Familien in Südbaden

Familien suchen verzweifelt nach Wohnungen

Früher war es eine Weinstube, heute lebt dort Tina S. mit ihrer Familie. Aus einer Übergangslösung wurde mittlerweile ein Dauerzustand. Doch nicht nur sie sucht im Markgräflerland verzweifelt nach einer Wohnung.

MARKGRÄFLERLAND. "Das war hier einmal eine Weinstube", sagt Vermieterin Gerda Feuser. Und es braucht nicht viel Fantasie, um sich das vorzustellen. Der große, nur schummrig beleuchtete Raum wird von einer Theke dominiert. Dunkle Holzmöbel, Kupferstiche an der Wand runden das Bild ab. Neben einer großen Eckbank steht wie ein Fremdkörper ein kleines Gästebett, mit bunter Bettwäsche bezogen. Hier schläft Leonie. Die Neunjährige fühlt sich in ihrem Zuhause auf Zeit nicht so recht wohl. "Es ist kalt und ich habe Angst vor den Spinnen", sagt die Drittklässlerin.

"Das sind untragbare Wohnverhältnisse", findet Klaus Schulte. Er ist Geschäftsführer der Familienheim Markgräflerland. Die Genossenschaft mit Sitz in Müllheim hat knapp 1300 Wohnungen in ihrem Bestand. 70 weitere sind derzeit geplant. Doch das alles reicht nicht. "Wir verwalten den Mangel", sagt Schulte nicht resigniert, eher kämpferisch. Sein Motto gegen den Wohnungsmangel in Südbaden? "Weniger jammern, mehr handeln. Und das kostet Geld." Er meint damit: Kommunen sollen bitte ihren Anteil leisten. Schließlich gehe es beim Wohnen um Daseinsvorsorge. Vor einem Jahr etwa ist Leonie mit ihrer Mutter Tina S. und ihrem 12-jährigen Bruder Julian nach Neuenburg am Rhein gezogen. "Ich wollte nahe bei meiner Mutter sein", sagt Tina S. Denn diese hat gesundheitliche Probleme, darf nicht mehr Auto fahren und ist auf Hilfe angewiesen. "Ich mache das gerne, sie war schließlich für uns fünf Kinder da", sagt die 39-Jährige in bayerischem Tonfall. Zuletzt hat die Familie in Nürnberg gewohnt.

Der Lebensgefährte Vassily lebt immer noch dort. Seit die Familie in Neuenburg lebt, sucht Tina S. nach einer Wohnung, die groß genug ist. Denn zur Familie gehört inzwischen auch der sechsmonatige Michalis. Er ist in Müllheim geboren. Sein Vater sieht ihn nur an Wochenenden. Alles habe sie probiert, um eine Wohnung zu finden, sagt Tina S. Fortlaufend sucht sie in Zeitungsanzeigen und im Internet. Auch bei der Markgräfler Familienheim wird sie vorstellig. Immer wieder und wieder. Ohne Erfolg. Längst hat sich ihr der Eindruck aufgedrängt, dass viele Vermieter keine Familie mit drei Kindern wollen, noch dazu, wenn die Mutter derzeit im Grunde alleinerziehend ist.

Klaus Schulte bestätigt diesen Eindruck. "Vermieter wollen lieber reiche Mieter, lieber solche, die nicht lärmen, wie Kinder es tun." Wichtig sei es bei der Wohnungssuche, aktiv zu bleiben, sich nicht entmutigen zu lassen. "Bei uns bei der Familienheim sollten sie sich alle zwei Wochen in Erinnerung rufen." Auch Tina S. hatte große Hoffnungen, bei Familienheim endlich die ersehnte Wohnung zu bekommen. Umso größer war ihre Enttäuschung, als die Mitarbeiterin beschied: "Im Moment haben wir für Sie nichts." Schmerzlich sind ihre Erinnerungen an diesen Tag: "Ich bin weinend zusammengebrochen", erzählt sie. "Und das auch noch vor den Kindern", fügt sie zögernd hinzu. Eine Caritas-Mitarbeiterin, die ihr hilft, stand ihr zur Seite und versuchte sie aufzubauen.

"Ausländer haben es schwerer"Klaus Schulte
Eigentlich ist Tina S. eine Kämpfernatur, die Frau mit der leuchtend roten Kurzhaarfrisur lässt sich so schnell nicht entmutigen. Dennoch fällt es ihr zuweilen schwer, nach Wohnungsangeboten zu schauen – zu groß ist die Furcht, doch nur wieder frustriert zu werden.

