Eine Orgel als Spiegel der Geschichte

BZ-SERIE: Das Jakobusmünster und sein Instrument sind eng mit dem früheren Selbstverständnis Neustadts verbunden.

TITISEE-NEUSTADT. Wenn eine Orgel im Hochschwarzwald den Beinamen "Königin der Instrumente" verdient, dann ist dies die Jann-Orgel im Neustädter Münster, die 1995 eingeweiht wurde. Die Orgel umfasst drei Manuale, 52 Register und 3 600 Pfeifen. Sie zeichnet sich durch einen Reichtum an Klangfarben und eine Klanggewalt aus, die atemberaubend sein können. Und schließlich hat die Regensburger Orgelbaufirma eine überlegene Lösung gefunden, Teile der alten Neustädter Schwarz-Orgel in das neue Instrument zu integrieren.

Die Geschichte der Neustädter Orgel ist eng mit der Stadtgeschichte verbunden. Am Ende des 19. Jahrhunderts nahm die Gemeinde eine bemerkenswerte wirtschaftliche Entwicklung. Betriebe zur Papierherstellung und eine Schraubenfabrikation siedelten sich an, auch die Holzindustrie boomte. Dieser Aufschwung wurde durch die neue Eisenbahnlinie durch das Höllental über Neustadt weiter begünstigt. Das Angebot an Arbeitsplätzen sorgte für ein starkes Bevölkerungswachstum. Allein in den letzten fünf Jahren des 19. Jahrhunderts stieg die Einwohnerzahl um 20 Prozent an, so dass Neustadt im Jahr 1900 bereits mehr als 3000 Menschen zählte.

Auf diese Entwicklung musste die Kirche reagieren. Auf den ersten Blick ging es um ein Platzproblem: Die alte Pfarrkirche war zu klein, um die Menge der Gläubigen zu fassen. Daneben ging es aber auch um eine Stilfrage. Denn schließlich war durch die Entwicklung auch ein städtisches Selbstbewusstsein entstanden, das nach repräsentativem Ausdruck verlangte. Zeugnis für dieses Selbstverständnis legen heute noch die um die Jahrhundertwende entstandenen Bürgerhäuser ab, die teils nach der historisierenden Mode gebaut wurden, aber auch Elemente des Jugendstils aufnahmen.

Prestigeprojekt

Münster-Neubau

Der wichtigste Repräsentativbau wurde aber der Neubau des Münsters. Dabei wurde in Größe gedacht. Auch für das Freiburger Erzbischöfliche Bauamt wurde der Neubau zu einem Prestigeprojekt. Bei den beiden Grundrissvarianten mit 1220 und 1086 Sitzplätzen entschied man sich für die größere Lösung. Um einen im Stil der Neugotik versierten Architekten zu gewinnen, ließ man sich die Bauskizzen in einem Frankfurter Privatbüro erstellen.

Am 6. Dezember 1900 wurde der erste Gottesdienst im neuen Jakobusmünster, dem neuen Neustädter Wahrzeichen, gefeiert. Bei der Einweihung 1907 fehlten aber immer noch eine Orgel und der Hochaltar. 1910 konnte dann aber auch ein Instrument der Überlinger Orgelwerkstätte Wilhelm Schwarz eingeweiht werden. 30 Register umfasste die Orgel, war für den neuen Kirchenraum, der zu einem der größten im Erzbistum zählte, nicht besonders groß angelegt. Besonderes Augenmerk hatte man aber auf das äußere Erscheinungsbild, also den Orgelprospekt gelegt. Da war man ganz auf der Höhe der Zeit und griff auf den sogenannten "Stylus mixtus" oder "Stylus phantasticus" zurück, der Elemente der Neogotik und des Jugendstils verband. Die Zierornamente gestalteten der Freiburger Bildhauer Josef Dettlinger und der Maler Josef Schilling im Stile der Flamboyantgotik, der Freiprospekt im Mittelteil war eindeutig dem Jugendstil verpflichtet. Beliebt war dieser Stil um die Jahrhundertwende beim Bau von Orgeln in Repräsentativräumen wie dem Musensaal des Mannheimer Rosengartens und der Stadthalle Heidelberg. Die Neustädter machten deutlich: Das Münster und dessen Orgel sind der Ausdruck unseres Selbstbewusstseins.

