Serie "Entspannung durch Bewegung"

Feldenkrais: Die Intelligenz des Körpers

Das Ziel der Feldenkrais-Methode ist klar definiert: Mehr Bewusstheit durch Bewegung oder: Lernen anders erfahren und Neues spielerisch entwickeln.

Wir alle haben uns Gewohnheiten zu eigen gemacht: Wie wir gehen, stehen, sprechen, fühlen, zuhören. Und stets sind diese Tätigkeiten mit Bewegungen verbunden. Solchen, wie wir sie als Kinder gelernt haben. Meist unbedacht und spielend. Manches ist uns damals gelungen, was am Vortag noch unerreichbar erschien.

Es schleifen sich aber auch Gewohnheiten ein, die für die Entwicklung nicht förderlich sind. Der Mensch gibt sich nicht selten mit einem Zustand zufrieden, der nur einen winzigen Bruchteil seiner Möglichkeiten ausmacht – er erreicht ja, was er erreichen will. Dies ist der Grund dafür, dass wir in den meisten Fällen zu viel Kraft benötigen, um irgendwelche Bewegungen auszuführen. Das kann aber dazu führen – und nicht nur in zunehmendem Alter –, dass wir verkrampfen, Schmerzen bekommen, wir uns in unseren Bewegungen eingeschränkt fühlen, uns schlicht nicht mehr wohlfühlen.

Der 1984 in Tel Aviv gestorbene Moshé Feldenkrais hat dieses Phänomen erkannt und es zu erkunden versucht. Der Physiker und Judolehrer jüdischen Glaubens entwickelte die nach ihm benannte Feldenkrais-Methode der körperlichen Betätigung mit dem Ziel: Mehr Bewusstheit durch Bewegung oder: Lernen anders erfahren und Neues spielerisch entwickeln.

Daniela Reichle-Ilg arbeitet mit ihren Klienten in Freiburg nach Feldenkrais’ Methode. "Lernen", sagt sie, "findet über die Intelligenz des Körpers statt." Geredet wird deshalb wenig in ihren Unterrichtsstunden. Daniela Reichle-Ilg beobachtet vielmehr. Wie man geht, wie man sitzt und liegt, vor allem aber auch, wie man atmet. Würde sie alles mit Worten erklären wollen, entstünden beim Klienten aber Bilder im Kopf. Und diese könnten die weitere Entwicklung womöglich blockieren. Das gesamte Nervensystem soll sich dynamisch erweitern können.

Eine Stunde vergeht wie im Flug – obwohl im Grunde nicht viel passiert. Der Klient, nicht Kunde oder Patient, liegt vielmehr bequem auf einer sogenannten Feldenkrais-Bank, die einem recht flachen Tisch nicht unähnlich ist. Unterm Kopf ein paar zusammengelegte Handtücher, die Kniebeuge wird mit Rollen unterschiedlichen Durchmessers angehoben. Arme und Hände liegen parallel zum Körper, gelegentlich werden sie auf denselben gelegt.

Daniela Reichle-Ilg sitzt abwechselnd hinter, vor und neben der Bank. Mit ihren Fingern – sie wählt in diesem Fall eine ganz feine Nuancierung – ertastet beziehungsweise drückt sie leicht gegen die Stirn, ebenso gegen Knöchel und Füße, sie ertastet Wirbelknochen und Muskelpartien im Kniebereich und an den Oberschenkeln.

"Wir spüren besser, wo eine Bewegung leicht, geschmeidig und angenehm ist, wo und wie wir uns behindern oder überfordern", sagt Daniela Reichle-Ilg. Ihr Ziel: Die Bewegungen sollen leichter werden, Grenzen sollen sich weiten, Verspannungen lösen, Schmerzen nachlassen oder ganz verschwinden. Und da der Mensch immer als Ganzes an diesem Prozess beteiligt ist, können sich im Idealfall alle Ebenen unseres Seins verändern: das Denken, Fühlen, Wahrnehmen und Handeln. In unterschiedlichster Weise kann sich dies dann auf den Alltag auswirken. Beispielsweise in einem deutlich verbesserten Wohlgefühl.

Angewandt wird die Feldenkrais-Methode in Einzelsitzungen oder auch als Gruppenarbeit. Beide Ansätze entsprechen und ergänzen sich. Stets geht es darum, das Körper- und Selbstbild positiv zu beeinflussen, die Motorik zu verfeinern und die Haltung zu verbessern – und das bis ins hohe Alter hinein.

Die aktuell in Freiburg und Neuried praktizierende Reichle-Ilg, die zunächst eine Ausbildung zur Physiotherapeutin gemacht hat und auch Unterricht an der Basler Jazzschule sowie im klassischen Bereich gegeben hat, beobachtet mit einem Schuss Argwohn die immer bequemer und komfortabler werden Möbel, insbesondere jene fürs Büro. Trotz vieler gegenteiliger Beteuerungen glaubt sie nicht, dass extrem technologische Möbel der guten Haltung dienen; "der menschliche Körper braucht Stabilität, um Flexibilität entwickeln zu können". Einfache Holzstühle könnten da bessere Dienste leisten, so Reichle-Ilg, da der Mensch dann die Beweglichkeit seines Körpers nutzen könnte. Sie weiß: "Ein Bewegungsdefizit zeitigt eine Folge im Körper." Welche? Das können viele, ganz unterschiedliche sein. Diese zu erkennen, ist dann auch eine ihrer Hauptaufgaben zu Beginn eines Kurses.

Über mangelnde Akzeptanz will sich Daniela Reichle-Ilg nicht beklagen. Gleichwohl ist es ein Manko für sie und ihre Feldenkrais-Kollegen, dass sie von den Kassen bislang nicht anerkannt worden sind. Dahingehende Bemühungen sind aber im Gange – können gleichwohl aber sehr langwierig sein. Zugute kommt den Feldenkrais-Lehrern, dass sich jemand wie der Göttinger Neurobiologe, Hirnforscher und Autor wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Literatur, Gerald Hüther, als Unterstützer der Lehre starkmacht.

"Ja", sagt Reichle-Ilg, "für manche Klienten sind wir so etwas wie eine letzte Hoffnung." Damit meint sie in erster Linie chronisch Kranke, die schon eine Odyssee durch Krankenhäuser, Praxen und Therapiezentren hinter sich haben. Hilfe kann sie nicht versprechen, "aber die Quote derer, die uns zufrieden verlässt, ist doch sehr hoch".

Was also ist dran an der Feldenkrais-Methode? Wem sich bei zu viel Esoterik die Nackenhaare sträuben, kann entspannen. Moshé Feldenkrais war einst Nukleartechniker bevor er sich mit Neurophysiologie und Neuropsychologie beschäftigte. Dazu betrieb er die asiatischen Kampfsportarten Jiu Jitsu und Judo – 1936 erlangte er als erster Europäer den schwarzen Gürtel (siehe unten).

Nach Räucherstäbchen klingt das nicht.

am Mi, 11. Januar 2012 um 00:00 Uhr

Badens beste Erlebnisse