Eher Prinzessin als Königin

BZ-SERIE: Die Braun Orgel in Bachheim erzählt auch vom wechselhaften Verhältnis zwischen Kirche und Staat.

LÖFFINGEN-BACHHEIM. In der "Orgelreise" der Badischen Zeitung darf auch eine romantische Dorforgel nicht fehlen. Ein schönes Beispiel dafür findet sich in der Bachheimer Dorfkirche Sankt Peter und Paul. Erbaut wurde die Orgel 1880 von Martin und Michael Braun. Die Orgel steht heute unter Denkmalschutz.

Dabei ist sie sicherlich kein besonderes Instrument. "Wenn man von der Orgel als Königin der Instrumente spricht, gilt das weniger für die Bachheimer Orgel. Sie wäre dann eher eine kleine Prinzessin." So urteilt schmunzelnd Ursula Herbstritt, die über Jahrzehnte hinweg Bachheims Organistin war. Die Bedeutung der Bachheimer Orgel besteht zunächst einmal darin, dass sie sich in einem Gesamtensemble befindet, das in Baden nur noch selten zu finden ist. Einen solchen geschlossenen Gesamteindruck vermitteln die Kirche und das benachbarte Pfarrhaus, die inmitten von Streuobstwiesen gelegen sind. Die Gebäude liegen markant etwas erhöht über dem Dorf. Und zu diesem Gesamt zählt auch die Dorforgel.

Ihre Bedeutung besteht zweitens darin, dass sie ein für die damalige Zeit sehr typisches Instrument darstellt. Die Verhältnisse sind dabei eher bescheiden. Die Orgel besitzt nur ein Manual und ein Stummelpedal sowie zehn Register. Besonders leicht zu spielen ist sie nicht, vor allem an das Stummelpedal muss sich jeder fremde Organist erst gewöhnen. Und das Ziehen der Register ist mit einem recht lauten Klappern verbunden. Dafür entfaltet sie sehr schöne Klangfarben, die Anzahl der Achtfüße ist für ein solch kleines Instrument recht groß. Der Klang ist sehr warm und sanft – typisch romantisch eben. Von der technischen Seite gesehen ist auch interessant, dass die Orgel mit Kegelladen und nicht mit den heute geläufigen Schleifladen arbeitet.

Noch unter einem dritten Aspekt ist die Orgel von Interesse: Sie erzählt Kirchengeschichte und bringt dabei einige Traditionslinien zutage, die für das 19. Jahrhundert typisch waren. Dass sich das Verhältnis von Kirche und Staat im Erzbistum Freiburg und dem Land Baden nicht einfach gestaltete, wird hier noch einmal auf der untersten Ebene deutlich. Für die Kirchenmusik wurde in Bachheim recht früh ein Kirchenchor gegründet. Die Kirche blieb aber lange Zeit ohne Orgel. Ein wesentlicher Impuls zur Anschaffung eines Instrumentes kam von Seiten der kirchlichen Obrigkeit. Erzbischof Hermann von Vikari hielt in einem Bericht zur Kirchenvisitation 1844 in Bachheim fest: "Mit Bedauern haben wir den Mangel einer Orgel wahrgenommen. Dies kann und darf in der Länge der Zeit nicht so fortgehen." Der Erzbischof ordnete denn auch an, dass die Zuständigen für die Verwaltung des örtlichen Kirchenvermögens, 900 Gulden für die Anschaffung bereitstellen. Auch wurden Gelder von Seiten des Oberkirchenrates in Aussicht gestellt.

Aber er hatte nicht mit der politischen Gemeinde gerechnet. Diese zeigte wenig Neigung zur Anschaffung einer Orgel. Und so berief sie eine Gemeindeversammlung ein, bei der die Bürger über das Projekt abstimmen konnten. 15 Bürger stimmten für die Anschaffung einer Orgel, 29 lehnten einen Kauf ab.

Die Pfarrei schaffte

einfach Fakten

Der Dorfpfarrer war entsprechend erzürnt: "Somit haben die Bürger durch diese Abstimmung die ganze Sache fallen lassen und die vom Oberkirchenrat angebotenen 450 Gulden schnöde von sich gewiesen. Und aus welchen Gründen? Lediglich weil der Krösus und sein Anhang bei seiner starken Possession etwas tief in die Tasche hätte greifen müssen." Pfarrer Mathias Huggle ordnete den Vorgang also in das Raster der sieben Todsünden ein und warf seinen Pfarrkindern Geiz vor.

Allmählich verschob sich die Stimmung im Dorf aber zugunsten der Orgel. Doch nun war es nicht die politische Gemeinde vor Ort, sondern die "großherzogliche Seekreisregierung", die versuchte, eine Orgel zu verhindern. Die Behörden in Konstanz legten ihr Veto gegen den Ankauf ein. Doch die Pfarrei schaffte ganz einfach Fakten: Entgegen der Anweisung aus Konstanz kaufte sie 1853 die erste Orgel mit vier Registern für nur 150 Gulden.

