Ein Fall für den Orgelinspektor

BZ-WEIHNACHTSSERIE: Johannes Götz auf Spurensuche.

BREISGAU-HOCHSCHWARZWALD. Wenn dieser Inspektor die Kirche betritt, geht es nicht um einen Krimi, sondern um eine Königin. Um die Königin der Instrumente genauer gesagt, die Orgel. Johannes Götz ist nicht nur ein renommierter Organist und einer von zwei Bezirkskantoren im Kreis, sondern auch Orgelsachverständiger. Bei seinen Inspektionen nimmt er die edlen Instrumente genau unter die Lupe – wofür es nicht selten detektivischen Spürsinn braucht.

Einsatz in Kirchzarten: 1991 wurde die Orgel in die katholis che Kirche St. Gallus eingebaut – von der Firma Metzler aus dem schweizerischen Dietikon im Kanton Zürich. "Eine Weltmarktfirma", wie Kantor Johannes Götz sagt. Mit schnellem Schritt eilt er die steinerne Treppe zur Empore hinauf. Hier steht das gute Stück.

"Jede Orgel hat ihre kleinen Besonderheiten", weiß Götz, schmunzelt und greift unter die Orgelbank. Ja, da ist er, der Schlüssel, der das Instrument in Gang setzt. Die Verstecke sind oft ähnlich, aber nie ganz gleich. Götz weiß das, weil er als Orgelinspektor für die Instrumente in den Dekanaten Neustadt und Breisach-Endingen verantwortlich ist. Die dafür notwendige Zusatzqualifikation hat Götz schon vor vielen Jahren erworben. "Ich liebe Orgeln. Das ist meine Welt." Mehr Erklärung braucht es nicht.

Heute geht es um Zustand und Klang der Kirchzartener Metzler-Orgel. Vom Amt für Kirchenmusik in Freiburg hat Götz den Auftrag bekommen, die Orgel kurz vor ihrem 25. Geburtstag in Augenschein zu nehmen. Wie viel Staub hat sich in dem Instrument angesammelt, ist eine Grundreinigung nötig? Doch bevor es ans Eingemachte geht, lässt Johannes Götz seinen Blick über Bank, Manuale und Pedal schweifen. "Das sieht alles sehr gepflegt aus", sagt er. Der erste Eindruck vom Zustand eines Instruments setzt sich oft auch in seinem Inneren fort.

Und da gibt es fast nichts, was Götz noch nicht gesehen hat. Mäusenester, Rattenkot, Zigarrenstummel, aber auch spaßige Inschriften von Kalkanten – das waren einst Helfer, die durch Treten oder Ziehen der Blasebälge für Luft in der Orgel sorgten – hat er schon gefunden. Er hat zudem die Erfahrung gemacht, dass Orgeln gerne mit allerlei Dingen belagert werden. Ein Kistchen hier, ein Körbchen dort. "Und schon fängt es an, dreckig zu werden." Während seiner Ausbildung zum Orgelsachverständigen haben sich Götz und sein Lehrmeister oft nur in Gummistiefeln und Overall den Instrumenten genähert – so viel Schmutz und Taubenextremente hätten da im einen oder anderen Gotteshaus gelegen. Einen Schatz aber hat Götz auch schon geborgen: in Oberbränd im Hochschwarzwald. In einer kleinen Kapelle, hinter einem wüsten Bretterverhau schlummerte sie, die Stieffell-Orgel. Von 1807 stammte das Instrument aus der Raststatter Werkstatt von Ferdinand Stieffell, der auch die Instrumente in Endingen und Ettenheim gebaut hat. "Früher gab es einen regen Handel mit Orgeln", erklärt Johannes Götz. Auch in Forchheims Kirche steht Handelsware – erster Güte. Vor zwei Jahren hat die Pfarrgemeinde eine Orgel aus Schottland gekauft. "Ein kleiner Rolls-Royce, aus Mahagoni", schwärmt Götz.

