Ulrich Averesch

Der Herr der Tasten(-instrumente)

BZ-SERIE:Ulrich Averesch aus Bad Krozingen spielt, sammelt, repariert und baut Harmoniums, die zur Familie der Orgeln gehören.

BAD KROZINGEN. Kästen mit Tasten – Ulrich Averesch Wohnung ist voll davon. Der Bad Krozinger sammelt Instrumente, vor allem Harmoniums. Und er baut und renoviert sie auch – obwohl sein eigentlicher Beruf – Averesch ist Produktdesigner – damit überhaupt nichts zu tun hat.

Musikalisch war Averesch schon immer. Seine (Sammel-)Leidens chaft erwachte vor fast 30 Jahren, als während seiner Ausbildung zum nebenberuflichen Kirchenmusiker sein Klavier in die Werkstatt musste – und er sich für die Übergangszeit ein günstiges Harmonium kaufte.

Inzwischen gehören zum Bestand des aus dem Ruhrgebiet stammenden 58-Jährigen 18 Harmoniums und zwölf weitere Tasteninstrumente, darunter zwei Orgeln. Jedes Jahr kommen ein bis zwei weitere Instrumente dazu. Einige davon verleiht Ulrich Averesch gelegentlich an Orchester und Opernhäuser. Etwa die Hälfte seiner Instrumente befindet sich in Bad Krozingen, die anderen sind als Leihgaben oder Mietinstrumente an verschiedenen Orten oder in einem Zwischenlager in Nordrhein-Westfalen.

Konzerthäuser und Musikhochschulen gehören auch zu Avereschs Auftraggebern, wenn es um die Renovierung von Instrumenten geht. Gerade steht das Harmonium der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf in Avereschs Arbeitszimmer, das einer Werkstatt gleicht und von ihm selbst als Atelier bezeichnet wird. Er hat das Instrument auseinandergebaut und festgestellt: Eine Maus ist schuld an der Misere. "Das Holz war angefressen und das Tier hat weitere Schäden angerichtet", erklärt Averesch, der in einem anderen Instrument sogar einmal eine skelettierte Maus entdeckt hat.

Im Falle des Düsseldorfer Harmoniums sind aber nicht alle Schäden tierischen Ursprungs, auch trockene Luft hat dem Material zugesetzt und für Risse gesorgt. Averesch hat dieses Harmonium auseinandergenommen, marode Teile ausgetauscht, die Pedalbefestigung erneuert, es gereinigt und am Ende wieder gestimmt. In einer kleinen Metallwerkstatt im Untergeschoss seiner Wohnung kann er die für die Instrumente zur Tonerzeugung nötigen Zungen (siehe Infokasten) sogar selbst herstellen, wenn nötig. Dabei kommt ihm zugute, dass er als junger Mann eine Ausbildung zum Goldschmied gemacht hat. Auf sein Wissen in diesem Bereich greifen mittlerweile auch verschiedene Orgelbauer zurück, "immer wieder bekomme ich von ihnen Aufträge für die Zungenherstellung", informiert Averesch, der sich das Wissen rund um das Harmonium weitestgehend selbst angeeignet hat. Vertieft hat er seine Kenntnisse in verschiedenen Workshops, unter anderem in Antwerpen, wo er Kontakte nach Belgien und in die Niederlande geknüpft hat. Einige seiner Kunden kommen deshalb aus diesen Ländern. Engen Kontakt hat Averesch zum Bollschweiler Orgelbaumeister Andreas Weber. Mit ihm hat er auch bereits zwei sogenannte Chromelodeons gebaut. "Das Chromelodeon ist ein Saugwindharmonium in Reinstimmung. Es wurde von dem amerikanischen Komponisten Harry Partch für sein Tonsystem mit 43 Stufen in der Oktave als Referenzinstrument erfunden", erklärt Averesch. Die Namensgebung Chromelodeon stamme von Partch und sei zusammengesetzt aus "Chrom" für die farbigen Tasten und "Melodeon", wie die ersten Harmoniuminstrumente in Amerika hießen.

Was Ulrich Averesch heute macht, hat mit seinem früheren Berufsleben rein gar nichts mehr zu tun: Nach der Lehre studierte Ulrich Averesch Produkt- und Kommunikationsdesign. Im Anschluss daran arbeitete er bei Playmobil als Produktdesigner. Als es seine Frau 2001 aus beruflichen Gründen von Bonn nach Freiburg verschlug, folgte er ihr. Und weil er als Produktdesigner nicht gleich Arbeit fand, machte er kurzerhand sein Hobby zum Beruf und konzentrierte sich ganz auf die Harmoniums.

Inzwischen ist Averesch ein gefragter Instrumentenbauer in diesem Bereich. "Es gibt nur wenige Harmonium-Experten", sagt Averesch. Sein Wissen erweitert sich mit jedem neuen Instrument, das er seiner Sammlung hinzufügt. Der Wahl-Bad Krozinger kann sich gut vorstellen, seine Instrumente einem Museum zur Verfügung zu stellen, wenn Interesse besteht.

Averesch interessiert sich nicht nur für die Technik seiner Instrumente, sondern spielt sie auch. Den größten Platz in seinem Wohnzimmer nimmt eine Pfeifenorgel ein, deren Rückwand verglast ist und interessante Einblicke ermöglicht. "Die habe ich bei Ebay ersteigert", verrät Averesch. Und nicht nur zu Hause spielt er Orgel, sondern auch in der Kirche: regelmäßig in der Kirchengemeinde St. Alban.

Wer Näheres über die Arbeit und Sammelleidenschaft von Ulrich Averesch erfahren möchte, findet Informationen unter http://www.harmoniumservice.de Weitere Teile der BZ-Orgelserie gibt es unter http://mehr.bz/orgelserie
von Kathrin Blum
am Sa, 10. Januar 2015

Das Harmonium

Der Ton dieses Tasteninstruments, das im weitesten Sinne zur Familie der Orgeln gezählt werden kann, wird erzeugt, indem Metallzungen von Luft umströmt und dadurch in Schwingung versetzt werden. Ein ähnliches System kommt beim Akkordeon und der Mundharmonika zum Einsatz. Den für die Tonerzeugung nötigen Wind erzeugt der Musiker selbst durch Tritte auf zwei Pedale. Je nach Schnelligkeit und Gleichmäßigkeit der Tritte variiert die Lautstärke. Die ersten Harmoniums wurden Ende des 18. oder Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelt, "aus dem Bestreben heraus, Orgeln dynamisch zu machen", erklärt Ulrich Averesch. Etwa 100 Jahre später erlebte dieses Instrument seine Blütezeit. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg lebte das Harmonium nochmal auf, weil viele Kirchen und damit auch die sich darin befindlichen Orgeln zerstört waren und mit dem Harmonium der Gemeindegesang begleitet werden konnte. Das Aufkommen elektronischer Orgeln hat Harmoniums später weitgehend verdrängt.  

Autor: Quelle: Averesch/Wikipedia

Badens beste Erlebnisse