Ein Raum der Erinnerungen

BZ-SERIE:Annette Greve öffnet die Tür zum Fundus der Deutschen Kammerschauspiele in Bahlingen.

KENZINGEN/BAHLINGEN. Der Adventskalender darf in der Vorweihnachtszeit in vielen Haushalten nicht fehlen. Jeden Tag wird ein Türchen geöffnet, hinter dem sich ein Bild oder etwas Süßes verbirgt. Auch die BZ-Redaktion, die Presse-AG und die AG "Journalistisches Arbeiten" des Gymnasiums Kenzingen öffnen bis Weihnachten Türen in der Region und erzählen, was sich dahinter verbirgt. Heute: der Fundus der Deutschen Kammerschauspiele.

Mit einem tiefen Brummen startet der Motor des Lkws. Anette Greve (56) bewegt den grauen Lastwagen mit der schwarz-rot-goldenen Aufschrift "Deutsche Kammerschauspiele" so selbstverständlich durch Endingens Straßen, als wäre sie mit einem Kleinwagen unterwegs. Auf dem Weg nach Bahlingen, wo sich der Fundus des Privattheaters befindet, erzählt die Schauspielerin von ihrem Werdegang. Seit 25 Jahren ist sie Direktorin und Inhaberin des Theaters und damit für Regie über Organisation bis hin zum Schauspiel verantwortlich. Schon als Kind nahm sie Ballett-, später auch Gesangsunterricht, lange Jahre war sie Mitglied einer Theater-AG teil. Nachdem sie in Erlangen und Nürnberg Theater-, Literatur- und Politische-Wissenschaften studiert hatte, führte es sie beruflich nach Emmendingen zu dem damals noch unter dem Namen Badische Kammerschauspiele bekannten Kleintheater, das 1967 von Georg A. Weth gegründet wurde. Seit dem Jahr 2000 befindet sich die Geschäftsstelle in Endingen, wo es vor allem von den von der Stadt bereitgestellten Veranstaltungsräumen profitiere, wie Greve sagt.

Ein Teil des Fundus, vor allem große Bühnenbilder, ist noch in Emmendingen untergebracht. Die meisten Requisiten, Versatzstücke und kleinere Bühnenbilder lagern in einem 280 Quadratmeter großem, ebenerdigen Raum in Bahlingen.

Als der Lkw vor dem Gebäude anhält, ist auf den ersten Blick nichts von einem Fundus zu sehen. Weder Plakate noch Schilder geben einen Hinweis darauf, dass sich hier Gegenstände aus 50 Jahren Theatergeschichte stapeln.

Neben einem früheren Lebensmittelgeschäft bleibt Greve stehen. Nach einigen routinierten Handgriffen Greves hebt sich das massive Rollgitter und macht den Weg zur früheren Ladentür frei. Mit wenigen Schritten durchquert Greve den Vorraum, in dem früher Gemüse und Obst auslag, und schließt eine dunkle Holztür auf. "Der Fundus ist sehr voll, und ich glaube, ich bin die Einzige, die sich hier drinnen auskennt", warnt sie mit einem Schmunzeln, bevor sie die Tür vollständig öffnet und nach links hinein in den stockdunklen Raum verschwindet. Wenige Augenblicke später flackert Neonlicht auf und offenbart so einen lang gezogenen Raum, der auf den ersten Blick einem Wimmelbild gleicht – so viel hat sich über die Jahre angesammelt.

Vor dem einzigen Fenster lagern Lautsprecher, Kabel und Koffer mit allem möglichen technischen Equipment. An einer Wand stehen Leinwände mit verschiedenen Motiven. Das hintere Drittel des Raums ist vor allem mit Kostümen und kleineren Requisiten gefüllt. Die gegenüberliegende Wand wird von fast raumhohen Regalen beherrscht, in dem sich feinsäuberlich beschriftete Kartons, alte Poster, Statuen und andere Gegenstände wie ein kleiner Spielzeugrevolver befinden. In der Mitte des Raums steht eine Regalreihe in U-Form. Zwischen den Theaterutensilien tauchen, halb von diesen begraben, vom Vormieter zurückgelassene Überbleibsel auf: eine alte Waage und kleine Einkaufswagen zum Beispiel. Auf, unter und neben den Regalen türmen sich Versatzstücke – Möbel, die als Teil des Bühnenbilds benötigt werden. Alte barocke Sessel sind genauso vertreten wie Einzelteile eines reich verzierten Holzbetts, bunte Matratzen oder Schränke und Kisten, die wiederum mit allerlei Erinnerungsstücken gefüllt sind.

"Ein wirklich katalogisiertes System gibt es nicht, das ist alles hier drin", erklärt Annette Greve und deutet auf ihren Kopf. Und tatsächlich weiß sie bei jedem einzelnen Gegenstand, an dem sie vorbeiläuft, wann, wo und in welchem Stück dieser zuletzt benötigt wurde. So deutet sie mal nach rechts, mal nach links, während sie von vergangenen Auftritten in Schweden, Japan oder innerhalb Deutschlands – und den dazugehörigen Requisiten und Bühnenbildern – erzählt.

Ein Holzbett mit original Schwälmer Bauernmalerei stammt beispielsweise aus der "Rotkäppchen"-Inszenierung. Es war schon auf der japanischen Insel Hokkaido – und erst kürzlich wieder auf der Bühne des Bürgerhauses in Endingen. "Für mich sind das alles unfassbar wertvolle Stücke", betont die Theaterschauspielerin und Regisseurin und blickt beinahe zärtlich auf die zahllosen, in jahrelanger Arbeit gesammelten Gegenstände.

"In meinem Beruf hat man keinen Acht-Stunden-Tag, man arbeitet eigentlich rund um die Uhr", erklärt sie. "Also kann man tatsächlich sagen: Ich lebe das hier – und das macht jede einzelne Sache in diesem Raum so kostbar." Dann ist der Rundgang zu Ende. Die Lichter erlöschen. Langsam schließt Annette Greve die Tür, danach das Rollgitter. Stück für Stück verwandelt sich der kunterbunte Lagerraum wieder zurück in ein unauffälliges ehemaliges Lebensmittelgeschäft.
von Elena Schulze (Jahrgangsstufe 12)
am Sa, 22. Dezember 2018

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