"Ein furchtbarer Zwiespalt martert mich von früh bis spät."

BZ-SERIE "TAGEBÜCHER AUS DEM KRIEG" (12): Angst um den Ehemann, Einschüchterung der Bewohner und Anordnungen zum strengsten Stillschweigen.

Nie wurde so viel geschrieben wie in den ersten Monaten des Ersten Weltkriegs. Nach der ersten großen Kriegsbegeisterung stellte sich bei vielen Deutschen bald Ernüchterung ein. Wir dokumentieren in einer Serie die ersten Kriegswochen, wie sie sich in Tagebüchern und Briefen des Deutschen Tagebucharchivs in Emmendingen darstellen und greifen dabei auf die im Berliner Galiani Verlag herausgekommene "Verborgene Chronik 1914" zurück. Wir blicken Tag für Tag genau 100 Jahre zurück.

14. AUGUST 1914

Freifrau von Wertheim, Coburg

Ein furchtbarer Zwiespalt martert mich von früh bis spät und von spät bis früh. Auf der einen Seite der Wunsch, der brennende Wunsch, dass ich es nicht zu erleben brauchte, Siegfried ins Feld rücken zu wissen, bei welchem Gedanken allein mir zumute ist, als müssten mir die Sinne schwinden. Auf der anderen Seite das Gefühl, dass Siegfried etwas unwiederbringlich Herrliches verliert, wenn er als Offizier in dieser begeisterten wunderbaren Zeit nie vor dem Feind gestanden, sondern fest an einem inneren Platz gesessen hat. Ich denke an die Rückkehr aus dem Feld!! Und er soll nur Zuschauer sein, wenn alle anderen stolz und selig sind? Und wenn er ins Feld zieht, käme er zurück??? Ich habe immer geglaubt, ich wäre nicht sehr patriotisch, ich wäre auch nicht weiter stolz, deutsch zu sein, und der Kaiser wäre mir gleichgültig. Meine Kinderchen, eure Mutter ist auf einmal glühend patriotisch geworden, sie ist stolz aufs Deutschsein und liebt den Kaiser! Aber meinen Mann kann ich nicht hergeben, ich kann es nicht, ich müsste wahnsinnig werden oder sterben, einen Mittelweg kann ich mir nicht denken. Könnt ihr mich begreifen? Könnt ihr den Zwiespalt verstehen? Später werdet ihr, wenn ihr dies lest, darüber nachdenken, ob ihr euch in meine Seele versetzen könntet! Denkt aber nicht über den Stil und die Schrift dieses Tagebuchs nach. Ich schreibe, wie es mir ums Herze ist, und kann nicht darüber grübeln, ob’s schön klingt. Es wäre nicht ich, wenn ich packend oder sensationell schreiben würde. Ich kann nur so schreiben für euch. Von jetzt an will ich täglich die Erlebnisse des Tages eintragen. Vielleicht werdet auch ihr euch später an manches erinnern können, wenn ihr dies Buch lest.

Karl Groppe, bei Hermalle- sous-Huy (Belgien)

Wir wurden bei Hermalle auf Pontonkähnen übergesetzt. In einer halben Stunde war das ganze Bataillon rüber. Die Leute waren erstaunt über unser plötzliches Auftauchen, denn die belgischen Zeitungen hatten bloß immer von Siegen der Ihren geschrieben. Da glaubte die Bevölkerung, wir seien schon längst wieder in Deutschland. Bei Huy wurde eine richtige Brücke gebaut, auf der die Kavallerie und Bagage rüberkam. Unser Jäger-Bataillon 10 gehörte zur Aufklärungsdivision. Da waren wir stets vorn und hatten nur Kavallerie-Patrouillen vor uns. Wir mussten viel marschieren, immer kreuz und quer, hatten aber den Vorteil, dass wir noch überall Lebensmittel fanden. Kamen wir in einen Ort, wo wir länger Halt machten, dann nahmen wir den Bürgermeister oder den Pastor gefangen. Diese mussten dann mit uns ins Dorf und Lebensmittel requirieren und gleichzeitig den Leuten bekanntgeben, dass im Falle eines Angriffs auf uns oder auch nur eines Schusses der Geistliche oder Bürgermeister sofort erschossen und der Ort in Brand gesteckt würde. Hierdurch wurden die Einwohner eingeschüchtert und gaben von selbst raus, was sie übrig hatten.

Richard Piltz, Peltre,

Elsass-Lothringen


In Saint-Julien bei Metz in der Decke einer Gastwirtschaft Hunderte Gewehre gefunden. Seinen Gastwirt verhaftet. Weiteres nicht bekannt. Schon seit mehreren Tagen blüht der Kriegsklatsch. Bald soll das 5. Korps von den Russen völlig aufgerieben sein. Dann sollen wieder Belfort, Toul, Verdun gefallen sein. Schließlich soll Graf von Haeseler zum Kaiser gesagt haben: "Sonnabend sind wir in Paris, Majestät."



Jakob Krebs, Didenheim,

Elsass-Lothringen


Es geht das Gerücht um, wir sollten nach Belgien kommen. Der Hauptmann stellt dies vor versammelter Mannschaft in Abrede, verlangt aber über die weiteren Unternehmungen strengstes Stillschweigen und droht Erschießen wegen Landesverrats an.

– Lisbeth Exner und Herbert Kapfer: Verborgene Chronik 1914. Hrsg. vom Deutschen Tagebucharchiv. Galiani Verlag, Berlin 2014. 416 Seiten, 24,99 Euro.

Alle Beiträge der Serie finden Sie unter http://mehr.bz/chronik
von bz
am Do, 14. August 2014

Badens beste Erlebnisse