Südbadener in Rio (6)

Domenic Weinstein hofft auf Bahnrad-Bronze

Domenic Weinstein aus Bad Dürrheim-Unterbahldingen träumt von einer Bronze medaille mit dem deutschen Bahnrad-Vierer in Rio de Janeiro.

Seine Mutter Doris bekommt Schüttelfrost, wenn sie nur daran denkt, was ihr Sohn im Zeichen der Ringe auf Brettern, die ihm die Welt bedeuten, leisten soll. Weil sich alle Hoffnungen auf ihn konzentrieren, weil er nicht patzen darf bei der ebenso wilden wie unerhört gleichmäßigen, wie mit dem Metronom getakteten Raserei des deutschen Bahnradquartetts auf dem olympischen Bretter-Oval von Rio mit den aberwitzig steil überhöhten Kurven.

Domenic Weinstein (21), Vizeweltmeister in der nicht olympischen 4000-Meter-Einzelverfolgung und deutscher Rekordhalter in seiner Spezialdisziplin, lässt die ganze Aufregung um sich herum kalt. Schlafen kann er wie ein Murmeltier.

"Ich war noch nie so der Nervöse", sagt der gebürtige Villinger, zu Hause im beschaulichen Bad Dürrheimer Ortsteil Unterbaldingen. Bei seinem Heimatverein RSC Donaueschingen, den sein Vater Heinrich bis heute als Vorsitzender leitet, fiel er schon als Jugendlicher mit Gelassenheit und einer besonderen Gabe auf: Raserei im Ruhemodus. "Domenic war schon chillig, als es diesen Begriff noch gar nicht gab", erinnert sich seine Mutter, "er braucht Harmonie, dann ist alles perfekt". Weinstein ist ein Kraftwerk auf zwei Beinen, 1,88 Meter groß, mit einem Drehmoment, das den Bundestrainer schwärmen lässt. "Domenic ist eines der größten Talente, das wir in Deutschland je hatten", sagt Sven Mayer, "er ist ein Tempobolzer mit einem Riesenmotor". Der treibt ihn auch auf der Straße an. Weinstein ist ein robuster Bundesligafahrer, träumt "ein bisschen" vom Sprung ins Lager der Straßenprofis und einem Start bei der Tour de France und bringt das mit, was es im Tretlager auf Asphalt am meisten braucht: Härte gegen sich selbst. Beim Bundesliga-Rennen in Cadolzburg und bei der Oberösterreich-Rundfahrt ist Weinstein im Frühjahr gestürzt, "nix wildes, nur Prellungen, die Tapete war halt ab". Dazu kam ein dritter Sturz. Wo der passiert ist, pardon, das habe er vergessen. Das sei ja auch nicht wichtig, "entscheidend ist, dass man sofort wieder aufs Rad steigt und weiterfährt".

Fairplay im Sattel, statt gewinnen um jeden Preis

Robustheit, die unerlässlich ist beim Bahnradfahren. Links drehend bringt Weinstein auf der fein gehobelten Bretterbahn bis zu 500 Watt Dauerleistung auf die Pedale einer Maschine, die eher an einen Jet im Tiefflug erinnert, als an das, was Laien Fahrrad nennen. Genug Energie um Kühlschrank, 55-Zoll-Fernseher und ein Bündel Halogenlampen zu betreiben. Unterm Hintern hat er ein Carbon-Geschoss ohne Bremsen mit 56/14-Übersetzung und Eingang-Starrlauf, der ständigen Vortrieb erzwingt, weil es den Piloten sonst aus dem Sattel katapultiert. Bei der WM in London hatte Weinstein im März im Vorlauf in 4:16,206 Minuten seinen eigenen deutschen Rekord in der 4000-Meter-Einerverfolgung verbessert, doch im Finale musste er sich dem neuen Weltmeister Filippo Ganna (Italien) knapp geschlagen geben.

Auf den letzten 500 Metern hatten ihn die Kräfte verlassen. Plötzlich wähnte er einen imaginären schwarzen Mann vor sich auf dem Lenker, den Bahnfahrer fürchten wie die Pest. Ein Einbruch, der Weinstein nicht noch einmal passieren soll. Weder als Solist und schon gar nicht bei Olympia in Gemeinschaft. In Rio ist er Erster unter Gleichen im Viererzug des Bundes Deutscher Radfahrer, den Henning Bommel (Finsterwalde), Nils Schomber (Büttgen) und Kersten Thiele (Göttingen) komplettieren. Weinstein ist die Lokomotive, die es an der Spitze braucht, als Antriebseinheit an Position zwei oder als Schubmaschine ganz hinten. Dass er in Rio nicht in seiner Spezialdisziplin starten kann und damit die Chance auf eine sichere Medaille verliert, ist dem Unterbaldinger nur ein Achselzucken wert, "das war ja schon lange klar, dass die Einzelverfolgung diesmal nicht olympisch wird". Also: Schwamm drüber. Und Fahrt aufnehmen. Dass sich der deutsche Bahn-Vierer überhaupt für Olympia qualifiziert hat, ist schon ein Erfolg. Gold und Silber scheinen für die Quartetts aus Australien und England reserviert, "da müsste schon viel schief gehen für beide Teams", so Weinstein, "aber darauf hofft man als Sportsmann nicht". Es ist diese in einem Nebensatz versteckte Haltung, die ihm enorm wichtig ist: Fairplay.

Er will nicht gewinnen um jeden Preis. So bleibt für die BDR-Combo realistisch gesehen eine Platzierung unter den besten sechs. Und ein Traum: "Bronze wäre ein Riesending", sagt Weinstein, "dafür lohnt es sich, alles zu geben". Zuerst am Donnerstag, 11. August, bei der Qualifikation, die um 22.15 Uhr (MESZ) beginnt und tags darauf, von 22 Uhr an bei den Final-Läufen der Bahn-Quartetts.

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von Johannes Bachmann
am Di, 19. Juli 2016 um 21:42 Uhr

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