Eine Frage des Geschmacks

Auf Spurensuche: Welche Erfahrungen haben die Mitglieder der Lahrer Lokalredaktion in ihrem Leben mit modischen Verirrungen gemacht.

Redaktionsmitglieder und die Mode? Das ist ein weites Feld. Statt immer nur über die anderen zu schreiben, die sich größtenteils berufsmäßig diesem Thema widmen, wollten wir als Kontrast die Innensicht beleuchten. Wie halten’s Redakteurinnen und Redakteure mit der Mode. Oder ein wenig tiefer gehängt: Welche Erfahrungen haben sie ganz allgemein mit der Oberbekleidung. Dass die Seite so bunt würde, wussten wir nicht, als wir die Idee aus der Taufe gehoben haben. Und so sind hier Erinnerungen aus der Kindheit bruchlos neben Klamotten aus der Studentenzeit bis hin zu einem aktuellen Statement. Viel Vergnügen!

Latzhosen-Zeit

Aus welchem Jahr die Aufnahme stammt, weiß ich nicht mehr. Wyhl war definitiv schon durch. Die Ära der Hausbesetzungen in Freiburg hatte gerade begonnen. Es muss wohl ums Jahr 1977 gewesen sein. Für einen Studenten der Geisteswissenschaften war klar, dass man sich damals in der Cafeteria des Kollegiengebäudes II auch optisch von BWL- und Jura-Studenten absetzen musste. Latzhose und Holzfällerhemd boten sich als passende Alternative zum Burberry- und Benetton-Look geradezu an. Zweiter Vorteil: Die Klamotten waren bequem und sparsam in der Anschaffung. Was ich sonst noch brauchte, bezog ich damals ohnehin aus Second-Hand-Läden. Als da waren unter anderem ein bayrischer Trachtenjanker mit handgeschnitzten (!) Hirschhornknöpfen, ein Jackett vom Großvater der Lebensgefährtin – und natürlich pink-, rosa- und lindgrün gefärbte Malerhosen aus dem Fachgeschäft für Berufsbekleidung. Dazu Roots, diese seltsamen Schuhe mit vertieften Fersen, die damals schwer en vogue waren, weil sie angeblich eine gesündere Körperhaltung erzeugten. Aus der Distanz von heute betrachtet: durchaus skurril das Ganze.

Seide statt Schlamm

Bis zu meinem 16. Lebensjahr hat mich Mode nicht interessiert. Je älter die Klamotten waren, desto besser fand ich sie. T-Shirts mit längst verblassten Donald-Duck-Motiven, pinkfarbene Kordhosen oder ausgelatschte Adidas-Schuhe: Wenn wieder ein Wäschekorb mit gebrauchten Sachen aus dem Freundeskreis vor der Tür stand, hüpfte mein Herz höher. Stutzig wurde ich irgendwann, als meine Mitschüler mich fragten, welch seltsame Schuhe ich trage. Es waren blaue Lederschuhe mit türkisfarbenen und gelben Kreisen – ich fand sie toll. Aber da war ich wohl die Einzige. Heute würde ich die Sachen vielleicht auch als Geschmacksverirrung bezeichnen. Damals waren mir Klamotten einfach egal. Umso schlimmer war es dann, mich in jenes blaue Seidenkleid werfen zu müssen, das eine Bekannte meiner Mutter eigens für die Hochzeit meines Onkels geschneidert hatte. Klar, ein tolles Kleid. Aber man musste so aufpassen, nichts zu verkleckern, auf Bäumen konnte man damit nicht klettern und auch nicht durch Schlamm hüpfen. Bei uns wurde ökonomisch gedacht und so trug ich das Kleid auch an meinem ersten Schultag im Spätsommer 1990. Und siehe da, ich war underdressed. Die Schulkameradinnen hatten mehr Pomp und mehr Spitze – ich trug alte Birkenstocksandalen zum Kleid. Einige Jahre später, in der Oberstufe, war mir Mode dann nicht mehr so egal. Ich fand Gefallen an kleinen Läden und besonderen Sachen. Heute lege ich schon wert auf schöne Klamotten – mein Lieblingsstück ist eine blaue, sehr weiche Lederjacke, die hoffentlich noch ewig hält.

