Eine Orgel mit langer Geschichte

BZ-WEIHNACHTSSERIE:225 Jahre alt ist das Instrument in der Gundelfinger Kirche, dem einst Pfeifen gestohlen wurden.

GUNDELFINGEN. Während 1789 in Paris mit dem Sturm auf die Bastille ein neues Zeitalter eingeläutet wurde, ging es im kleinen badischen Gundelfingen friedlich zu: Die neue Orgel für die gerade gut zwei Jahrzehnte alte Kirche wurde eingeweiht. Für 800 Gulden – 300 aus Spenden, 500 aus der Gemeindekasse – hatte sie der Schreiner und Orgelbauer Philipp Jacob Schaefer aus Oetlingen angefertigt. Das Instrument zählt mit seinen 225 Jahren zu den ältesten seiner Art in der Region.

"Die Geschichte der Orgel verlief recht abenteuerlich", sagt Brigitte Liebeneiner, die deren Historie in einer Schrift des Heimat- und Geschichtsvereins nachgezeichnet hat. So wurde sie im dritten Jahrzehnt ihres Bestehens zum Corpus Delicti: "In der Nacht auf den 29. Mai", berichtete der damalige Pfarrer Johann Jakob Greiner, "wurde gewaltsam in die Kirche eingebrochen und daraus gestohlen die 17 größten Orgelpfeifen". 14 Tage später wurden die entwendeten Stücke wiedergefunden – in einem Nachbarort. Pikanterweise im dortigen Kirchturm, "drei Stegen hoch". Als sie wieder eingesetzt wurden, stiftete man der Orgel einen Trompetenbass. Gut 600 Seelen zählte das Dörflein Gundelfingen damals.

Freiwillig hergegeben wurden die Prospektpfeifen (die tiefen Stimmen) im "vaterländischen Krieg" gegen Frankreich 1870/71. Als sie 1886 ersetzt wurden, überholte man auch die Mechanik. Dennoch ließ der Zustand der Orgel immer wieder zu wünschen übrig, seit der Jahrhundertwende fielen die seit 1865 vorgeschriebenen Inspektionsberichte des "Orgel-Kommissärs" zunehmend dürftiger aus. Mit Einsetzen des Ersten Weltkriegs entfielen die Prüfungen für längere Zeit, bis man sich 1928 entschloss, in den folgenden zehn Jahren 12 000 Reichsmark für eine neue Orgel anzusparen, denn "das Pfeifenmaterial, die alten Schleifladen und das Gebläse sind sehr abgenützt", konstatierte ein Fachmann. Für die "Übergangszeit" setzte der Freiburger Orgelbaumeister Merklin die Orgel für 500 Reichsmark instand.

Bis in jene Jahre musste die Luft zum Spielen des Instrumentes durch Treten des Blasebalges manuell gezogen werden. Gute Gelegenheit für Konfirmanden (die damit öfters beauftragt waren), ihren auch als Organisten wirkenden Lehrern Streiche zu spielen: "Merkwürdige Verzögerungen der Luftzufuhr" hätten das Choralspielen, "erschwert oder unmöglich gemacht", heißt es in der Chronik.

1954/55 wurde die Orgel gründlich gereinigt, musste aber in den Folgejahren immer wieder repariert werden, so dass erneut ein Abriss drohte. Weil aber kein Geld für eine neue da war, improvisierte man weiter – bis dieses Werk 1968 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Daher wurde sie für eine Generalsanierung abgebaut und an die Orgelbaufirma "VEB (H. Eule)" nach Bautzen geschickt – dort wurde preiswerter als in vergleichbaren "westdeutschen" Betrieben gearbeitet.

Bei dieser Gelegenheit erhielt sie ein zweites Manual und einige neue Pfeifen. Von 1886 bis 1968 hatte sie – wegen der beengten Verhältnisse um 66 Zentimeter gekürzt – auf der Empore ausharren müssen. Als sie wieder aufgestellt wurde, kehrte sie an ihren ursprünglichen Platz im Chorraum zurück. Dabei entdeckte man, dass sie ursprünglich hell marmoriert war. Ein Restaurator gab dem Instrument seine originale Färbung zurück.

Pfarrer Alfred Steidle inszenierte Anfang 1949 mehrmals den "Totentanz", zu der ganze Busladungen an Zuschauern in die evangelische Kirche kamen. Die Orgel dazu spielte Steidles Tochter Christel; da sie wegen des Bühnenaufbaus keine Sichtverbindung zum Regisseur hatte, übermittelte man ihr ihre Einsätze über ein rotes Lämpchen, für das eigens eine Leitung verlegt worden war.

Noch als Schülerin übernahm Christel Steidle (spätere Schillinger) 1947 das Orgelspiel, mit dem sie bis 2012 für die evangelische Gemeinde im Einsatz war. Seit 1967 war sie für alle Gottesdienste und Kasualien allein zuständig.

"Ich habe das immer gerne gemacht", sagt die heute 86-Jährige, das Aufhören sei ihr schwer gefallen. Bis heute nimmt sie die Einteilung der Organisten vor.

Als Pfarrer Helmut Becker die Orgel kürzlich beim Sonntags-Gottesdienst anlässlich ihres 225-Jahr-Jubiläums besonders erwähnte, verdeutlichte er einen ihrer Einsatzzwecke: "Ein Orgelvorspiel dient dazu, zur Ruhe zu kommen und sich auf das Gespräch mit Gott zu orientieren." Wie intensiv diese Orientierung sein kann, bewies sodann Organist Johannes Bräuer mit dem "Präludium in D-Dur" von Johann Sebastian Bach, mit dem er alle Register erklingen ließ. Den Gottesdienstbesuchern machte er zugleich seine eigene Überzeugung erfahrbar: "Diese Orgel klingt einfach wunderbar!"



von Herbert Geisler
am Sa, 20. Dezember 2014

DIE ORGEL

»Baujahr: 1789 (Kosten: 800 Gulden)
»Erbauer: Philipp Jacob Schaefer, Oetlingen

»Sanierung: 1969/74
»Anzahl Register: 14
»Anzahl Pfeifen: 1242
» Besonderheit: Seit 1968 unter Denkmalschutz. Neben dem Turm der Kirche zählt sie zu den ältesten Zeitzeugnissen Gundelfingens.

Weitere Serienteile gibt es unter http://mehr.bz/orgelserie
 

Autor: heg

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