Der Boxer Arthur Abraham

Der sanfte Puncher

Menschen und Sport: Arthur Abraham sammelt Punkte – auch außerhalb des Ringes.

BOXEN. Wann beginnt die Fokussierung auf den Kampf? Wann dreht sich im Kopf des Kämpfers alles nur noch um die nächste Schlacht im Ring? "Jetzt", sagt Arthur Abraham. Es ist Dienstag, er sitzt in der Regionalsportredaktion der BZ in Lahr und nimmt an einer Telefonaktion teil. Noch vier Tage bis zum Auftritt in der Baden-Arena in Offenburg.

Arthur Abraham öffnet sich und guckt entspannt: "Ich bin gerne unter Leuten, nehme an Aktionen teil, das lenkt mich ab. Sonst denke ich nur noch ans Boxen. Andere sind gerne einsam, ich nicht. Besonders gut schlafen kann ich sowieso nicht. Abends vor dem Schlafengehen gehe ich immer eine halbe Stunde spazieren, und dann gehe ich den Kampf nochmal durch", sagt er, deutet ein paar Bewegungen an und lächelt gewinnend. So einer taugt zum Sympathieträger.

Sorgen hat er aber einige. Arthur Abraham hat zwar einen Körper, um den ihn viele Männer beneiden. Muskulös, sehnig, mit einem Sixpack in der Mitte. Trotzdem drücken ihn Gewichtsprobleme. Freilich andere als manchen Otto Normalverbraucher, dem die Wohlstandswampe über den Gürtel quillt. Bei Abraham ging und geht es um die einfache Frage, in welcher Gewichtsklasse er sich prügeln soll. Im Mittelgewicht bis 72,5 oder im Super-Mittelgewicht bis 76,2 Kilo? Im Dezember sorgte er für eine Überraschung, als er ankündigte den Kampf in Offenburg gegen den Argentinier Pablo Farias im Super-Mittelgewicht bestreiten zu wollen. Und er löste damit wieder heftige Diskussionen aus.

Wo sind die Erfolgsaussichten besser? Eigentlich im Mittelgewicht. Dort feierte er als ungeschlagener Champion in 30 Kämpfen seine größten Erfolge, setzte sich zuweilen zur Freude seiner Anhänger eine kleine Krone auf und hielt als König Abraham Hof. Aber im Super-Mittelgewicht stieß er im gerade vergangenen Jahr an seine Grenzen. Drei von vier Kämpfen verlor er beim Super-Six-Turnier und machte dabei keine gute Figur. Hinterher sagten viele, er sei mit 1,78 Metern zu klein, seine Arme seien zu kurz im Wettbewerb der Weltbesten dieser Kategorie. Aber ist es ihm zuzumuten, fast zehn Kilo abzunehmen?

"Nein" sagt sein Trainer Ulli Wegner. Wilfried Sauerland, der Boxstallchef, und andere Experten sehen das anders. Im Interview mit der BZ (Samstag, 7. Januar) erklärte Wegner: "Die können diskutieren, was sie wollen. Solange ich Arthur Abrahams Trainer bin, wird gemacht, was ich sage. Ich lasse mir einen Boxer nicht kaputtmachen durch das ständige Abkochen. Ein Körper braucht Flüssigkeit, und die kann ich ihm nicht ständig entziehen. Man macht die Jungs damit mehr kaputt, als dass man ihnen hilft. Übermäßiges Abkochen geht an die Nerven. Und nervige Boxer sind schwierige Boxer." Doch die Diskussion ist damit wohl nicht beendet.

An mehr oder weniger gutgemeinten Ratschlägen mangelte es zuletzt ohnehin nicht. So sagte Ex-Weltmeister Sven Ottke über Abraham: "Im Super-Mittelgewicht lachen sie sich tot über ihn." Wenig Schmeichelhaftes gab Felix Sturm zum Besten, der es ablehnt, mit Arthur Abraham in den Ring zu steigen, obwohl solch eine Auseinandersetzung in Deutschland als sehr lukrativ eingeschätzt wird: "Er muss sich hinten anstellen. Ich würde ihn deklassieren. Er ist zwar ein Puncher, aber ansonsten völlig überbewertet und boxerisch nur Mittelmaß. Das hat man zuletzt klar gesehen." Solche Sprüche gehören zum Umgangston im Profiboxen. Im besten Fall beleben sie das Geschäft. Tatsächlich geht es für den gebürtiger Armenier Arthur Abraham, der früher Avetik Abrahamyan hieß und inzwischen einen deutschen Pass besitzt, wohl darum, seine Karriere zu retten. Ein Comeback ist das Ziel – nicht mehr und nicht weniger.

Arthur Abraham besaß einmal einen Ruf wie Donnerhall, und das kam so: Am 23. September 2006 verteidigte er seinen IBF-Weltmeistergürtel in einem Kampf gegen Edison Miranda nach Punkten. Dabei bestritt der Titelträger die letzten acht Runden des Kampfes stark blutend mit doppelt gebrochenem Unterkiefer. Obwohl der Ringarzt dem Ringrichter wegen der schweren Verletzung in der fünften Runde den Abbruch des Kampfes empfohlen hatte, wurde der Kampf fortgesetzt. Abraham hätte durch Abbruch verloren, weil der Unterkiefer durch reguläre Schlagwirkung gebrochen war. Das ist der Stoff aus dem Helden gemacht werden. Im Boxen und anderswo.

Anlässlich des Super-Six-Turniers wechselte Abraham im Jahr 2009 in das Supermittelgewicht und legte dafür seinen IBF-Weltmeistertitel im Mittelgewicht nieder. Das Ergebnis ist bekannt. Arthur Abraham trat viermal an und verlor dreimal. Die Enttäuschung darüber begleitet ihn: "Ich bin kein Mensch, der gerne verliert. Nach der letzten Niederlage konnte ich wochenlang nicht schlafen. Es tut in meinem Herzen weh, aber die Erfahrung hat mich noch stärker gemacht." Er sagt das mit treuem Augenaufschlag und sanfter Stimme. In solchen Situationen hat er nicht viel gemein mit dem gnadenloser Puncher im Ring, der weder auf sich selbst noch auf den Gegner Rücksicht nimmt.

"Ich bin kein Mensch, der gerne

verliert."

Der Kämpfer hinterlässt dieser Tage bei seinen Auftritten in der Region immer wieder einen sympathischen und gelassenen Eindruck.

Mit Ulli Wegner, der in der Branche als Diktator gilt, will Abraham weiterarbeiten, trotz mancher Konflikte. "Der Trainer bleibt mein Chef. Ich mag ihn, wie er ist", versichert der Boxer. Für ihn sei Wegner eine Art Zweitvater. Manchmal sei er zwar sauer auf ihn, aber es sei wie in jeder Familie: "Eltern kann man nicht hassen", sagt Abraham. Vielleicht ist das Duo aber auch einfach nur eine Zweckgemeinschaft, die sich ganz darauf konzentriert, wieder einen WM-Kampf für Abraham zu bekommen. Denn daran lässt der Boxer keinen Zweifel: "Ich will wieder Weltmeister werden."

Siehe auch Online-Dossiers unter http://mehr.bz/menschen http://mehr.bz/boxgala
von Uwe Schwerer
am Fr, 13. Januar 2012

Badens beste Erlebnisse