Ein Zeichen für die Leisetreter

BZ-WEIHNACHTSSERIE: Eichstetter Orgel erklingt seit 1866.

EICHSTETTEN. Bis zum Jahr 2010 machten Konzertorganisten lieber einen Bogen um die Orgel der evangelischen Kirche zu Eichstetten. Der Grund war, dass das eigentlich so wunderbare Instrument zu viele Risiken für Aussetzer bei einzelnen Tönen und Registern barg oder sich unerwünschte "Heuler" einstellten, die einem Konzertstück unberechenbare Momente verleihen konnten.

Das Pfarrerehepaar Haßler, die Kirchengemeinde und vor allem der im Jahr 2004 eigens gegründete Förderverein für Orgel- und Kirchenmusik Eichstetten waren sich einig, dass im Zuge der Kirchenrenovierung auch die im Jahr 1866 von Johann Heinrich Schäfer erbaute Orgel dringend saniert werden müsste. Dafür sprachen auch die veranschlagten Kosten: Eine neue Orgel dieser Art hätte mit 400 000 Euro zu Buche geschlagen. Die Sanierung der Orgel vom Juli 2010 bis Ende 2011 kostete indessen mit 90 000 Euro weitaus weniger.

In den vergangenen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts war die Eichstetter Orgel Sorgenkind und Glückskind zugleich. So fehlte es in den 1930er Jahren am Geld und an der fehlenden Bereitschaft, in eine Kirchenorgel zu investieren. Gleichzeitig kam es dadurch aber auch nicht zu charakterverfälschenden Modernisierungen, so dass das seit 1960 unter Denkmalschutz stehende Instrument bis heute in allen Teilen im Original erhalten ist.

Bereits der damalige Orgelsachverständige der Badischen Landeskirche hielt im Jahr 1934 fest, dass das Gebläse ein "andachtsstörendes Geknarre und Gequietsche" verursache. Ein Jahr später erhielt die Orgel ein elektrisches Gebläse, das oben im Kirchenspeicher installiert wurde. Der alte Blasebalg hatte ausgedient, was die Orgeltreter, die sonntags ihre ganze Körperkraft für die schweißtreibende Erzeugung des Windes einsetzten, überflüssig machte. Geblieben ist bis heute der "Calcant", das Signalglöckchen, mit dem der Organist den Orgeltretern ein Zeichen für ihren Einsatz gab.

Nicht nur der Zahn der Zeit, sondern besonders auch der Holzwurm nagte an der Orgel, weshalb dringend etwas getan werden musste. Die in March ansässige Orgelbaufirma Späth erhielt die Aufgabe, das Eichstetter Schmuckstück in der original vorhandenen Art zu restaurieren und die in der Region einmalige, mechanische Kastenbalganlage mit ihren vier Bälgen zu reaktivieren. Diese wird heute über vier Seilzugmotoren und mit einer individuell programmierten Elektronik gesteuert. Alternativ kann sie jedoch auch wieder von kräftigen Orgeltretern bedient werden .

Auch Pfarrer Martin Haßler und Andreas Fischer, der Vorsitzende des Fördervereins, hatten im Sommer 2010 in Staub und Hitze beim Abbau der Orgel mit angepackt, um die teils großen und schweren Holzpfeifen, die von zwei Mann getragen werden mussten, zu verladen. 1350 Pfeifen aus Zinn und Holz mussten in zahllose Kisten verpackt, gut gepolstert und beschriftet werden. Beim Orgelbauer angekommen, wurden sie gereinigt, ausgebeult, abgedichtet und die Wurmlöcher ausgekittet , der Spieltisch auf Hochglanz gebracht, abgegriffene Elfenbeinbeläge der Klaviatur geschliffen und poliert, das Gehäuse saniert und Elektroleitungen neu verlegt. Regie führte dabei Tilmann Späth, der auch die Orgeln des Hamburger "Michels" restauriert hatte.

Dass die Orgel, die die neogotische Architektur der Kirche aufgreift und von Organisten wegen ihrer romantischen Klangdisposition gelobt wird, in neuer Pracht erstrahlt, ist auch dem Engagement des rührigen Fördervereins zu verdanken. 66 000 der 90 000 Euro Kosten brachte der Verein auf. Unvergessen sind die kreativen Spendenaktionen, die sich der Förderverein ausgedacht hatte. Bei einer von ihnen wurde um des Pfarrers Zopf gewettet. Als der gewünschte Spendenbetrag zusammengekommen war, fiel Haßlers Haarzopf der Friseurschere zum Opfer. Um sich über den Zwischenstand der Sanierung zu informieren, organisierte der Förderverein auch einen Werkstattbesuch beim Orgelbauer.

Damit die Eichstetter Orgel auch weiterhin gut durch die Jahrhunderte kommt, wurde ein Wartungsvertrag mit der Firma Späth abgeschlossen. Der Förderverein mit seinen aktuell 30 Mitgliedern hat sich verpflichtet, im Rahmen seiner Möglichkeiten die Kosten dafür zu tragen. Auch zu diesem Zweck werden regelmäßig Konzerte in der Eichstetter Kirche veranstaltet.

Höhepunkt im kommenden Jahr ist ein Auftritt der aus Leipzig stammenden "Die Prinzen" am 12. September in der Eichstetter Kirche.
von Christa Rinklin
am Sa, 13. Dezember 2014

SCHÄFER-ORGEL

- Baujahr: 1866

- Firma: Johann Heinrich Schäfer, Heilbronn

- Typ: mechanische Kegelladenorgel

- Register: 24

- Besonderheit: Kastenbalganlage, die von zwei Orgeltretern mechanisch bedient werden kann

- Pfeifen: 1350 (die größte 10 Meter, die kleinste fingerlang)

- Letzte Sanierung: 2010/2011, Firma Späth, March

Mehr zum Thema gibt es unter http://mehr.bz/orgelserie
 

Autor: cra

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