Tagesspiegel

Der Papst in Deutschland: Intensives Erlebnis

Eine Überraschung hat Papst Benedikt XVI. sich bis zum Schluss aufgespart, für seine Rede im Freiburger Konzerthaus. Was er dort über die immer wieder notwendige "Entweltlichung" von Kirche sagte, klang zwar nicht, als beabsichtige Rom, sich demnächst von der eigenen "materiellen und politischen Last" zu trennen. Aber man kann durchaus eine Mahnung an die Deutsche Bischofskonferenz heraushören, die das System der Zwangskirchensteuer unter Androhung der Exkommunikation erhalten will – gegen die Linie des Vatikan. Drei Fälle gibt es inzwischen, in denen in Deutschland Menschen vor dem Staat ihren Austritt aus der "Körperschaft" katholische Kirche erklärt haben, ansonsten aber weiterhin getaufte und gläubige Katholiken sein mögen. Das Papstwort könnte ein Fingerzeig gewesen sein, dass die Verhandlungen mit dem Vatikan sich gegen die deutschen Bischöfe wenden – dann zögen dunkle Wolken über den hiesigen Kirchenfinanzen auf. Wer hätte gedacht, dass der Papst den Befürwortern einer stärkeren Trennung von Kirche und Staat Argumentationshilfe liefern würde?

Von Anfang an ist sein Deutschlandbesuch für Überraschungen gut gewesen. Nicht nur, weil der Pontifex zu trennen wusste zwischen Themen, die sich im Bundestag zu behandeln geziemen, und solchen, die in einen Gottesdienst gehören. Vor allem, weil er die Reizworte früherer Reisen vermied und seinen Tonfall gut auf die Heimat abgestimmt hatte. So war zu erleben, wie eine Papstreise aussehen kann, wenn sie gelingt: Frei von Machtansprüchen nach außen, argumentativ werbend nach innen. Intellektuell stimulierend, vermittelnd statt polarisierend.

Ganz grundsätzlich wird es in Deutschland selten, und wenn, dann im kleinen Kreis. Dass Fragen wie die nach den Voraussetzungen von Recht, der Begründbarkeit von Werten oder – ja, auch das – nach Sinn und Hoffnung im Leben ein ganzes Land vier Tage lang beschäftigt haben, können auch Atheisten als Gewinn begreifen. Mit Ausnahme des Bundespräsidenten und des Verfassungsgerichts gibt es in Deutschland kaum Institutionen, die weniger im Verdacht stehen, bei derlei Betrachtungen im eigenen Interesse zu sprechen als der Papst, von kirchenpolitischen Themen einmal abgesehen.

Seiner Kirche hat Benedikt XVI. ein intensives Gemeinschaftsgefühl ermöglicht. Dass ein Papst reist, sich zeigt und seinen Glauben bezeugt, ist aber offenbar auch deshalb gut, weil man ihn dabei persönlich entdecken und erleben kann. Bei Benedikt XVI. ist das auf ganz unvermutete Weise neu gelungen. Ein Mann mit diesem Einfluss, der sich vor der Welt verschanzt – das wäre bedenklich. Wer das Kerzenmeer an der neuen Messe gesehen hat, mag aber auch als Nichtkatholik manche Diskussion aus dem Vorfeld etwas kleingeistig finden. Nicht jede Erwartung im Leben erfüllt sich positiv, das ist wahr. Wer aber von vornherein nicht an Chancen glaubt, verbaut ihnen in jedem Fall den Weg.
von Jens Schmitz
am Mo, 26. September 2011

Badens beste Erlebnisse