Eine Orgel gibt sich launenhaft

BZ-WEIHNACHTSSERIE: Claudia Walz ist Organistin in Horben.

HORBEN. "Musik und Glaube sind meine Welt", sagt Claudia Walz, Organistin an der Kirche St. Agatha in Horben. Zu dieser Erkenntnis war sie schon als Jugendliche gelangt; entsprechend geradlinig verfolgte sie das Ziel, ihre Maxime zum Leitmotiv ihres beruflichen Werdegangs zu machen. Dass ihr das gelungen ist, wird jedem ersichtlich, der sie an ihrem Wirkungsort erlebt – insbesondere beim Spielen der Horbener Orgel.

Geboren in Sinsheim bei Heidelberg, entschloss sich die heute 53-jährige Claudia Walz 1980 zum Studium der Sozialpädagogik in Freiburg. Zuvor hatte sie bereits die C-Ausbildung zur Kirchenmusikerin absolviert, sich insbesondere mit der Orgel als Hauptinstrument vertraut gemacht, und schon als junges Mädchen so manchen Gottesdienst in Sinsheim und Umgebung musikalisch mitgestaltet. Ebenso viel Freude machte ihr der Gesang – was lag da näher als die Schu lung ihrer Stimme? Noch heute ist sie ihrer Lehrerin Alrun Förtig dankbar für den ganzheitlichen Unterricht in der Stimmlage Lyrischer Sopran, der sich im Lauf der Jahre zum Mezzosopran entwickelt hat und heute bei so manchem Solovortrag im Rahmen von Konzerten, die sie mit ihren Chören gibt, die Zuhörer immer wieder entzückt.

In Horben fand sie die ideale Wirkungsstätte für ihre verschiedenen Talente. Denn seitdem sie im Jahr 2000 die Stelle als Leiterin des dortigen Kindergartens antrat, hat sie ihre Wahlheimat in vielerlei Hinsicht auch musikalisch bereichert: als Leiterin des Kirchenchors, Gründerin des Kinderchors sowie des Gospelchors, der seit 2009 besteht und schon bei vielen Gelegenheiten, auch bei gemeinsamen Konzerten mit Chören aus der Nachbarschaft, zu hören war. Dabei hat Claudia Walz nie ihre Grundidee aus den Augen verloren: Die Musik als Teil und wichtiges Element der Seelsorge einzusetzen.

Es ist noch nicht lange her, dass die Orgel, auf der Claudia Walz Gottesdienste, Messen und Kirchenkonzerte begleitet, 200 Jahre alt wurde. Das Jubiläum im Jahr 2012 wurde gebührend gefeiert.

Interessante Einblicke in Entstehung und Geschichte des Instruments und die zeitaufwendigen bürokratischen Hürden und Abläufe, bis es endlich auf der Empore der Kirche St. Agatha angekommen war, gewährt der Regionalhistoriker Anton Merkle aus Merzhausen mit seiner ausführlichen Chronik der Horbener Orgeln. Er bezieht sich dabei auf die im Erzbischöflichen Archiv erhaltenen Aufzeichnungen des Valentin Zimmermann, Pfarrer in Horben von 1809 bis 1821, der am 7. Februar 1812 an das Zweite Landamt Freiburg schrieb: "Joseph Steyert... will zum Besten der hiesigen Kirche eine neue Orgel per 620 Gulden machen lassen." Bevor diese edle Spende angenommen wurde, entspann sich ein umfangreicher Schriftwechsel mit und zwischen staatlichen Stellen, der die Realisierung erheblich verzögerte. Breiten Raum nahm außer der umständlichen Begründung dafür, dass die alte Orgel ersetzt werden müsse, die Sorge um die Finanzierung möglicher Folgekosten ein. Diese Sorge war nicht ganz unbegründet.

Auf den Erbauer der Horbener Orgel, Nikolaus Schuble aus Pfaffenweiler, und sein Werk wird in der Chronik auffallend wenig eingegangen. Immerhin hatte Pfarrer Zimmermann schon mit ihm Kontakt aufgenommen und einen ersten Entwurf erstellen lassen, bevor er sich an das Landamt Freiburg wandte mit "der gehorsamsten Bitte um die gnädige Bewilligung zu den zwei obgemeldeten Stiftungen des Bauern Joseph Steyert", denn der hatte auch noch für "dringend benötigte Schulbücher, Papier, Federn etc." Mittel in Aussicht gestellt. Einer Verordnung aus dem Jahr 1811 zufolge durfte allerdings "keine fromme Stiftung ohne vorherige eingeholte allerhöchste Erlaubniß" gemacht werden, die nichts Geringeres als ein Ministerium schließlich erließ mit dem Zusatz, "dass die Gemeinde Horben die Unterhaltungslast der Orgel auf sich nehme, insofern dazu der Zins des Erlöses (50 Gulden) aus der alten Orgel nicht hinreicht." Diesen Betrag zahlte Pfarrer Zimmermann dem Vergolder und Lackierer Sebastian Nüßlin aus Freiburg, der "um diese 50 Gulden der Orgel einen perlfarbigen Anstrich gab und die Verzierungen daran vergoldete". In dieser Farbgebung erstrahlt das Instrument heute wieder.

Von der ursprünglichen Substanz sind das Gehäuse sowie Registerrudimente und Mixturpfeifen aus der Pedalmixtur Endingen (Stieffell) erhalten. Lang ist die Liste der Reparaturen, die in diesen 200 Jahren notwendig wurden. Die erste erfolgte 1834 durch Josef Schaxel, weitere in den Jahren 1848, 1852, 1855 und 1876. Anton Kiene nahm 1899 den ersten großen Umbau vor. 1979 erhielt die Firma Fischer und Krämer aus Endingen den Auftrag, eine neue, zweimanualige Orgel für die Horbener Kirche zu bauen.

Das neue Werk wurde in den frühen 1980er Jahren ins vorhandene Gehäuse eingebaut, übernommen wurden einige Register der ursprünglichen Schuble-Orgel, so teilweise die Bourdon, vollständig die Gedecktflöte und der Octavbass. "Dem Horbener Instrument kommt daher eine gewisse denkmalhistorische Bedeutung zu", schreibt Merkle in seiner Chronik. Für Claudia Walz ist die Orgel ein "sensibles und charmantes, wenn auch manchmal launenhaftes Mädchen". Trotz sorgfältigen Stimmens und regelmäßiger Wartung erlebt sie immer wieder plötzliche Veränderungen im Klang durch äußere Einflüsse wie Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen. Dennoch: Ohne ihr Instrument kann sie sich ihr Leben nicht vorstellen. Das hört man auch.

Literaturtipp: Bernd Sulzmann: "Quellen und Urkunden über Leben und Wirken der Orgelmachersippe Bernauer-Schuble", in: Acta organologica 13.
von Anne Freyer
am Di, 09. Dezember 2014

DIE ORGEL IN HORBEN

- Baujahr:1812

- Firma: Nikolaus Schuble, Pfaffenweiler

- Renoviert: 1979

- Anzahl Register: 16

Weitere Serienteile gibt es unter http://mehr.bz/orgelserie
 

Autor: fry

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