Die Obrigkeit hinters Licht geführt

FASNETLEXIKON (76): Zwei Narrenfiguren fallen buchstäblich aus dem (Fenster-)Rahmen.

FREIBURG. Wer schon mal bei einem großen Narrentreffen der Schwäbisch-Alemannischen Narrenvereinigung war, dem sind bestimmt die beiden unmaskierten typischen Schalksnarren aufgefallen, die mit einem Fensterrahmen durch den Umzug tanzen. Bei beiden heutigen Symbolfiguren sollen reale Personen das Vorbild gewesen sein. Dies ist zum einen der Radolfzeller Rebwart Xaver Däschle, der an der Fasnet 1850, als die Bodenseestadt vom preußischen Militär besetzt war und man die Fasnacht aus Sicherheitsgründen verboten hatte, beim Stadtkommandanten vorstellig wurde. Er bat darum, doch "wenigschtens mit dem Narrekleidle zum Kriizschtok usigucke z’dürfe". Dies soll ihm genehmigt worden sein. Daraufhin zog der "Kappendäschle", wie man ihn nannte, seine Schalkskleider an und bastelte sich aus Kistenbrettern einen Kreuzstock (Fensterkreuz), den er sogar mit Vorhängen bemalte. Durch eine der nicht vorhandenen Scheiben steckte er seinen Kopf und ging so, von einer großen Kinderschar begleitet auf der Straße unter dem Gelächter der Bürger spazieren. Heute haben die Radolfzeller Narren ihren Narrenbrunnen zu seinen Ehren als "Kappedäschle-Brunnen" getauft.

Eine ganz ähnliche Geschichte findet man in dem Roman "Hieronymus", den der Hüfinger Schriftstellers Luzian Reich 1852 geschrieben hat. Demnach soll um das Jahr 1800, als wegen einer Hoftrauer der Fürstenberger in der alten Narrenstadt Hüfingen das Narrenlaufen ebenfalls untersagt war, der Schneider Baptist Moog vom Amtsmann die Erlaubnis erhalten haben, wenigstens im Häs durchs Fenster schauen zu dürfen. Daraufhin ging er nach Hause, hängte ein Fenster aus, schlug die Scheibe ein und steckte seinen maskierten Narrenkopf durch den Rahmen. So verkleidet zog er durch das Städtchen, verteilte Süßigkeiten an die Kinder und sagte seine "Narrenversle" auf. Das "Baptistle" ist eine Einzelfigur und gleichzeitig der Erznarr der Hüfinger.
von Hans Sigmund
am Fr, 17. Februar 2012

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