Eine Orgel, in der Merdingen steckt

BZ-WEIHNACHTSSERIE: Wolfgang Brommer hat das Instrument in der St.-Remigius-Kirche gebaut – mit heimischem Holz.

MERDINGEN. Wolfgang Brommer wird in die Ortschronik eingehen. Zwar wohnt der Merdinger schon einige Jahre nicht mehr in seinem Heimatort, aber er wird dort vermutlich noch sehr lange im Gedächtnis bleiben: 2007 hat er gemeinsam mit seinem Kollegen Heinz Jäger von der Waldkircher Meisterwerkstatt Jäger & Brommer eine Orgel für die Merdinger Kirche gebaut. 200 Jahre soll dieses Instrument halten, hofft Brommer. Mindestens.

DIE ORGEL
Für den 54-Jährigen war es etwas Besonderes, eine Orgel für seine Heimatgemeinde bauen zu dürfen – und gleichzeitig eine große Herausforderung: Weil die Kirche St. Remigius über zwei übereinanderliegende Emporen verfügt, war es nicht leicht, das Instrument unterzubringen. Gelöst haben die Orgelbauer diese Aufgabe, indem "wir jeden Millimeter Raum ausgenutzt haben", wie Wolfgang Brommer erklärt. Den Spieltisch haben die Orgelbauer quasi mitten im Instrument platziert. Das heißt: Der Organist sitzt in einer Art Cockpit – umgeben von Pfeifen vor und hinter ihm. Weil er dadurch nichts vom Altarraum sehen kann, befindet sich rechts neben dem Notenpult auf Augenhöhe ein kleines Display, mit dem der Musiker das Wirken des Pfarrers am Altar im Auge behalten kann. Anfangs sei die Cockpit-Lösung auf Skepsis gestoßen, doch inzwischen hat sich Brommer zufolge gezeigt, dass sie sich bewährt hat. "Die Kunst des Orgelbaus ist es, ein Instrument zu schaffen, das optimal in die Kirche passt, die (akustischen) Eigenheiten des Raums berücksichtigt, das angenehm als Begleitinstrument sowie zur Führung der Gemeinde eingesetzt werden und besondere Klänge formen kann", erläutert Brommer. Die Merdinger sängen kräftig und gut – und das ist ihm zufolge ein Zeichen, dass sie sich wohlfühlen.

Besonders an der Merdinger Orgel ist nicht nur, dass sie von einem Einheimischen mitgeplant und mitgebaut wurde, sondern auch, dass sämtliches Holz, das für das Instrument gebraucht wurde, aus dem Merdinger Kirchwald stammt. "Wir haben in Merdingen eine Orgel mit barocken Ansätzen komponiert, aber keine Barockkopie angefertigt", informiert Brommer. Auch romantische Elemente spielten eine Rolle. Barock-untypisch ist etwa das Schwellwerk, das es dem Organisten ermöglicht, die Lautstärke zu regulieren. Ein besonderer Hingucker des Instruments ist der "Traubenschlecker", ein kleines Engelchen, das auf dem mittleren Hauptgehäuse thront und Trauben nascht. Auch die in das hölzerne Notenpult über dem Spieltisch geschnitzten Trauben erinnern daran, dass sich die Orgel in einer Winzergemeinde befindet.
Das Instrument verfügt über drei Manuale und Pedal, 30 Register und eine Setzeranlage, die dem Musiker ermöglicht, verschiedene Registerkombinationen zu speichern. Die Orgeldisposition ist in ihren Klangfarben an badisch-elsässische Vorbilder angelehnt.

Rund 400 000 Euro hat die Orgel gekostet, die in 7500 Arbeitsstunden geschaffen wurde. "Im Vorfeld gibt es oft Diskussionen um den Preis einer Orgel, aber hinterher, wenn die Gemeinde in den Genuss des Klangs kommt, ist das kein Thema mehr", sagt Brommer. Die Merdinger Orgel sei kein Luxus, habe keine Schnörkel, "aber sie ist eines der bedeutenden Instrumente der Region geworden", sagt Brommer stolz.

DIE VORGESCHICHTE
Die Architektur der Kirche mit den zwei Emporen hat offenbar schon früheren Orgelbauern Probleme bereitet. "1778 lässt sich erstmals eine Orgel in der Merdinger Kirche nachweisen", weiß Brommer. Belegt ist, dass es 1802 eine neue Orgel gab, die dessen Erbauer allerdings nicht fertig stellen konnte, weil er vorher starb. Bis 1890 wurde die Gemeinde auf diesem Instrument begleitet. Weil es Ende des 19. Jahrhunderts Platzprobleme in der Kirche gab, sollte die Orgel von der unteren Empore in die Chornische vorne im Altarraum umziehen. Weil das aber aus technischen Gründen nicht möglich war, baute Wilhelm Schwarz 1890 eine neue Orgel. Doch der neue Standort erwies sich als problematisch. Ende der 1920er Jahre wurden Pläne entworfen, die vorsahen, die Orgel wieder auf der Empore unterzubringen. Doch die Kosten waren zu hoch, die Planungen wurden verworfen. 1957 wurde schließlich der Spieltisch der Orgel in die nördliche Chornische versetzt. Aber auch das war keine optimale Lösung. Die gab es erst 2007, als endlich die neue Jäger & Brommer-Orgel gebaut wurde.

DER ORGELBAUER
Wolfgang Brommer ist nicht nur Instrumentenbauer, sondern auch Kirchenmusiker: Seit 34 Jahren spielt er regelmäßig Gottesdienste in Opfingen und Waltershofen und leitet dort auch den Kirchenchor. In Merdingen auf "seiner" Orgel spielt er aushilfsweise. Schon Brommers Mutter war Organistin, sein Vater Chorleiter, dadurch kam er schon früh mit Kirchenmusik in Berührung. Kirche war für ihn schon als Jugendlicher wesentlich mehr als eine Pflichtveranstaltung. "In der Kirche hat man sich getroffen, das Gemeinschaftsgefühl war groß."

Der Orgelunterricht, den Wolfgang Brommer als Jugendlicher bekam, machte ihn neugierig auf die Funktionsweise des Instruments. So kam er zum Orgelbau. Heute leitet er gemeinsam mit Heinz Jäger das Unternehmen "Waldkircher Orgelbau". 15 weitere Mitarbeiter gehören zum Team, das Orgeln für Kirchen auf der ganzen Welt – verstärkt auch in Asien – baut.

Der Vorteil eines Orgelbauers – etwas Bleibendes, Beständiges zu schaffen – sieht Brommer gleichzeitig auch als Nachteil, denn: "Überall, wo wir eine Orgel gebaut haben, werden wir keinen Auftrag mehr für ein neues Instrument bekommen. Bei guter Pflege können Orgeln Jahrhunderte überdauern."

Info: Ein Konzert mit Orgel & Trompete wird in der St.-Remigius-Kirche am Dienstag, 6. Januar, zu hören sein. Es spielen von 17 Uhr Prof. Carsten Klomp und Rudolf Mahni. Der Eintritt ist frei.
von Kathrin Blum
am Mi, 24. Dezember 2014

DIE ORGEL

- Baujahr: 2007

- Firma: Meisterwerkstatt Jäger & Brommer, Waldkirch

- 30 Register

- 2308 Pfeifen

Weitere Serienteile und Erklärstücke rund um das Thema Orgel gibt es unter http://mehr.bz/orgelserie Weitere Informationen zur Orgel in Merdingen gibt es, verlinkt in einer Galerie, auf http://www.waldkircher-orgelbau.de
 

Autor: kbl

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