Eine Orgel unter Denkmalschutz

BZ-WEIHNACHTSSERIE: Die barocke Orgel von 1803 mit seitlichem Spieltisch in Vörstettens evangelischer Kirche ist einmalig.

VÖRSTETTEN. Die evangelische Vörstetter Kirche mit der barocken Orgel ist noch recht jung, wenn man bedenkt, dass das Fachwerkdorf Vörstetten schon mehr als 1000 Jahre alt ist. Die Kirche wurde als Nachfolgebau eines baufälligen Gotteshauses aus dem 13. Jahrhundert im Jahre 1803 nach Plänen des bekannten Karlsruher Architekten Friedrich Weinbrenner (1766-1826) gebaut. Sie war eine seiner ersten evangelischen Kirchen im badischen Land.

Über die Geschichte der "evangelischen Kirche in Vörstetten" wurde in den 70er Jahren ein Kirchenführer veröffentlicht, den Ingeborg Bolz aus Vörstetten hauptsächlich verfasst hatte. Darin enthalten ist die Entstehungsgeschichte von Kirche und Orgel.

Die barocke Orgel wurde zur gleichen Zeit wie die Kirche gebaut und hatte von Anfang an ihren Platz über Altar und Kanzel an der Brüstung der Empore. Dies ist einmalig im evangelischen Kirchenbau .

Der Erbauer der Orgel war Matthias Martin aus Waldkirch. Er erhielt am 1. April 1802 vom Kirchengemeinderat den Auftrag für die neue Kirche eine Orgel zu erstellen . Überliefert ist, dass die Vörstetter es schon damals sehr eilig hatten mit dem Bestellen der Orgel, denn zum Zeitpunkt des Vertrages mit Orgelbaumeister Martin wurde erst mit dem Abriss der alten, baufälligen Kirche begonnen. Dafür hatte man bereits schon über zehn Jahre Spenden gesammelt und das Geld in einer gesonderten Kasse aufbewahrt.

Jedoch erhielt der Eifer einen Dämpfer: Vom Oberamt in Emmendingen kam im September 1802 das Schreiben, "das die Anschaffung einer neuen Orgel für die Vörstetter Kirche noch so lange verschoben werde, bis die neue Kirche ganz gebaut und wenigstens ein Jahr gebraucht seye, indem durch die Ausdünstungen des frischen Gemäuers die zinnernen Pfeifen vom Salpeter angefressen würden". Dieser Anordnung wurde auch entsprochen, denn bei der Kircheneinweihung am 18. Dezember 1803 war die Orgel noch nicht aufgestellt.

Im Januar 1803 forderte ein Schreiben der Kirchenbehörden aus Karlsruhe, den Kirchengemeinderat auf zu berichten, "ob und aus welchen Gründen man versichert sein könne, dass der Orgelbauer Martin die Geschicklichkeit habe, ihriges Werk gut und dauerhaft herzustellen". Darauf antwortete der damalige Pfarrer Diez: "Auch haben wir uns von denselben versichert", derselbe sei kein Neuling, sondern habe in 13 Jahren bereits neun Orgeln verfertigt. Ein halbes Jahr später stand sie jedoch an ihrem Platz.

Die Vörstetter Orgel ist eine der wenigen, die einigermaßen authentisch erhalten geblieben ist. Die Trakturen des Manuals, des Pedals und der Register sind rein mechanisch, die Windladen sind Schleifladen mit Wellenrahmen, die Pfeifen sind aus Zinn und Holz.

Die Bleifüße der Pfeifen wurden – wie das Emmendinger Amt befürchtet hatte, – wegen der Feuchtigkeit in der neuen Kirche vom Bleizucker befallen. Das spätbarocke Gehäuse zeigt einen hohen Mittelturm und zwei kleinere Seitentürme. Dazwischen sind zwei verbindende Flachfelder, die mit den geschwungenen Obergesimsen wie Harfen aussehen. Die Schnitzereien fertigte der Holzbildhauer Caspar Feuerstein an, den Martin in Schuttern kennengelernt und nach Waldkirch geholt hatte.

Die Pfeifen wurden von Bleizucker befallen

Im Laufe des vorigen Jahrhunderts wurden Reparaturen und Umbauten vorgenommen. So sind vier Register ausgewechselt und das Pedal um eine Oktave erweitert worden. Im Ersten Weltkrieg mussten die Zinnpfeifen der Vorderansicht abgeliefert werden und wurden durch Zinkpfeifen ersetzt. Viele Jahrzehnte geschah nur das Nötigste, damit das Instrument spielbar blieb. In einem Gutachten von 1970 heißt es, dass die unter Denkmalschutz stehende Orgel in schlechtem Zustand sei. Den Auftrag zum Restaurieren bekam die Firma Vleugels aus Hardheim im Odenwald, die weitgehend den Originalzustand wieder hergestellt hatte. Am 4. März 1973 wurde dies gefeiert.

2003 fand abermals eine Renovation der Orgel statt. Dabei wurde eine historisierende Balganlage mit drei Keilbälgern hinzugefügt. Diese erlaubt es die Orgel mittels Kalkanten so zu spielen, wie sie Orgelbauer Martin gebaut hatte, also ohne Strom .

Zudem wurde ein rekonstruierter Spielschrank seitlich an der Orgel angebaut. Die Generalüberholung wurde von den Orgelbaumeistern aus Waldkirch, Jäger & Brommer, vorgenommen. Ein ganzes Jahr mussten die Vörstetter Bürger ohne die Martinorgel auskommen, bis sie am 1. Advent 2003 zum 200-jährigen Bestehen wieder in Betrieb genommen werden konnte. Wie Pfarrerin Elke Schott erzählt, soll im Frühjahr 2015, unter Federführung der Orgelbaufirma Jäger & Brommer in Waldkirch der 250.Geburtstag von Matthias Martin in der Region gedacht werden.
von Pia Grättinger
am Sa, 06. Dezember 2014

VÖRSTETTER MARTINORGEL

- Baujahr: 1803
- Herkunft: Matthias Martin aus Waldkirch
-  Register : 16
- Anzahl der Pfeifen: 891
-  Restauriert: 2003 von Jäger&Brommer aus Waldkirch

Mehr zum Thema gibt es unter http://mehr.bz/orgelserie
 

Autor: piz

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