Familien in Südbaden

Eine Familie mit deutsch-französischen Wurzeln

Auch ein Tor von Mats Hummels konnte diese Familie nicht erschüttern: Die Bruhiers haben deutsche und französische Wurzeln. Und sie leben ihren Alltag mit dem Besten aus zwei Welten.

OFFENBURG. Der 4. Juli 2014 war kein ganz leichter Tag für die deutsch-französische Freundschaft. Nein, es ging ausnahmsweise nicht um die von Angela Merkel Europa verordnete Haushaltsdisziplin. Sondern ums WM-Viertelfinale Deutschland – Frankreich. In der 13. Minute erzielt Mats Hummels nach Freistoß von Toni Kroos per Kopf das 1 : 0 für die deutsche Fußballnationalmannschaft. Und dabei bleibt es, obwohl die Franzosen die restlichen 80 Minuten furios anrennen und Stürmerstar Karim Benzema aus allen Winkeln aufs deutsche Tor schießt. Der unter anderem deswegen später zum Welttorhüter gewählte Manuel Neuer hält seinen Kasten sauber. Deutschland erreicht das Halbfinale. Auch für Familie Bruhier in Offenburg war der 4. Juli kein ganz leichter Tag.

Vor dem Fernseher haben sich Vater Johann und Mutter Carola mit den Kindern Nora (14), Noémi (12), Lena (10) und Simeon (1) versammelt. Johann Bruhier stammt aus der Nähe von Charleville-Mézière in den französischen Ardennen, Mutter Carola, geborene Bossert, aus Denzlingen bei Freiburg. Sie erklärt frei heraus, dass sie Deutschland die Daumen drückt. "Was! Wieso", sind die Töchter überrascht. "Na, weil ich Deutsche bin", sagt Mutter Carola. "Das ist aber nicht nett. Wenn du auch für Deutschland bist, dann ist Papa ja ganz allein!" Schließlich erklärt die älteste Tochter Nora, dass sie "ganz klar" für Frankreich ist und sorgt damit dafür, dass der Proporz einigermaßen gewahrt ist. Die deutsch-französische Freundschaft hat sich einmal mehr als krisenfest erwiesen.

"Nicht nach Deutschland, sondern nach Bayern!"Johann Bruhier war im Austausch
Die Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland nach jahrhundertelanger "Erbfeindschaft" ist ein allseits bestauntes Wunderwerk empathischer Diplomatie. Adenauer, De Gaulle, Elysée-Vertrag sind hier die Stichworte. Die Stadt Offenburg, wo Familie Bruhier seit 2009 wohnt, liegt nur 20 Kilometer von der französischen Grenze entfernt. Seit 1959, also vier Jahre vor der Unterzeichnung des Elysée-Vertrags, unterhält die Stadt, die 1689 von französischen Truppen komplett niedergebrannt wurde, eine höchst lebendige Städtepartnerschaft mit Lons-le-Saunier im Département Jura. Nora, die älteste der Bruhier-Töchter, war dieses Ostern über den Schüleraustausch in Lons und hat von dort Freundschaften und einen wunderbaren Comté-Käse mitgebracht. Im Gegenzug war Agathe aus Lons-le-Saunier im Juli in Offenburg. Die in Westdeutschland flächendeckend verbreiteten deutsch-französischen Städtepartnerschaften – sowie die Schüler- und Studentenaustausche in deren Schlepptau – haben ein enges persönliches Beziehungsgeflecht zwischen beiden Ländern gesponnen. Viele Freundschaften und Liebesbeziehungen sind daraus hervorgegangen. Auch die von Johann und Carola Bruhier.

Johann Bruhier stammt aus dem abgelegenen Norden Frankreichs. Dort, in den Ardennen, tobte im Winter 1944/45 eine der blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs. Ausgesprochen deutschfreundlich war man seither in der Familie Bruhier nicht eingestellt. Auf der Schule zeigt Johann mathematisch-naturwissenschaftliches Talent. "Im Fach Deutsch lief es dagegen nicht so gut", räumt er mit verschmitztem Lächeln ein. "Da hatte ich im Zeugnis nur fünf von 20 möglichen Punkten." Nach dem Baccalauréat, dem französischen Abitur, besteht Johann Bruhier auch die harten Prüfungen, die ihm den Besuch einer der Grandes Ecoles, also einer Eliteschule in Paris, erlauben. Er wird auf der Ecole Spéciale des Travaux Publiques (ESTP) angenommen und will Bauingenieur werden. Mehr aus einer Laune heraus entschließt er sich nach zwei Jahren für das Austauschprogramm seiner Hochschule. "Für Deutschland war noch ein Platz frei", erklärt er seine eher zufällige Länderwahl. "Doch ich kam nicht nach Deutschland, ich kam nach Bayern!"

