Der gute Ruf allein reicht nicht

Nicht auf die Kids warten, sondern sie suchen: Stadtmusik Neustadt geht nach Konzept vor.

Das eigene Umfeld oder Eltern, die das Erlernen eines Instruments wichtig nahmen für die Bildung ihres Kindes, waren einst sprudelnde Quellen des Nachwuchses für die Stadtmusik Neustadt. Das ist vorbei.

40, 25 und 14: So stark sind die Jugendkapelle, das Vororchester und die Zöglinge. Eine solide Basis für die 70-köpfige Kapelle sieht der Vorsitzende Thomas Vogelbacher. Er begann 1981 als 16-Jähriger und gehört nun, 47, zu den Ältesten; das Durchschnittsalter liegt bei 27 Jahren.

Es gibt zwar noch die Urgesteine wie Manfred Schwald, 78, mit sagenhaften 65 Trompeterjahren. Aber in zehn Jahren ist die Hälfte der Kapelle ausgetauscht worden. Von den Musikern, die mit Vogelbacher anfingen, sind nur sechs übrig. Studium und Ausbildung führen die Leute fort, der Beruf lässt das Hobby nicht mehr zu.

Ein starkes Dutzend Neulinge jährlich braucht die Kapelle, um die Spielstärke zu sichern. Die Stadtmusik profitiert davon, dass sie ein verschworener Haufen ist: Man gehört gern dazu. Doch nur darauf will man sich nicht verlassen. Vogelbacher weiß: "Deutlich verstärkte Anstrengungen sind nötig. Wir müssen neue Zielgruppen erschließen." Bisher richtete man jährlich den Werbetag aus und hoffte, dass die Kinder kommen. Jetzt legt man die Aktion in den verkaufsoffenen Sonntag und sucht Neulinge. Man stellt an den Schulen Instrumente vor (und nutzt die Situation, dass die Schulen Partner suchen). Man hofft auf Erwachsene, Zugezogene, Rückkehrer, Menschen, die gern ein Instrument erlernt hätten – "dafür ist es ja nie zu spät".

Die Vereinsführung knetet das Problem schon lange. Man weiß, dass die Schule mehr Zeit beansprucht, da ist die Konkurrenz der Sportvereine und anderer Verlockungen. Zwangsläufig bleibt weniger Luft zum Proben oder braucht es mehr Überwindung. Die Qualität soll ja nicht leiden.

Deshalb wird gerade ein "zartes Pflänzchen" entwickelt. Man will fordern, aber keinen Druck erzeugen. Die Dirigenten Götz Ertle und Fabian Müller wollen den "Handlungsspaß" und damit die Motivation stärken, Verantwortung für das Instrument und die Leistung schärfen. Und vermitteln, dass Musizieren mehr ist als Musikmachen, nämlich Persönlichkeitsbildung. Sie wollen dem Trend zu Individualismus und Unverbindlichkeit entgegenwirken. Vogelbacher sagt: "Zufriedenheit muss auch erarbeitet werden".

Was bei großen Vereinen mit Struktur möglich scheint, könnte für andere zum Problem werden, glaubt Walter Disch, der Geschäftsführer der Musikschule. Es bedürfe Organisationsformen fast wie bei Firmen, um die Anstrengungen für die stabile Zukunft zu schaffen. Wenn das nicht gelinge, werde es auf Fusionen hinauslaufen.

Es sei denn, sie sind zusammengesetzt wie der Musikverein Titisee-Jostal. Dessen Musiker kommen von Höfen und sind ortsgebunden, das garantiert Stabilität: rund 40 Musiker und zwischen zwölf und 18 Mitglieder in der Bläserjugend.

Disch kennt die Schwierigkeiten von der Musikschule, wo sich die Mittelstufe verstärkt abmeldet, "weil die Schüler das zeitlich nicht mehr hinbekommen". Seit 33 Jahren arbeitet man mit jeweils 1000 Schülern, mal mehr, mal weniger. Doch rechnet Disch damit, dass es nachlassen wird. Es sei denn, man steuert dagegen. Für eine Streicherklasse am Gymnasium hat die JMS 4000 Euro für Instrumente eingesetzt. Eine Bläserklasse an einer Grundschule würde 18 000 Euro kosten. Auch Disch setzt vorsichtshalber auf Erwachsene.

Glücksfall: Aus Herrenberg fahren regelmäßig Astrid Beuth (Fagott) und Stefanie Wunder (Tuba) zum Proben nach Neustadt, es sind Schwestern von Dirigent Ertle.

von pes
am Fr, 26. April 2013


Badens beste Erlebnisse