Doch zurück nach Kirchzarten. Nicht Handschellen oder Pistole zückt der Inspektor bei seinen Einsätzen, sondern Taschenlampe und Messgerät. 49,2 Prozent Luftfeuchtigkeit, 16,2 Grad Celsius. "Ideal für Holzmusikinstrumente", sagt der Sachverständige und notiert. Für den nächsten Schritt seiner Ermittlungen braucht Götz keine Hilfsmittel: Stimmt der Klang der Orgel? Der Bezirkskantor fängt zu spielen an. Sanft und leise, laut und mächtig; mit wenigen oder allen der insgesamt 28 Register. Götz’ Finger tanzen über die Tasten, seine Füßen fegen über das Pedal. Was er da hört, passt – mit Einschränkung. "Das eine Register klingt etwas dumpf, das andere kommt etwas spät." Er notiert. Im nächsten Moment eilt er um die Orgel rum, öffnet eine der Holztüren, um ins Innere des Instruments zu blicken. "Hoffentlich kein Schimmel", so sein Stoßgebet.

Der kann sich bilden, wenn eine Orgel wenig Licht bekommt und selten bespielt wird. Außerdem sind Kirchen, die nur an einigen wenigen Tag "hochgeheizt" werden, keine gute Umgebung, wie Johannes Götz erklärt. Das, was er in der Kirchzartener Metzler-Orgel entdeckt, ist gewöhnlicher Staub. "Ganz normal nach 25 Jahren." Mit der Taschenlampe leuchtet er über die großen und kleinen Pfeifen aus gehämmertem Zinn. "Ein Markenzeichen der Firma Metzler." Die Pfeifen stehen fest und gerade. "Sie haben keine Elefantenfüße", sagt Götz. Die bekommen sie, wenn sie unter ihrem eigenen Gewicht zusammenknicken – wie etwa in St. Peter. Knifflig ist die Suche nach dem Secreto, dem Geheimnis, dem Eingeweide der Orgel – der Windlade. Wo ist sie in Kirchzarten versteckt? Johannes Götz leuchtet und sucht, durch eine abnehmbare Seitenöffnung wird ein Teil sichtbar. Alles in Ordnung.

Sportlich muss ein Orgelinspektor sein, denn mit einer Holzleiter geht es hinauf auf den oberen Stimmgang der Orgel, rund zwei Meter über dem Boden. Und unerschrocken: Die Leiter nämlich ist verzogen, nur ein Holmen steht auf, der anderen schwebt in der Luft und wackelt verdächtig, als Götz Sprosse um Sprosse erklimmt. "Das darf eigentlich nicht sein. Das wird notiert", ruft er von oben. Auf Knien rutscht er über den Holzsteg und inspiziert die Pfeifen im Oberstübchen. Spurensuche beendet, es geht wieder nach unten.

Das Gesamtergebnis passt, nichts anderes hatte Götz erwartet. "Die Orgel ist noch jung, sie stammt von einer renommierten Firma." Rund 430 000 Euro hat sie gekostet, 30 000 Euro sind es für die Grundreinigung, die er innerhalb der nächsten fünf Jahre empfiehlt. Damit hat der Orgelinspektor den Fall Kirchzarten abgeschlossen. Ein neuer wartet schon.

Weitere Serienteile und Erklärstücke rund um das Thema Orgel gibt es unter http://mehr.bz/orgelserie
von Tanja Bury
am Sa, 27. Dezember 2014

ZUR PERSON: JOHANNES GÖTZ

Johannes Götz studierte an der Musikhochschule Freiburg und am Königlichen Konservatorium in Brüssel. Seit 1992 ist Johannes Götz Bezirkskantor für die Dekanate Neustadt und Waldshut und in dieser Funktion für die kirchenmusikalische Ausbildung zuständig. Zudem leitet er mehrere Chöre, unter anderem den Kammerchor Hochschwarzwald, und er ist als Orgelsachverständiger tätig.  

Autor: tab

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