BZ-Serie "Selbermachen" (Teil 5)

Die Selbstmach-Welt von Dawanda

Das Online-Portal Dawanda bedient die Sehnsucht nach Individualität – und dies mit viel Erfolg.

Wie sich geschäftlicher Erfolg einstellt, erkannte Löb Strauß beim großen Goldrausch in Kalifornien schnell: Statt nach Gold zu suchen, nähte und verkaufte er vernietete Arbeitshosen an die Minenarbeiter und Goldschürfer. Mit der Jeans machte Levi Strauss, wie sich der Franke in den USA nannte, ein Vermögen.

Diese Strategie gilt auch für Selbstgemachtes. Erfolgreicher als alle selbst genähten Schmusetücher, Handyhüllen und Turnbeutel ist Dawanda selbst, der Online-Marktplatz für "Unikate und Selbstgemachtes aller Art". Beim Start im Dezember 2006 war das Unternehmen mit überschaubaren 250 Verkäufern nur Eingeweihten bekannt. Heute kommt kaum einer aus der Do-it-yourself-Szene in Deutschland an dem Marktführer vorbei.

Alle 20 Sekunden wird ein Schmuckstück gekauft

Mehr als 320 000 Verkäufer haben auf Dawanda einen Shop eingerichtet, sie bieten 5,3 Millionen Produkte an. Jeden Tag kommen 15 000 neue Teile dazu. Alle 20 Sekunden wird auf Dawanda ein Schmuckstück gekauft, alle 30 Sekunden ein Produkt für Babys und Kinder, jede Minute eine Tasche. 5,4 Millionen Mitglieder bindet das Unternehmen an sich. Sie suchen Geschenke für Menschen, die schon alles haben. "Individualisierbar" lautet das Zauberwort.

Die Gründeridee ist verblüffend einfach: Kreative verkaufen ihre Produkte an Menschen, die Kreatives lieben. Die Kunden wenden sich direkt an die Verkäufer, können Fragen stellen und Wünsche äußern. Mitglieder haben die Möglichkeit, die Produkte zu kommentieren und zu empfehlen. "Social Commerce" heißt diese neue Form des Einkaufserlebnisses, das mit anderen geteilt wird. Der Kunde will nicht nur konsumieren. Er will sich beteiligen, wahrgenommen und wertgeschätzt werden. Er will die Menschen hinter den Produkten und ihre Geschichten kennen.

Die Zielgruppe ist eindeutig weiblich. Der Großteil der Käuferinnen und Verkäuferinnen ist zwischen 20 und 60 Jahre alt, 60 Prozent haben Kinder. Sie besuchen die Dawanda-Webseiten jeden Monat mehr als 20 Millionen Mal. Viele nutzen die Verkaufsplattform in der Elternzeit. Erst als Zeitvertreib, dann für den Sprung zurück ins Berufsleben. "Dawanda ist eine Möglichkeit, eine selbstständige Erwerbstätigkeit aufzunehmen, die zur eigenen Lebenssituation passt", sagt Claudia Helming, Gründerin und Geschäftsführerin des Portals. "Ob im heimischen Wohnzimmer, der Garage oder im eigenen Atelier, kreativ werden kann man fast überall und immer dann, wenn man es gerade einrichten kann. Dies ist auch der Grund, warum viele Mütter und Väter in der Elternzeit ihre kreative Ader entdecken und durch ihre selbstständige Tätigkeit einen Teil zum Familieneinkommen beitragen können."

Die Spannbreite ist groß: Manche setzen nur ein paar Babyhemdchen ab, andere haben, so heißt es, fünfstellige Verkaufszahlen. Es gibt ausgebildete Handwerker, studierte Designer, Quereinsteiger und Amateur-Bastelfreunde. "Wir schätzen, dass etwa 20 000 Designer auf Dawanda von ihrer kreativen Tätigkeit leben", sagt Claudia Helming. "Sie verkaufen ihre Produkte nicht zwingend nur über Dawanda, sondern haben noch weitere Einnahmequellen – viele sind beispielsweise regelmäßig mit Ständen auf Märkten vertreten."

Was ist notwendig, um Erfolg zu haben? Einen Shop, also ein eigenes kleines Schaufenster, eröffnen kann jeder, für Präsentation, Fotos, Begleittexte, Geschäftsbedingungen, Bezahlung und Versand ist jeder Anbieter selbst zuständig. Er trägt auch das Risiko.

Dawanda liefert die Software und verlangt Einstellgebühren zwischen 10 und 30 Cent je Produkt für 120 Tage sowie eine Provision von fünf Prozent, wenn ein Produkt verkauft wird. Außerdem können Anbieter Werbeflächen auf der Startseite buchen. Vorabkontrollen gibt es nicht. Die Szene, so heißt es bei dem Berliner Unternehmen, kontrolliere sich selbst.

Die Plattform entwickelt sich vom virtuellen Marktplatz zum realen Freizeitbegleiter: Das Unternehmen organisiert Do-it-yourself-Märkte, Workshops und Treffen der Szene, mittlerweile gibt es Magazine und Newsletters. In Berlin hat Dawanda einen Offline-Shop eröffnet, in dem eine Auswahl der Produkte verkauft wird.

Es gibt nicht wenige, die glauben, dass Handmade-Portale wie Dawanda oder das US-amerikanische Pendant Etsy die DIY-Bewegung erst sichtbar gemacht und damit gefördert hat. Jüngster Coup: ein Selbermach-Portal, auf dem gut 1300 Anleitungen bereitstehen. Die dafür benötigten Materialien können mit einem Klick bestellt werden – natürlich bei Dawanda.

Mit Handarbeiten Geld verdienen? Als Claudia Helming mit Michael Pütz Dawanda, der Frauenname ist afrikanischen Ursprungs und bedeutet "die Einzigartige", gründeten, wurde die Idee von vielen belächelt. Der Wagnisfinanzierer Holtzbrinck Ventures gab 150 000 Euro, damit die Gründer ausprobieren können, ob die Idee funktioniert. Seit 2012 ist das Geschäft profitabel – die Plattform ist heute in sieben Sprachen verfügbar und beschäftigt 200 Mitarbeiter. 2014 belief sich das Handelsvolumen von Dawanda auf 140 Millionen Euro – 40 Millionen Euro mehr als im Jahr zuvor.

Der jüngst bekannt gegebene Einstieg von Amazon in das US-amerikanische Handgemacht-Geschäft ist für Claudia Helming eine Bestätigung, dass Selbermachen mehr ist als Handarbeit im stillen Kämmerlein: "DIY ist mittlerweile zu einem eigenen Wirtschaftssegment herangewachsen, das kreative Verkäufer, die davon leben können, und Kunden, die Wert auf individuelle selbst gemachte Produkte legen, zusammenbringt".

Keine Angst vor

der Konkurrenz

Ist der Markt nicht irgendwann voll mit all dem Selbstgebastelten? Claudia Helming ist zuversichtlich. "Selbermachen ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Es handelt sich nicht um einen kurzfristigen Trend, sondern um eine langfristige Veränderung der Einstellung und des Konsumverhaltens. Entsprechend steigt auch die Nachfrage nach handgemachten Produkten von Jahr zu Jahr." Konkurrenz fürchtet sie nicht. Der globale Markt sei groß genug für mehrere Anbieter.

Morgen lesen Sie: Schnittmuster für Generationen – Dagmar Bily, Chefredakteurin von Burda Style, über Trends und Moden.

Lust auf Selbermachen? Wir stellen Buchstaben aus Beton vor








von Petra Kistler
am Do, 17. September 2015 um 00:00 Uhr

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