Back in black

Stilsicher war ich schon immer. Der Fotobeweis ist eindeutig: Gelber Pulli zur lila Hose – in den schrillen 80ern war das überhaupt kein Problem. Dass auch Beinkleid und Fahrrad optisch harmonierten, untermauert den Eindruck. Zugegeben: Größeren Einfluss hatte ich auf die Auswahl dieser Farbkombinationen damals nicht, immerhin stammt das Bild ja noch aus dem letzten Jahrtausend. Und zu Grundschulzeiten zog man eben an, was gerade im Kleiderschrank lag. Ende der 1990er änderte sich das dann schlagartig. Das dunkle Blau der E-Gitarre war Farbe genug, bei der Bekleidung durfte es ruhig noch etwas reduzierter sein: Denn die zur Gitarre passenden Bandshirts aus dem Punk- und Metalbereich, die waren eben meistens tiefschwarz. Bis heute füllen besagte Bandshirts einen Großteil meines Kleiderschranks. Das Praktische daran: Selbst wenn der Aufdruck mal etwas martialischer daherkommen sollte, sind sie auch heutzutage jederzeit im Büro tragbar. Hemd oder Pulli drüber – und gut ist. Wobei: Auf die Shirts aus den lässigen 90ern trifft das dann doch nicht mehr zu. Denn damals verhielten sich die Kleidergrößen eher unproportional zur Körpergröße (und -fülle). Größe XL bei 1,80 Metern und 63 Kilo? Auch das war anscheinend kein Problem. Kann man sich heute auch nicht mehr vorstellen. Ob die Kids im nächsten Jahrzehnt statt den engen "Skinny Jeans" wieder schlabbrige "Baggy Pants" und T-Shirts tragen? So unpraktisch wär’s gar nicht mal. Dann haue ich die alten, weiten Bandshirts einfach bei Ebay raus. Die scheinen gerade ja auch im Trend zu sein. Shirts mit "Ramones"- oder "Slayer"-Aufdruck wurden sogar schon in Regalen der Textilkette H & M gesichtet. Das wiederum, das hätte es in den 1990ern nicht gegeben…

Adieu Krawatt’

Sein ganzes Arbeitsleben lang hat mein Vater Anzug, weißes Hemd und Krawatte getragen. Dass sein Sohn "oben ohne" zur mündlichen Reifeprüfung ging und damit einen Eklat und die Absage der Abifeier durch den Direktor provozierte, hat den Bauernsohn, der zum kaufmännischen Angestellten beim "Konsum" aufgestiegen war, erbost. Er hatte sich darauf gefreut, zu erleben, wie sein Ältester beim Festakt in der Aula das Reifezeugnis in Empfang nimmt. Ein Zeugnis, für das er selber gern zur "höheren" Schule gegangen wäre, aber wegen des Krieges nicht konnte. Sorry Papa. Ein Reifezeugnis verleiht ja nicht automatisch reife Gelassenheit. Im Jahr eins nach 1968 schon gar nicht. Wenn schon keine Ketten, dann mussten kleine Rebellen wenigstens den Strick am Hals abwerfen. Und wenigstens diese Revolution hat sich – von Reservaten wie den Banken abgesehen – weitgehend durchgesetzt. Den Knoten, den der Vater mir beigebracht hat, kann ich heute noch blind. Und wenn es unbedingt sein muss, binde ich auch einen der vier Bändel, die im Schrank hängen um den Kragen. Aber Gott sei Dank muss es immer seltener sein.

