Eisenbach schwimmt gegen den Strom der Zeit

BZ-SERIE: Die Orgel der Gemeinde fällt als eines der neuesten Instrumente der Region ins Auge / Vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten für den Organisten.

EISENBACH. Beim Blick auf die heimische Orgellandschaft fällt die Eisenbacher Orgel als eines der neuesten Instrumente ins Auge. Das Instrument der Orgelbaufirma Claudius Winterhalter aus Oberharmersbach wurde am 23. Oktober 2011 eingeweiht.

Ist dies nicht eine zur kirchlichen Entwicklung gegenläufig e Bewegung, möchte man fragen. Lohnt sich ein neues Instrument für eine Pfarrei, die gerade einmal 830 Katholiken zählt? Eine gewisse Gegenläufigkeit scheint aber in der Kirche in Eisenbach Tradition zu haben.

Einen ersten Anlauf, eine eigene Kirche zu errichten, unternahmen die Eisenbacher im Jahre 1908. Dann kam aber der Erste Weltkrieg dazwischen. Umso mehr wundert es, dass die Grundsteinlegung zur heutigen Kirche "Sankt Benedikt" unter der Naziherrschaft im Jahre 1933 erfolgen konnte. Zwei Jahre später wurde der Sakralbau konsekriert. Geld für eine Orgel war nicht vorhanden.

Die erste Orgel stammt

aus dem Jahr 1948

Die Freiburger Firma Welte bot zwar für 7100 Reichsmark ein Instrument an, doch war es unmöglich, diese Summe aufzutreiben. Immerhin gelang es 1938, ein Harmonium anzuschaffen. Und was recht unglaublich klingt: 1948, drei Jahre nach Kriegsende, baute die Überlinger Firma Schwarz ein neues Instrument für Eisenbach. Die Orgelbaufirma "Schwarz" war damals eine gesetzte Größe in der Hochschwarzwälder Orgellandschaft.

Doch fällt das Anschaffungsdatum in Eisenbach natürlich aus dem Rahmen: Es zeugt von einem gewaltigen Willen, im Dorf kulturelles Leben zu ermöglichen. Wesentliche Antriebskraft war Vikar Ludwig Huber, der von Friedenweiler aus Eisenbach seelsorgerlich betreute. Größte Gönner waren der Fabrikant Josef Willmann und der Metzgermeister Theodor Kramer. Dennoch war die besondere Situation der Nachkriegsjahre spürbar. Die Orgelpfeifen wurden in Villingen gegossen. Laut Überlieferung mussten zwei Eisenbacher dabei helfen. Die Materialmenge war so gering, dass sie angeblich sogar mit Konservendosen aufgestockt werden musste. Und ein Teil der Bezahlung erfolgt sogar in Naturalien: mit Fleisch und Wurst des heimischen Metzgers Kramer.

Natürlich fiel die Schwarz-Orgel deshalb nicht in der gleichen Qualität aus wie im benachbarten Friedenweiler, das bereits im 19. Jahrhundert ein Instrument der Überlinger Firma erstanden hatte. Ein wesentliches Problem der Schwarz-Orgel fasste der Eisenbacher Organist Dieter Sigwart einmal sogar in alemannischen Versen zusammen: "D‘Orgel hät under jedere Pfiefe e glei Bälgli us Leder, un vo denne, wo ebbis verschdänn, seit der jeder, noch schpätstens drießig Johr sind die hie. Un iseri Orgel isch disjohr 56 gsi." Anders formuliert: Eine Membranladenorgel ist besonders verschleißanfällig. Dies galt auch für die Eisenbacher Ledermembranen, die als Tonventile fungierten. Dass die Orgel überhaupt so lange spielbar blieb, ist verwunderlich. Orgelinspektor Hans Musch führte dies in der Tat auf die gute "staub- und rußfreie" Eisenbacher Luft zurück.

Im Blick auf die neue Orgel war denn aber auch klar, dass eine Schleifladenorgel angeschafft werden solle. Aber natürlich entsprach auch der Klang der Orgel nicht mehr den Ansprüchen. Musch empfand den Klang als zu weich und sanft, sein Nachfolger, Johannes Götz, als zu matt und stumpf, wobei Götz auch das "dröhnende und brüllende volle Werk der Orgel" bemängelte.

