Kino-Interview

Emily Mortimer über „Der Buchladen der Florence Green“, Lesen und Schüchternheit

TICKET-INTERVIEW mit Emily Mortimer über "Der Buchladen der Florence Green", Lesen und Schüchternheit.

Zumeist spielt Emily Mortimer (46) zurückhaltende Frauen, die sich durchzusetzen wissen. Filme wie "Harry Brown" und "Hugo Cabret" brachten ihr einigen Starruhm. Aber sie ist bescheiden geblieben und wirkt auch im Interview äußerst sanft und galant. Markus Tschiedert hat mit gesprochen.

Ticket: Sie spielen in Ihrem neuen Film "Der Buchladen der Florence Green" eine leidenschaftliche Buchliebhaberin. Was lesen Sie am liebsten oder haben Sie sogar ein Lieblingsbuch?
Mortimer: Mein Vater, Sir John Mortimer, war nicht nur Anwalt, sondern auch Schriftsteller. Sein Vorbild war Charles Dickens, insofern bin ich mit dessen Romanen quasi aufgewachsen. "Große Erwartungen" liebe ich dabei sehr, weil es eine sehr komplexe Geschichte mit psychologischer Tiefe ist. Aus moralischer Sicht fordert sie den Leser heraus. Darauf stehe ich.
Ticket: Wie gefällt Ihnen die Vorstellung, selbst einen Buchladen zu eröffnen?
Mortimer: Das habe ich mir noch nie vorgestellt, wahrscheinlich weil ich bestimmt eine ganz schlechte Geschäftsfrau wäre (lacht). Aber Florence Green ist darin ja auch nicht gut, insofern fühle ich mich ihr in diesem Punkt sehr nah. Mein Mann, Alessandro Nivola, und ich haben jetzt eine Produktionsfirma für Independent-Filme gegründet. Ich bin gut darin, Leute zusammenzubringen und zu begeistern. Doch wenn es um Zahlen und Investmentanlagen geht, tue ich nur so, als würde ich verstehen, worum es geht. Aber ich finde diese Themen meist so langweilig, dass mein Kopf streikt.
Ticket: Als frisch gebackene Produzentin müssen Sie jetzt sicher viele Drehbücher lesen...
Mortimer: Das muss ich als Schauspielerin auch, und die meisten davon sind ziemlich schlecht. Wenn dann doch mal ein gutes Drehbuch dabei ist, kriegst du das sofort mit und bist sofort aus dem Häuschen. Auch "Der Buchladen der Florence Green" stach aus denn 99,9 Prozent der schlechten Skripts heraus.
Ticket: Im Film fragen Sie die Leute anfangs, ob sie lesen. Die meisten antworten, sie hätten zu wenig Zeit. Wie sieht es damit bei Ihnen aus?
Mortimer: Ja, das kenne ich auch von mir, besonders abends wenn ich im Bett liege und ein Buch lesen will. Nach drei Seiten bin ich eingeschlafen. Am nächsten Tag habe ich wieder vergessen, was ich gelesen habe und muss wieder sechs Seiten vorblättern um wieder reinzukommen (lacht). Dennoch haben Bücher schon immer eine große Rolle in meinem Leben gespielt. In meiner Kindheit war unser Haus voll mit Büchern und ich studierte englische und russische Literatur.
Ticket: Dennoch sind Sie Schauspielerin und nicht Schriftstellerin geworden...
Mortimer: Dennoch liebe ich Bücher, ohne sie gäbe es auch keine Filme. In "Der Buchladen der Florence Green" heißt es, dass das Leben meist mies ist. Aber solange man Geschichten hat, die einen entfliehen lassen, ist alles okay. Bücher entführen uns in andere Welten, gleichzeitig helfen sie uns, einen anderen Blick auf Realitäten zu werfen.
Ticket: Sie sollen sich bei diesem Film sehr gut mit Ihrer Regisseurin Isabel Coixet verstanden haben.
Mortimer: Das stimmt, denn sie ist genauso scheu wie ich, auch wenn man ihr das nicht anmerkt, weil sie sehr weltoffen und politisch ist. Es war für mich inspirierend, eine Frau zu erleben, die zu sich selbst steht und für ihre Sachen kämpft. Trotz ihrer Verletzlichkeit ist Isabel eine sehr leidenschaftliche Filmemacherin.
Ticket: Hilft die Schauspielerei, um die eigene Schüchternheit zumindest teils zu überwinden?
Mortimer: Ich habe das schon sehr früh an mir bemerkt. Womöglich hätte ich nie etwas in Angriff genommen, aber ich wollte mich meinen Ängsten stellen. Also habe ich mich immer wieder herausgefordert, mutig zu sein, und stellte mich schon, als ich klein war, auf die Bühne. Mein Herz bibberte, und man fragt sich, warum tust du dir das an. Aber wenn man es überstanden hat, fühlt man sich frei.

von tsc
am Fr, 11. Mai 2018

Info

Der Buchladen der Florence Green

Regie: Isabel Coixet
Mit Emily Mortimer, Patricia Clarkson, Bill Nighy, James Lance, Reg Wilson und anderen.
113 Min., ohne Altersbeschränkung
Die Story
Die verwitwete Florence Green (Emily Mortimer) zieht in eine verschlafene Stadt an der Ostküste Englands. Als sie einen Buchladen eröffnet und Erfolg hat, fürchtet die reiche Mrs. Gamart (Patricia Clarkson) um ihren Einfluss und spinnt eine böse Intrige.  

Autor: bz


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