"Die Schrecken des Krieges in ihrer schrecklichsten Gestalt"

BZ-SERIE "TAGEBÜCHER AUS DEM KRIEG" (17): Die Deutschen besetzen Brüssel, Flieger schwirren durch die Luft und die Anzahl Gefallener wird immer größer.

Nie wurde so viel geschrieben wie in den ersten Monaten des Ersten Weltkriegs. Nach der ersten großen Kriegsbegeisterung stellte sich bei vielen Deutschen bald Ernüchterung ein. Wir dokumentieren in einer Serie die ersten Kriegswochen, wie sie sich in Tagebüchern und Briefen des Deutschen Tagebucharchivs in Emmendingen darstellen und greifen dabei auf die im Berliner Galiani Verlag herausgekommene "Verborgene Chronik 1914" zurück. Wir blicken Tag für Tag genau 100 Jahre zurück.

20. AUGUST 1914



Meta Iggersheimer, Amberg

Papst Pius X. verschied. Die Deutschen besetzen Brüssel. Große Schlacht und bedeutender Sieg bei Metz. Sieg bei Gumbinnen. Von allen Häusern wehen festlich die Fahnen. Mittags teilweise Sonnenfinsternis von ¼ 1 bis ½ 3 Uhr.

Mädchen, Karlsruhe

Unsere Truppen eroberten bei Tirlemont eine Feldbatterie, eine schwere Batterie, eine Fahne und machten 500 Gefangene. Unsere Kavallerie nahm den Feinden bei Perwez zwei Geschütze und zwei Maschinengewehre weg. Die kleinen Kreuzer Straßburg und Stralsund haben in den letzten Tagen einen Vorstoß nach der südlichen Nordsee ausgeführt. Hierbei sichtete Straßburg unter der englischen Küste zwei feindliche Unterseeboote, von denen sie eines auf größere Entfernung mit wenigen Schüssen zum Sinken brachte.

Richard Walzer, bei Dagsburg,

Elsass- Lothringen

(...) Es tobte bereits wieder ein heißer Kampf. Hier verblieben wir gefechtsbereit. Gegen 10 Uhr gingen wir gruppenweise vor und schwärmten in die Stellung ein. Wir befanden uns an einem steilen Bergabhang zwischen hohen Felsen und erhielten sehr starkes Infanteriefeuer, was aber auch bestens erwidert wurde. Wir hatten die französische Kolonialtruppe gegenüber, eine Elitetruppe, was sich an unseren Verlusten sehr bemerkbar machte. Unsere Maschinengewehre nahmen im Tale rechts des Abhanges einen französischen Schützengraben unter Feuer, woraus Franzosen flüchteten. Die Flüchtlinge wurden auf 50 m unter Feuer genommen und hierbei 216 Gefangene gemacht. Beim weiteren Vorgehen fanden wir vier Offiziere tot. Hierauf stürmten wir den Abhang hinunter, ständig hinter Bäumen Deckung suchend. Unter heftigstem Infanteriefeuer wurde das Tal bis zu dem in der Mitte liegenden Hause durchquert und dahinter Schutz gesucht. Meine Gruppe hatte einen Toten und drei Verwundete, die wir im Hause unterbrachten. Von den Fenstern eröffneten wir sofort wieder das Feuer. Vom Anzünden des Hauses ließen wir trotz Befehl auf Bitten des alten Mannes, der sich noch darinnen befand, ab. (...)

Jakob Krebs, Niederweiler,

Elsass- Lothringen


(...) Flieger schwirren durch die Luft, wir bleiben angespannt halten. ¾ 11 Uhr, der Donner der Geschütze verstärkt sich immer mehr. Ein Bataillon Fußartillerie 14 mit Kolonne, das hinter uns biwakierte, rückt vor. Neben uns lagert Infanterie- Regiment 170 aus Offenburg. Um ½ 12 Uhr fahren auch wir bis vor Arzweiler und warten bis 4 Uhr. Auf den gegenüberliegenden Hängen jagen die Artillerie-Gespanne in toller Fahrt umher. Die Schlacht ist in vollem Gange. Fußartillerie-Regiment 14, die heute früh an uns vorbeifuhren, haben um 3 Uhr pro Geschütz schon achtzig Schuss verbraucht. Um 4 Uhr gehen wir nach Arzweiler und Jungweiler vor bis auf die Höhe. (...)
Georg Becker, Bensdorf,

Elsass- Lothringen


Wir haben die Schrecken des Krieges in ihrer schrecklichsten Gestalt kennengelernt. (...) Die Soldaten erzählten, dass von ihrer Kompanie alle Offiziere und die Mannschaften bis auf Vereinzelte gefallen seien. Gegen Abend ließ Stabsarzt Simon, der im 7. Feldlazarett mit Dr. Eisenlohr geholfen hatte, sagen, es möchte jemand zur Unterstützung kommen. Ich folgte dem Ruf. Das Feldlazarett bestand aus einem Hof mit zwei Wohnhäusern, die von den Einwohnern verlassen worden waren. In zwei Zimmern wurde verbunden und operiert, die übrigen waren als Krankenzimmer eingerichtet. Ringsum lagen die Verwundeten auf Stroh, große Wagen mit Verwundeten gefüllt standen umher. Es war noch ein Oberarzt Vogel aus Bensheim und ein Stabsarzt in den Sälen tätig. Der Letztere (...) war besonders froh über mein Erscheinen. (...)

– Lisbeth Exner und Herbert Kapfer: Verborgene Chronik 1914. Hrsg. vom Deutschen Tagebucharchiv. Galiani Verlag, Berlin 2014. 416 Seiten, 24,99 Euro.

Alle Beiträge der Serie finden Sie unter http://mehr.bz/chronik
von bz
am Mi, 20. August 2014

Badens beste Erlebnisse