Und es ist zum Anfassen und es werden nicht zig Pakete durch die Republik geschickt", ergänzt sie dann gerne.

Mit den

Künstlern wachsen

"Einmal quer durchs Leben", lautet ihr Motto. Im Laden finde all das ein Plätzchen, was sie selbst gerne haben möchte. "Zu jedem Teil gibt es eine Geschichte", erzählt sie. "Viele der Handmade-Künstler sind mit mir gewachsen." Zum Beispiel der Schöpfer von "Gernot Frohwinkel", einer grasgrünen Filzhandpuppe, die aus der Werkstatt eines Kunsthistorikers stammt. Jede Woche kam er mit einem neuen "Filzie" in den Laden, gemeinsam dachten sie sich Namen und kleine Lebensläufe aus. Der Filzkünstler hat mittlerweile eine Vollzeitstelle als Kunsthistoriker und macht in seinem Ursprungsberuf Karriere, erzählt Birgit Silomon. "Die Filzies wird er weiter exklusiv für meinen Laden machen, denn die liegen ihm am Herzen – und mir auch."

Am Montag lesen Sie: Wenn der Müll sich nützlich macht – die Upcycling-Ideen unserer Leser.

Alle Teile der Serien und zwei     Anleitungen von Tante Ema    finden im Dossier unter      mehr.bz/selbermachen
von Petra Kistler
am Sa, 26. September 2015 um 00:00 Uhr

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