Auch wenn die Schwarz-Orgel in die Jahre kam, scheint etwas von dem alten Bewusstsein lebendig geblieben zu sein. Sonst wäre nicht zu erklären, dass in den 90 Jahren ein neues Instrument einer Orgelbaufirma von Weltruf für Neustadt entstand. Die Firma Jann baute unter anderem Instrumente für den Dom zu Porto und den Münchner Dom. Beim Bau des Neustädter Instruments setzte sich Georg Jann, Vater des heutigen Firmeninhabers, mit dem alten Instrument auseinander. Das ist schon rein optisch erkennbar: Das Gehäuse wurde bewahrt. Dabei kehrte man zur ursprünglichen Farbgestaltung zurück, die unter anderem durch ein zartes Hellblau gekennzeichnet ist.

Die Neustädter Orgel wird von fünf Skulpturen "gekrönt", vier musizierenden Engeln und an der Spitze einer Madonna mit Kind. 22 Register der alten Orgel wurden renoviert und in das neue Instrument integriert. Ursprünglich sollte das Positiv aber "ein ganz neues Werk im Stile unserer Zeit" werden, so plante Georg Jann. Doch dann entschied er sich dafür, "keinen neuen Stil in die Orgel einzuführen". "Die Orgel ist mit Sicherheit keine Jann-Orgel, sondern ich würde sie auch jetzt noch als Schwarz-Orgel bezeichnen", urteilte er über das fertige Instrument. Ein international so hochgeschätzter Orgelbauer kann sich ein solches Understatement leisten, so ganz trifft es die Sache aber nicht. Hans Musch, Orgelinspektor zur Zeit der Neustädter Orgelbaus, vermutete einen "ziemlich dicken grundtönigen Klang" bei der Schwarz-Orgel. In der Tat war der Klang vor allem durch viele Achtfüße und Koppeln bestimmt, zu den Normalkoppeln kamen auch Oberoktav- und Unteroktavkoppeln. Demgegenüber wies das Instrument nur zwei Zungenregister auf. Genau diese Einseitigkeit brach der Neubau auf, ohne an Kontur zu verlieren. Eindeutig ist die Kirchenmusik im Neustädter Münster durch die Klanggestalt einer spätromantischen deutschen Orgel bestimmt.

Das Wahrzeichen

des Wahrzeichens

Heute ist Clemens Staiger Hauptorganist im Jakobusmünster. Gebürtig aus St. Georgen, unterrichtet er als Lehrer für Musik und Religion am Kolleg in Sant Blasien. Als Kirchenmusiker betrachtet er es als "seine Hauptaufgabe, in den Gottesdiensten zu spielen". Auch dies ist ein Understatement. Staiger leitet zugleich den Münsterchor und das Münsterorchester. Außerdem hat er die Leitung des Sinfonischen Orchesters Hochschwarzwald übernommen. Schließlich ist auch die Jugendarbeit am Neustädter Münster vorbildlich. 54 Kinder und Jugendliche singen in der Jungen Kantorei. Zu den Besonderheiten der Neustädter Kirchenmusik zählt auch, dass sie immer noch durch die Tradition der Orchestermessen an Feiertag geprägt ist. Einem liturgischen Purismus entgegen bleiben so kirchenmusikalische Schätze lebendig.

Die Neustädter Orgel hat sich aber auch als Konzertinstrument etabliert. Für das "Jubiläumsjahr" 2015, in dem das 20-jährige Bestehen der Jann-Orgel gefeiert wird, steht ein ansprechendes Programm. Höhepunkt ist sicherlich das Konzert mit Wolfgang Zerer aus Hamburg am Sonntag, 19. April. Am Palmsonntag, 29. März, macht sich Clemens Staiger selbst an die "Vorstellung einer Königin – die Münsterorgel". Diese Titulatur hat die Jann-Orgel verdient, denn schließlich ist sie ein Wahrzeichen des Neustädter Wahrzeichens, des Jakobus-Münsters.
von Karla Scherer
am Sa, 10. Januar 2015

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