"Die Frauen warfen aus den Häusern Handgranaten"

BZ-SERIE "TAGEBÜCHER AUS DEM KRIEG" (7): Aus dem belgischen Louveigné wird von Kriegsgräueln und furchtbaren Strafgerichten berichtet.

Nie wurde so viel geschrieben wie in den ersten Monaten des Ersten Weltkriegs. Nach der ersten großen Kriegsbegeisterung stellte sich bei vielen Deutschen bald Ernüchterung ein. Wir dokumentieren in einer Serie die ersten Kriegswochen, wie sie sich in Tagebüchern und Briefen des Deutschen Tagebucharchivs in Emmendingen darstellen und greifen dabei auf die im Berliner Galiani Verlag herausgekommene "Verborgene Chronik 1914" zurück. Wir blicken Tag für Tag genau 100 Jahre zurück.

8. AUGUST 1914

Friedrich Link, Festung Istein
Alarm, französische Kavallerie im Anmarsch auf Feste. Großes Gefecht bei Mülhausen: furchtbares Gewehrfeuer, Kanonendonner, Sennheim brennt. Patrouille mit Oberleutnant Lessel nach Kembs und Blansingen. Gefecht, Artillerie 76 ziemliche Verluste, Franzosen in fluchtähnlichem Rückzug auf Belfort.

Ernst Eberlein, Breslau, Schlesien
Es regnete. Fingerdicker Lehm auf den Wegen nach der Arbeitsstätte. Vor Breslau (Hundsfeld) Tausende von Soldaten, an der Fortifikation arbeitend. Man sprach von russischen Patrouillen, die bis vor Breslau gekommen sein sollen.

Oberst a. D., Schlesien
Mich überfiel eine so furchtbare Angst und der Kummer, dass ich den lieben Herzensjungens noch nicht den 91. Psalm geschickt habe. Ich setzte mich sofort hin, um ihn abzuschreiben und jedem zu schicken. Er ist aber kaum vor dem ersten Zusammenstoß mit dem Feinde in L.s und P.s Hände gelangt. Umso betrübter bin ich, dass ich so lange gezögert habe. Überhaupt habe ich meine guten Ratschläge aus meiner Kriegserfahrung zu spät mitgeteilt. Wo habe ich gedacht, dass dies alles so schnell gehen würde. Der Psalm 91 gilt als Talisman in unserer Familie seit meinem Großvater, dem die Großmutter denselben mitgegeben hat, mit Erfolg. Da ich aber die Erfahrung an meinem lieben
Bruder E. gemacht habe, dass dieser ihn nicht vor tödlicher Verwundung geschützt hat, so war ich etwas ungläubig geworden. Daher die törichte Verzögerung. Ich befinde mich in großer Sorge und Angst um meinen geliebten L. Der Herzensjunge hat einen sehr gefährlichen
Auftrag, er hat die Aufklärung gegen Brüssel mit seiner Eskadron.

Karl Groppe, Louveigné (Belgien)
In Theux wurden wir in einem Fabrikgebäude einquartiert und konnten schön ausschlafen. Wir sollten Ruhetag haben, mussten jedoch mit den Reservisten der 74. wieder zurück nach Louveigné. Unterwegs begegneten uns 82. mit 600 belgischen Gefangenen. Die Belgier trugen schwarze Uniform, Wickelgamaschen und Käppi, Gewehr wie unsere 88. Von Ferne sahen wir schon, dass Louveigné brannte. Als wir hinkamen, bot sich uns ein schrecklicher Anblick. Die Häuser zusammengeschossen und ausgebrannt, die
noch stehenden geplündert und überall entstellte Leichen. Als unsere Truppen von Lüttich zurückkamen, glaubten die Einwohner, wir wären geschlagen und müssten wieder aus dem Lande hinaus. Dies schien für sie ein günstiger Augenblick zur Rache. Schnell rotteten sie sich zusammen und fielen über unsere Nachzügler und Patrouillen her. Sie taten freundlich, gaben ihnen zu essen und zu trinken, nahmen sie in Quartier und schnitten ihnen im Schlaf den Hals ab und verübten sonstige Gräueltaten an ihnen. Einen hatten sie mit Händen und Füßen auf dem Fußboden festgenagelt, einen anderen mit Teer übergossen und lebendig verbrannt. Sogar die Frauen beteiligten sich an den Gräueltaten, sie warfen aus den Häusern Handgranaten. Eine reichte
einem Husaren mit der Linken Wasser, mit der Rechten erschoss sie ihn. Wie wir nachher erfuhren, hatte der Pastor die Leute von der Kanzel aus aufgefordert, so zu handeln, und ein Graf, der in der Nähe wohnte, hatte sie bewaffnet. Durch diese
Gräueltaten aufs höchste erbittert, verübten unsere Truppen, vor allen Dingen die Kavallerie, ein furchtbares Strafgericht. Die Häuser wurden in Brand gesteckt und jeder, der aus dem Hause hinauswollte, niedergeknallt. Wo Männer lebendig gefangen wurden, banden wir sie zu vieren
zusammen und erschossen sie. Was an ess- und trinkbaren Gegenständen da war, gehörte uns. Wein, Sekt, Zigarren und Zigaretten waren die begehrtesten Artikel,
mancher wechselte auch schnell seine Leibwäsche.

– Lisbeth Exner und Herbert Kapfer: Verborgene Chronik 1914. Hrsg. vom Deutschen Tagebucharchiv. Galiani Verlag, Berlin 2014. 416 Seiten, 24,99 Euro.

Alle Beiträge der Serie finden Sie unter http://mehr.bz/chronik
von bz
am Fr, 08. August 2014


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