Im Sommer 2006 befasste sich der Eisenbacher Pfarrgemeinderat erstmals mit dem Thema einer neuen Orgel. Auch hier lässt sich wieder ein besonderer Zeitpunkt feststellen, denn schließlich war schon abzusehen, dass Pfarrgemeinden auf Dauer zu größeren Einheiten zusammengefasst werden. Aber offenbar waren Wille und auch Geschick wieder groß. Von Anfang an holte der Pfarrgemeinderat die Öffentlichkeit mit ins Boot. Wesentliche Stütze wurde aber der Orgelbauverein, der alle maßgeblichen Entscheidungsträger zusammenführte, die beiden Pfarrer Josef Tänzler und Winfried Keller, die Pfarrgemeinderäte, Orgelinspektor Johannes Götz, Chorleiter Dietmar Hirt, der zugleich zuständiger Sachbearbeiter im Orgelbaureferat des Ordinariates war, und Organist Dieter Sigwart. Den Vorsitz übernahm Michaela Jung. Der Förderverein entwickelt eine vorbildliche Arbeit. So wurden die alten Orgelpfeifen als "ungewöhnliche Weihnachtsgeschenke" angeboten. Für die neuen Pfeifen konnte man je nach Geldbeutel eine Patenschaft übernehmen. "Bis heute verzichten aber viele Eisenbacher bei einem runden Geburtstag oder einer goldenen Hochzeit auf Geschenke und bitten um Spenden für die Orgel", beschreibt Jung die Spendenfreudigkeit ihrer Mitbürger. Allein 2007 gingen rund 100 000 Euro an Spenden ein. Am Ende dieses Jahres liegt der Spendenstand bei rund 250 000 Euro bei Gesamtkosten von 311 000 Euro, so dass das Erzbistum gerade einmal 31 000 Euro zuschießen musste. Der überschaubare Restbetrag muss noch finanziert werden.

Am 23. Oktober 2011 konnte Domkapitular Klaus Stadel die neue Orgel der Firma Winterhalter einweihen. Schon ein erster Blick auf die neue Orgel verdeutlicht, dass hinter dem Instrument ein wohldurchdachtes Gesamtkonzept steht. Claus Winterhalter machte sich Gedanken, wie die Orgel in den Raum zu integrieren sei: "Der kleinteiligen Innenarchitektur an der Kirchenrückwand mit ihren Rechteckelementen durfte nicht noch eine, wie auch immer geartete Kastenform zugemutet werden." Deshalb setzte der Orgelbauer der Strenge des Raumes Bewegung entgegen. Der Orgelprospekt zeigt eine Amplitude. "Dieses Schwingungsbild hängt vor einer schalloffenen Blendwand, deren wellenartige Linienführung auf das Strömen des Orgelklangs hindeutet."

Natürlich ist kein großes Instrument in Eisenbach entstanden. "Doch die versierten Orgelbauer aus Oberharmersbach sind nicht um ausgebuffte Kniffe verlegen: Mittels Wechselschleifen, Vorabzügen, einer zusätzlichen Subkoppel II/I sowie differenzierten Mensuren der Register lässt sich aus dem quantitativ bescheidenen Fundus allerhand Unerhörtes zaubern." So beschreibt Musikwissenschaftler Markus Zimmermann die Eisenbacher Orgel und die vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten, die das Instrument dem Organisten bietet.

Wesentliche Stütze wurde

der Orgelbauverein

Seit 58 Jahren ist Dieter Sigwart Organist in Eisenbach. Er ist ebenso in Bubenbach und in Oberbränd als Organist fest angestellt. Daneben spielt er aber auch die Orgel in Friedenweiler, Rötenbach und Schollach, außerdem begleitet er die Kirchenchöre von Bubenbach und Eisenbach. Als Sigwart 17 Jahre alt war, wurde der Ortspfarrer auf sein musikalisches Talent aufmerksam und schickte den jungen Mann zu einem dreimonatigen Orgelkurs nach Offenburg. Anschließend erhielt Sigwart weiteren Unterricht in Neustadt.

Seit seinem beruflichen Ruhestand hat der Organist sein musikalisches Engagement noch einmal verstärkt. "Eigentlich ist das jetzt ein Fulltime-Job", lacht er. In der Tat ist er jeden Tag in Sankt Benedikt anzutreffen, sei es um Gottesdienste zu begleiten, sei es, um zu üben. "Ich bin ein absoluter Bach-Liebhaber", sagt Sigwart von sich selbst. Ein weiteres Kennzeichen prägt den Organisten: Er räumt auch gerne den Orgelbock, um für einen Konzertorganisten Platz zu machen. Erst im Oktober kam Paolo Oreni für ein Konzert nach Eisenbach. Das darf einen bei einem Dorf, das sich sogar einen Dorfschreiber leistet, nicht wundern. Das antizyklische Verhalten hat sich bezahlt gemacht.

Spendenkonto: Sparkasse Hochschwarzwald: IBAN: DE38 6805 1004 0004 4296 27 BIC: SOLADES1HSW

Volksbank Freiburg: IBAN: DE30 6809 0000 0019 0822 02 BIC: GENODE61FR1, Kontoinhaber: Kath. Kirchengemeinde St. Benedikt, Verwendungszweck: Orgel
von Karla Scherer
am Mi, 17. Dezember 2014

DIE ORGEL

in der Kirche St. Benedikt in Eisenbach wurde 2011 eingeweiht. Das Instrument der Orgelbaufirma Claudius Winterhalter aus Oberharmersbach besitzt 16 Register und 1040 Pfeifen.  

Autor: ks

Badens beste Erlebnisse