Die ESTP unterhält ein Austauschprogramm mit der Technischen Universität in München. Johann Bruhier trifft der Kulturschock. Er spricht und versteht nur wenig Deutsch geschweige denn Bayrisch. Der Höhepunkt des kafkaesken Lebensgefühls ist erreicht, als ihm die Telekom nach nur zwei Wochen in München eine Telefonrechnung über 2000 D-Mark präsentiert. Die Sache stellt sich letztlich als Irrtum des Unternehmens heraus. Aber das erfährt Johann Bruhier erst, nachdem er sich hilfesuchend an eine Studentin gewandt hat, die er kurz zuvor beim Skifahren kennengelernt hatte: Carola Bossert, seine spätere Frau.

Carola hat ihre Liebe zu Frankreich schon lange entdeckt, als sie Johann Bruhier kennenlernt. Mit dem Französisch-Leistungskurs ihrer Schule besuchte sie als 17-Jährige Paris und war hingerissen. Wie so viele Deutsche vor ihr, wie die Dichter Heinrich Heine, Kurt Tucholsky oder Heinrich Mann, erliegt sie dem Charme der Stadt, dem Humor der Franzosen, der Eleganz der Sprache, dem Glanz der Grande Nation ebenso wie der Leichtigkeit, mit der viele Franzosen das Leben zu nehmen wissen.

Johann und Carola werden ein Paar. Sie hilft ihm nicht nur bei der Telefonrechnung, sondern auch beim Verfassen der deutschen Diplomarbeit. Als Johann nach Paris zurückkehrt, verlegt Carola ihren Studienort ebenfalls an die Seine. Dort leben sie unter ärmlichen Studentenbedingungen in einer Stadt, die um so anstrengender ist, je weniger Geld man besitzt. "Damals haben wir uns versprochen, wenn wir zusammenbleiben, dann wollen wir nicht in Paris wohnen."

"Ich wollte, dass meine Kinder mehr Kindheit erleben."Carola Bruhiers Systemvergleich
Johann findet schließlich eine Arbeit, die ihm einen deutsch-französischen Kompromiss ermöglicht. Er übernimmt die Frankreich-Vertretung eines deutschen Unternehmens aus dem Münsterland, das Geotextilien herstellt. Die Bruhiers haben mittlerweile geheiratet und lassen sich im Raum Straßburg nieder. Als die Töchter Nora und Noémie geboren werden und sich die Schulfrage stellt, steht bald ein weiterer Umzug an: "Ich kenne beide Schulsysteme", erzählt Carola Bruhier. "Das französische ist schon sehr auf Druck und Leistung ausgerichtet. Ich wollte aber, dass meine Kinder etwas mehr Kindheit erleben dürfen. Deshalb sind wir 2009 nach Offenburg gezogen."

Die Familie fühlt sich in der mittelbadischen 58 000-Einwohner-Stadt offensichtlich wohl. Die beiden ältesten Töchter besuchen ein Gymnasium mit einem bilingual-französischen Profil. Die jüngste Tochter, Lena, hat in der Grundschule, wo entlang der Rheinschiene in Baden-Württemberg Französisch als Fremdsprache unterrichtet wird, durch ihre zweisprachige Erziehung einen Vorteil. "Zu Hause sprechen wir meistens Deutsch", erklärt Carola Bruhier, "Johann und ich sprechen miteinander mal Deutsch, mal Französisch. Nur wenn französischer Besuch da ist, Freunde, Schwiegereltern, sprechen wir nur Französisch, um hier keine Sprachbarriere aufzubauen."

In Offenburg gibt es eine relativ große deutsch-französische Community. Die Stadt bietet Familien wie den Bruhiers ein sehr gutes Betreuungsangebot. Der kleine Siméon hat einen Krippenplatz in einer Kita, die unter anderem französische Muttersprachlerinnen als Erzieherinnen beschäftigt. "Die Kinder erleben die Verschiedenheit der Sprachmelodien und die Bereicherung des Lebens durch das gute Miteinander der Kulturen", heißt es in der Kita-Selbstbeschreibung.

Jüngstes Familienmitglied ist aber nicht Siméon, sondern Filou, ein Golden-Retriever-Welpe. Dreimal dürfen die Leser raten: Der Vater ist Franzose, die Mutter Deutsche.
von Ralf Burgmaier
am Do, 30. Oktober 2014 um 00:00 Uhr

Badens beste Erlebnisse