Orange ist Trumpf

Als die Idee zu dieser Seite geboren wurde, schwebte mir sofort ein Bild aus Studentenzeiten vor, das mich bei einer Geburtstagsfeier mit Ecuador-Hosen und Stroh-Sombrero zeigt. Allein: Das Bild scheint in den Tiefen des Fotofundus’ verschollen. Zu der Zeit gab es auch ein anderes Kleidungsstück in meinem Schrank, das sich aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen lange in der Garderobe hielt. Es war ein orangefarbenes Sweatshirt, das ziemlich nah an die Warnwesten von Straßen- oder Müllarbeitern herankam. Vielleicht wollte ich mich damals ja unbewusst mit der Arbeiterklasse solidarisieren? Geschmacklich war der Pulli jedenfalls eine ziemliche Verirrung. Und dazu die Frisur! Mein braver Mittelscheitel hielt sich bis zum Vordiplom. Dann irgendwann erlöste mich endlich eine Kommilitonin. Ich bin ihr heute noch dankbar dafür, dass sie die Schere schwang und den Spießerschnitt durcheinanderbrachte.

Sünden gibt’s nicht

Da soll ich was schreiben zu einer Modesünde, die ich irgendwann einmal in meinem Leben begangen habe, so lautet der Auftrag. Mode? Sünde? Mit diesen Begriffen kann ich nicht viel anfangen. Am Beispiel Mode will ich das mal kurz erläutern. Ich habe nicht die leiseste Ahnung was gerade in ist, also in Mode. Das wissen Frauen viel besser als ich. Sie haben auch einen viel besseren Geschmack als ich. Weil das so ist, ist Mode auch eher etwas für das weibliche Geschlecht. Das erkenne ich neidlos an. Deshalb steckt mir die Schwiegermutter bei Gelegenheiten, bei denen man üblicherweise Geschenke macht, gerne einmal ein neues Sweatshirt zu. Und was soll ich sagen? Mir gefällt’s. Wenn die Jeans ausfranst und erste Löcher bekommt, versorgt mich die Gattin mit einer neuen Hose. Sie gefällt mir. Wenn eine neue Jacke fällig wird, sondiert die Gattin im Modeladen das Angebot und versorgt mich mit einem heißen Tipp. Und siehe da, die Jacke gefällt mir. Weil das alles in gegenseitigem Einvernehmen so wunderbar reibungslos läuft, werde ich einen Teufel tun, von begangenen Modesünden zu berichten. Da könnte ich allenfalls meine neuen Hosenträger anführen, die habe ich mir selbst ausgesucht.

Ball pompös

Für eine Abendveranstaltung hatte sich meine Mutter ein Kleid aus schwarzem Seidenstoff mit rot glänzendem Blumenmuster gekauft. Oben waren leichte Korsettstäbchen eingearbeitet, unten fiel der Stoff über einen ausgestellten Unterrock aus schwarzem Tüll, an der Hüfte war eine große schwarze Schleife. Dazu ein schwarzes, kurzes Jäckchen – natürlich mit Schulterpolstern. Damals bestimmt todschick und auch sehr modisch. Rund zehn Jahre später, als ich das Kleid unter einer Schutzhülle im Kleiderschrank entdeckte, wirkte es auf mich wie ein Relikt aus langvergangener Zeit. Ich war 15 und mir war vieles peinlich. Klamotten meiner Mutter hätte ich niemals angezogen. Aber Mamas Lieblingsballkleid gab eben ein super Fastnachtskostüm her. Mit einer blonden Lockenperücke machte ich darin eine super Marilyn Monroe. Nur das Jäckchen mit den Schulterpolstern, das war mir selbst für den Zweck noch zu peinlich. Und auch die Korsettstäbchen flogen nach der ersten Fastnachtsfeier raus. Wie soll man sich in den Dingern denn auch bewegen? Von meiner Mutter kam kein Protest. Sie hat hat mich gerne darin gesehen. Der Anlass war zweitrangig. Und wer weiß, vielleicht kommt die Zeit der großen Schleifen, Tüllunterröcken und Schulterpolster ja wieder. Das Ballkleid liegt bereit.
von dü
am Sa, 01. April 2017


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