Premiere

Die Freiburger Immoralisten wagen sich an Kafkas Romanfragment „Der Prozess“

„Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hatte, wurde er eines Morgen verhaftet“. Dieser Satz gehört zu den berühmtesten Romananfängen der Weltliteratur. Ob er auch in der Version von Franz Kafkas „Der Prozess“ vorkommt, die die Freiburger Immoralisten auf die Bühne ihres Theaters bringen: Man wird sehen.

Frei wird sie sein, dreist wird sie sein, musikalisch wird sie sein, ihre Fassung, verraten Florian Wetter und Manuel Kreitmeier im Gespräch. Denn mit sklavischem Nacherzählen werde man Kafka wohl am wenigsten gerecht. Wetter und Kreitmeier, ein eingespieltes Duo seit zehn Jahren, haben keine Angst vor literarischen Schwergewichten. Ihre erste Romanbearbeitung (Kreitmeier: "Es gibt zu wenig gute Dramen") war fast genau vor einem Jahr Fjodor Dostojewskis "Schuld und Sühne".

Manuel Kreitmeier, der eine starke Affinität zu Kafka hat, hat überdies bereits einen sehr humoristischen Kafka-Abend inszeniert. Mit Komik kann man womöglich auch bei dem 1914/15 entstandenen, Fragment gebliebenen "Prozess" weiterkommen. Überliefert ist, dass Kafka bei der Lektüre in konvulsivisches Lachen ausgebrochen ist. Existenzialistische Schwere ist auf jeden Fall nicht zu erwarten – jene klaustrophobische Düsternis, die den Blick auf Kafkas Prosa jahrzehntelang verdunkelt hat.

Für Florian Wetter und Manuel Kreitmeier liegt der Fall beim "Prozess" ziemlich klar: Josef K. ist ein arrogantes Bürschchen und leider nicht in der Lage, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Sein Zögern, sein Zaudern, seine Unfähigkeit, sich zu entscheiden hindern ihn daran, Subjekt seines Handelns zu werden. Aus dieser Sicht gerät die Begegnung mit dem Advokaten zur Schlüsselszene der Inszenierung: K. denkt darüber nach, sich dessen zwielichtiger Hilfe zu entledigen, doch er schafft es nicht, diesen Gedanken auch in die Tat umzusetzen. Damit ist sein Schicksal – bis zu seiner widerstandslos hingenommenen, mehr noch: bejahten Hinrichtung im Wald ("Wie ein Hund") besiegelt. Josef K., sagt der Kafka-Überschreiber und Musiker Florian Wetter, sei ihm sehr fern – anders als Raskolnikow, in dessen innere Welt er beim Erstellen der Bühnenfassung von "Schuld und Sühne" intensiv eingetaucht war.

Regisseur Kreitmeier packt den "Prozess" noch von einer anderen – politischen – Seite an. Für ihn hat der in Prag lebende Jude Franz Kafka als hellsichtiges Mitglied einer deutsch sprechenden Minderheit die rassistische Verfolgung und den Holocaust vorausgeahnt. In dieser Lesart gerät ein Einzelner – Josef K., gespielt von Jochen Kruß – in das Räderwerk eines faschistischen Gewaltsystems, in dem es nur Opfer und Vollstrecker gibt.

Inszeniert hat Kreitmeier den "Prozess" indes erstaunlicherweise als Show, bei der Josef K. beweisen muss, was in ihm steckt. Seine Mitspieler und Mitspielerinnen fordern ihn heftig heraus. Man weiß: Die Probe besteht er nicht. Josef K., sagt Florian Wetter, lebe an seinem Leben vorbei. Hätte es einen Ausweg für ihn gegeben? Das ist die Frage, bei der Franz Kafka einen nicht zur Ruhe kommen lässt. Das macht einen großen Autor eben aus.

Termin: Premiere: Sa, 16. Dez, 20 Uhr. Theater der Immoralisten, Freiburg,

Ferdinand-Weiß-Straße 9-11.

von Bettina Schulte
am Fr, 15. Dezember 2017


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