Das preisgünstige Instrument bildete freilich keine Dauerlösung. In den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts beschloss man die Anschaffung der Braun-Orgel. Doch flammte bei der Anschaffung der Konflikt zwischen kirchlicher und politischer Gemeinde wieder auf. Streitpunkt war weniger die Anschaffung, sondern die Frage nach Bürgschaft und Unterhaltskosten. Zwei Jahre lang wurde gestritten, bis man zu einer Einigung kam. Für 3600 Mark kaufte die Pfarrei die Orgel und machte sie der Gemeinde zum Geschenk, die somit den Unterhalt zu übernehmen hatte. Offensichtlich hatte die Kirche das größere Verhandlungsgeschick.

Dass sich die Bachheimer für die Firma Braun entschieden, war keine Besonderheit. Martin Braun hatte 1833 eine Orgelwerkstätte in Spaichingen gegründet. Die junge Firma expandierte, so dass später auch die Söhne Johann Michael und Matthias Braun in das Geschäft einsteigen konnten. Das vielleicht wichtigste Instrument ihrer Werkstätte stand im Konstanzer Münster. Noch heute sind dort zwölf der Register erhalten. Auch in der Nähe Bachheimes gab es Braun-Orgeln, so in Döggingen und Neudingen sowie auf dem Spaichinger Dreifaltigkeitsberg. Die meisten Braun-Orgeln wurden später freilich ersetzt. Auch die Firma selbst ging infolge der Inflation nach dem Ersten Weltkrieg Bankrott, der letzte Inhaber, Martin Eugen Braun, emigrierte in die USA, wo er wieder in das Orgelgeschäft einstieg.

Die Bachheimer Orgel blieb hingegen bis zum heutigen Tag erhalten. Lediglich ein neuer Spieltisch wurde in den Jahren 1969/1970 eingebaut. Die letzte Generalüberholung erfolgte 1998 im Anschluss an die Kirchenrenovation. Von der Decke herab rieselnder Putz hatte die Orgel in Mitleidenschaft gezogen. Den größten Schaden hatten aber die Fledermäuse angerichtet: Der Fledermausdreck hatte sich so in das Metall eingeätzt, das alle Putzhilfen versagten. Wegen der hohen Kosten unterließ man es, die Pfeifen abzuziehen. Aber das gibt dem Instrument optisch auch eine gewisse Patina.

Schließlich kann die Orgel auch im Blick auf ihre Organisten Spannendes erzählen. Und auch dabei geht es letztlich wieder um das Verhältnis von Kirche und Staat. Wie in vielen anderen Pfarreien auch, war es in Bachheim der Lehrer, der zugleich den Kirchenchor übernahm und die Orgel spielte. Zugleich sagt diese Traditionslinie etwas über das Rollenverständnis der Lehrer aus. Sie waren eben die Kulturträger par excellence, die vor Ort auch eine musikalische Tradition sicherten. Angesichts dieser Doppelfunktion war es auch kein Problem, dass der Kirchenchor im Schulhaus probte. Erster Bachheimer Organist war Adolf Siebler. Sogar sein Gehalt ist heute noch bekannt: Er verdiente zwölf Gulden jährlich. Der "Blasbalgzieher" kam auf einen Gulden und 48 Kreuzer. Die letzten drei Lehrer, die zugleich für die Kirchenmusik zuständig waren, sind heute noch vielen Bachheimern bekannt, neben Ursula Herbstritt, die heute immer wieder Vertretungsdienste übernimmt, sind dies Oskar Mayer und August Neininger.

Der Klang ist

warm und sanft

Erstmals wurde diese Tradition unter den Nationalsozialisten unterbrochen. Der damalige Oberlehrer, selbst bekennender Nazi, gab nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten die Leitung des Chores und den Organistendienst ab und verbot sogar die Probenarbeit des Kirchenchores im Schulgebäude. Nach dem Krieg griffen Kirche und Staat aber wieder ineinander. Das dafür stehende Beispiel des die Orgel spielenden Lehrers endete in Bachheim, als Ursula Herbstritt im Jahr 1998 den Kirchenchor und den Organistendienst mit ihrer Pensionierung abgab. Dies war auch Hinweis darauf, dass ein integralistischer Blick auf ein Schwarzwalddorf der Realität nicht mehr gerecht wird. Die einzelnen Systeme sind deutlicher getrennt, als es jemals der Fall war. So musste auch der Kirchenchor die Schule verlassen und probt heute im Pfarrhaus. Dennoch sind die Bachheimer froh, dass sie mit Franz Gromann aus Göschweiler mittlerweile wieder einen "festen" Organisten haben. Dass es möglich ist, dass ein Organist in mehreren Pfarreien gleichzeitig spielt – Franz Gromann spielt unter anderem auch in Reiselfingen und Unadingen – ist auch des Nachdenkens wert. Aber dies wäre ein neues Kapitel der Kirchengeschichte.
von Karla Scherer
am Sa, 31. Januar 2015

Badens beste Erlebnisse