Eine Königin feiert Geburtstag

Vor 25 Jahren erhielt die Pfarrkirche St. Gallus in Kirchzarten eine neue Orgel der Firma Metzler / Jubiläumsfeier am Sonntag.

KIRCHZARTEN. In der katholischen Pfarrgemeinde Kirchzartens gibt es am Sonntag Anlass zu feiern. Dass die 1991 eingeweihte Metzler-Orgel in St. Gallus ein klangschönes, hochwertiges Instrument ist, steht außer Zweifel. Der Speyrer Domorganist Markus Eichenlaub hätte sie anlässlich eines Konzertbesuchs am liebsten mitgenommen.

Ihre Entstehung verdankt die Orgel dem misslungenen Umbau ih res Vorgängerinstruments. 1805 hatte der aus Staufen stammende Xaver Bernauer eine zwölf Register umfassende Barockorgel für St. Gallus erbaut. Von ihr sind das heutige Gehäuse und einige wenige Pfeifen erhalten. Der Freiburger Orgelbauer Willi Dold erweiterte die Bernauer-Orgel 1938 auf 25 Register.

Relativ schnell stellten sich technische Probleme in der Spielanlage und Unzufriedenheit mit dem uneinheitlichen Klangbild ein. Chorleiter Felix Kössler veranlasste daher Gutachten bei den Orgelsachverständigen Hans Musch und Bernd Sulzmann. Nachdem beide zum Neubau rieten, begann ab 1977 der Kirchenchor durch seine großen Konzerte einen finanziellen Grundstock aufzubauen. Die Einrichtung eines Orgelförderkreises und eine Schenkung ermöglichten es, dass 1989 die neue Orgel für den Betrag von 600 000 D-Mark bei der Firma Orgelbau Metzler in Dietikon bei Zürich bestellt werden konnte.

Die Orgelbauer konzipierten 28 klingende Stimmen auf zwei Manualen und einem Pedal. Das Hauptwerk fand seinen Platz im restaurierten Bernauer-Gehäuse. Die Stimmenzusammensetzung dieses Teilwerks lieferte eine Rekonstruktion der Bernauer-Orgel. Sie wurde erweitert um die Streicherstimme Salicional 8’ (1877 von Orgelbau Merklin hinzugefügt) sowie die Zungenregister Trompete 8’ und Vox humana 8’.

Da die Ansprüche an abwechslungsreiches und farbiges Orgelspiel stetig gewachsen waren, konnte es nicht bei einem einzigen Manual mit Pedal bleiben. Ein zweites Manualwerk, Positiv genannt, wurde mit dem Pedal in einem Hintergehäuse zusammengefasst, so dass sich die Pedalwindladen an den Seitenwänden befinden und das Manualwerk hochgestellt über dem Hauptcorpus in den Kirchenraum spricht.

Der Charakter des Positivs wurde von Metzler in Richtung der französischen/elsässischen Orgel des 18. Jahrhunderts getrimmt, zumal Bernauer durch seine Werkstattgeschichte von dieser Bauweise geprägt war. Die wenigen von Bernauer erhaltenen Pfeifen bilden die Mittellage der Stimme Gedackt 8’. Ansonsten stammt alles klingende Material und die gesamte technische Anlage von Metzler.

Ein ganz besonderes Register besitzt die Orgel mit dem Subbass 16’. Ein Zedernbaum auf dem Grundstück der Schweizer Firma warf zu viel Schatten, weshalb er gefällt und sein Holz für dieses Register verwendet wurde. Wer bei geöffnetem Orgelgehäuse in die Nähe der Pfeifen kommt, kann vor allem im Sommer ihren feinen Duft wahrnehmen wie einen Hauch aus dem Orient.

Blickt man nach 25 Jahren Orgelbaugeschichte auf die Orgel in St. Gallus, welches Resümee lässt sich von fachlicher Seite ziehen? Kein anderer Bereich des Instrumentenbaus ist so von modischen Veränderungen und Ideologien geprägt wie der Orgelbau. Von der Mitte bis fast zum Ende des 20. Jahrhunderts diente der Orgelbau des Barockzeitalters als Maßstab für Neubauten, die Romantik war verpönt. Diese Perspektive hat auch die Metzler-Orgel in St. Gallus inspiriert. So lässt sich auf ihr Musik von der Renaissance bis zur frühen Romantik gut darstellen, ein Ausschnitt der Musikgeschichte zwischen 1500 und 1850.

Danach wird es komplizierter: Die Klangfarben der Orgel sind auf die Zeichnung von melodischen Linien (barock) und nicht auf die Verschmelzung der Klangfarben (romantisch) hin intoniert. Außerdem fehlt dem Instrument das für romantische Musik notwendige Schwellwerk, mit dem sich stufenlose Übergänge in der Lautstärke erzeugen lassen. Speziell historisch ist die Stimmung der Orgel, nämlich "ungleichschwebend". Das bedeutet, dass Tonarten mit vielen Vorzeichen aufgrund ihrer Schwingungsbeziehungen "verstimmt" tönen, solche mit wenigen Vorzeichen aber umso charakteristischer und reiner. Damit scheidet ein Teil der Orgelliteratur von vornherein aus, und auch beim Improvisieren sollte man sich vor harmonischen Kühnheiten hüten. Nebenbei bemerkt: Der Improvisator Johann Sebastian Bach, das Urgestein barocker Orgelmusik, lehnte die ungleichschwebende Stimmung wegen ihrer Begrenzung vehement ab.

Es bleibt letzten Endes eine Geschmacksfrage, ob die Besonderheiten der Orgel in St. Gallus als Einschränkung oder als begrüßenswerte Entscheidung zugunsten einer bestimmten Stilistik zu werten sind. Die Orgel bietet jedenfalls eine Fülle von Farbmöglichkeiten, die Organisten zum Einsatz locken und die Kirchengemeinde anregen, im Gemeindegesang selbst in den Orgelklang einzustimmen.
von Christian Wehrle
am Sa, 05. März 2016

Orgeljubiläum

Zur Feier des 25-jährigen Orgeljubiläums gibt es am Sonntag, 6. März, jede Menge Musik in St. Gallus. Um 10.30 Uhr begleitet Christian Wehrle den Gottesdienst mit festlichen Klängen. Von 11.30 Uhr an demonstrieren die Kirchzartener Organistinnen und Organisten in einer Matinee verschiedene stilistische Facetten des Instruments. Für die Technikinteressierten gibt es anschließend eine Orgelführung. Um 17 Uhr findet ein Konzert mit Christian Wehrle (Orgel) und Michaela Wehrle (Sopran) statt. Auf dem Programm stehen Werke von Buxtehude, Bach, Mozart, Landmann und Improvisationen. Der Eintritt zu den Veranstaltungen ist jeweils frei.  

Autor: chwe

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