Zu ihrer Vermieterin Gerda Feuser hat sich ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt. Gerda Feuser vermietet in ihrem Haus in einem Neuenburger Wohngebiet Zimmer an Arbeitskräfte auf Montage. Wenn Tina S. früher ihre Mutter besucht hat, dann nahm sie sich dort ein Zimmer. Es sollte eine Übergangslösung werden. Doch es ist nicht mehr lange hin und diese Übergangslösung feiert ihren ersten Geburtstag. In zwei Zimmern hat sich die Familie notdürftig eingerichtet. Julian und seine Schwester Leonie hatten lange Zeit ein Zimmer zusammen, mussten sich sogar das Bett teilen. Das ging nach ein paar Monaten nicht mehr gut und die hochschwangere Tina S. war es irgendwann leid, hoch ins Erdgeschoss zu gehen, um die Streithähne ständig zu ermahnen. Seitdem schläft Leonie in der alten Gaststube und träumt von einer richtigen Wohnung für die ganze Familie – warm und ohne Spinnen.

Das Thema Wohnen beherrscht das Familienleben. Während seine Mutter erzählt, zeichnet Julian ein Hochhaus, fünf Stockwerke, unzählige Fenster: "Wenn das unser Haus wäre...", sagt er und grinst verschmitzt. Solche Träumereien sind weit weg von der Realität. Mutter Tina S. weiß, dass ihr Budget keine Paläste ermöglicht. 500 Euro kalt darf die Miete kosten, hat das Jobcenter in Aussicht gestellt. Apropos Jobcenter: Auch die Arbeitslosigkeit, das hat Mutter Tina S. beobachtet, kommt bei möglichen Vermietern nicht gut an. "Aber wie soll ich mit einem sechsmonatigen Baby arbeiten?", fragt sie mit leichter Verzweiflung in der Stimme.

Das Problem ist kein Einzelfall. Sieht so verzweifelte Wohnungssuche aus? Makler würden die Umgebung als "Top-Wohngegend" bewerben. Das noch neue Haus mit Klinkerfassade steht am Rand von Vögisheim, einem Ortsteil Müllheims. Die Wohnung selbst unter dem Dach ist großzügig geschnitten: 60 Quadratmeter, aber nur zwei Zimmer. Zu wenig für eine bald vierköpfige Familie. Hier wohnt Familie Elezi. Shqipe Elezi stammt aus dem Kosovo, seit zehn Jahren lebt die 26-Jährige in Deutschland: "Es liegt nicht an der Größe." Aber schon, als vor zweieinhalb Jahren Sohn Edon auf die Welt kam, wäre sie mit ihrem Mann Dugagjin gerne in eine Drei-Zimmer-Wohnung gezogen. Damals lebte das junge Paar in einer Ein-Zimmer-Wohnung in Badenweiler, die Zwischenlösung in Vögisheim ein paar Kilometer weiter hatte wenigstens einen Raum mehr. Nur: Eine Zwischenlösung blieb es nicht.

Im geräumigen Wohnzimmer läuft ein großer Flachbildschirm im Hintergrund, davor wuselt Edon herum, singt albanische Kinderlieder oder brabbelt etwas auf Deutsch, was er im Kindergarten aufgeschnappt hat. Sein Spielzeug liegt im Wohnzimmer ausgebreitet, sein Schlafplatz ist zwischen Mama und Papa im elterlichen Bett. Er hat kein Kinderzimmer, kein eigenes Bett. Die Wohnungssuche ist die Sache von Shqipe Elezi, ihr Mann lernt zwar fleißig Deutsch, fühlt sich in der Sprache seiner neuen Heimat aber noch nicht sicher. Die 26-Jährige durchforstet Kleinanzeigen, sucht im Internet, spricht mit Bekannten und Verwandten. Immer wieder füllt sie die geforderten Selbstauskünfte aus. Der finanzielle Rahmen müsste eigentlich ausreichen. 800 Euro warm dürfte die Wohnung kosten, auch Geld für die Kaution wäre vorhanden. Das beeindruckt die Vermieter nicht. Meist kommt nicht einmal eine Absage. Shqipe Elezi ist inzwischen Deutsche, aber ihr Akzent verrät, dass sie nicht hier geboren wurde. Wird das ihr und der Familie zum Verhängnis? Sie selbst hat inzwischen diesen Eindruck.

Auch Klaus Schulte von der Familienheim bestätigt: "Ausländer haben es schwerer." Anscheinend sogar dann, wenn sie eigentlich Deutsche sind. Schultes Genossenschaft hat sich deshalb bewusst auf die Fahne geschrieben, nicht zu diskriminieren: "Wir wollen Durchmischung in unseren Häusern. Das führt zu Toleranz auf allen Seiten."

Familie Elezi kann nur hoffen, dass auch andere Vermieter so denken. Im Dezember wird Edons kleine Schwester auf die Welt kommen. "Ich hoffe so sehr, dass wir bis dahin doch noch eine Wohnung finden", sagt Shqipe Elezi. Doch ihr Blick verrät Zweifel.
von Martin Pfefferle
am Do, 30. Oktober 2014 um 00:05 Uhr

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