Endingen

Frauen rufen zu Schweigemarsch gegen Unsachlichkeit im Bürgermeisterwahlkampf auf

Nach der Bürgermeisterwahl in Endingen gehen am Montagabend Frauen auf die Straße: Sie wollen mit einem Schweigemarsch ein Zeichen setzen für friedvolles, wertschätzendes Miteinander in der Stadt

"Wir fühlen uns durch die Art und Weise, wie der Endinger Bürgermeisterwahlkampf geführt wurde, tief betroffen", betont Monika Bohn. Eine Handvoll Frauen habe sich – unabhängig von politischen Überzeugungen oder Konfessionen – am Sonntagabend nach der Bekanntgabe des Wahlergebnisses auf dem Marktplatz dazu entschlossen, ein Zeichen gegen den Stil mancher Auseinandersetzungen im bisherigen Wahlkampf zu setzen. Ein ungewöhnlicher Vorgang.

Eine Stadt aus dem Gleichgewicht

"Das friedvolle und wertschätzende Miteinander, das unsere Stadt schon viele Jahre prägt, wurde durch mindestens einen Kandidaten aus dem Gleichgewicht gebracht", heißt es in einer auch via Facebook verbreiteten Mitteilung. Unsicherheit mache sich breit. Und weiter: "Wir appellieren an den gesunden Menschenverstand und demonstrieren für ein friedvolles wertschätzendes Miteinander in unserer Heimatstadt." Die Demonstration soll nach dem Willen der Initiatorinnen weitgehend still verlaufen. Man wolle "schweigend dem Gerede etwas entgegensetzen", so Monika Bohn.

Anonyme Mails gegen Felix Fischer

Wenige Tage vor der Wahl hatte vor allem ein vierseitiges Flugblatt von Bewerber Werner Semmler an die Bürger für Unmut in der Stadt gesorgt (siehe BZ vom Samstag).

Begonnen hatte alles schon Mitte Juli. Noch bevor Felix Fischer seine Bewerbung abgab, sah er sich bereits Vorwürfen in anonymen Mails einer angeblichen freien Journalistin ausgesetzt (die BZ berichtete). Wer dahinter steckte, blieb unklar. Die damalige Kritik, die Maschinenbaufirma, an der Fischer beteiligt ist, sei möglicherweise überschuldet, hielt nach BZ-Recherchen einer sachkundigen Prüfung der Bilanzen 2016 und 2017, die einen Verlust ausweisen, nicht stand. Auch Werner Semmler verwies wiederholt auf die Bilanzen – zuletzt vergangene Woche.

Gerüchte, Schmähungen und Verbindungen

Gerüchte und Schmähungen machen im Internet schnell die Runde. Andreas Schmidt wurden nach eigenem Bekunden Homosexualität oder Verbindungen zu irgendwelchen Freikirchen nachgesagt.

Fragen warfen aber auch Schmidts Verbindungen zu einer Internetzeitung auf, als deren Herausgeber ein Zeitungsverein agiert, dem Schmidt als Präsident vorsteht. Werner Semmler wiederum wird als Chefredakteur mehrerer Ausgaben dieser Zeitung genannt. Schmidt lässt seinen Vorsitz derzeit nach eigener Aussage ruhen und kritisierte, dass seine Verbindung zum Zeitungsverein und Semmler nur zum Thema gemacht werde, um ihm zu schaden.

Internetzeitung entdeckt Endingen

Doch das Internetportal widmete sich mehr und mehr dem Endinger Bürgermeisterwahlkampf und dem kommunalpolitischen Geschehen. Da wurde Schriftverkehr zwischen Schmidt und Vertretern der Endinger Bürgergemeinschaft (EBG) veröffentlicht und der EBG vorgeworfen, mit Fischer einen ihr gewogenen Kandidaten ins Amt hieven zu wollen. Und man zeichnete ein düsteres Bild von den kommunalen Finanzen.

"Ewige Strippenzieher"

Auch Werner Semmler beklagte in seinem Brief an die Wähler "üble Verleumdungen" und sah "ewige Strippenzieher" am Werk, die um ihren Einfluss fürchteten. Dem Handel und insbesondere der Stadtmarketing-Agentur Meyer & Koch unterstellte Semmler, Dienstleistungen und Geld von der Stadt zu beziehen, aber kaum Gewerbesteuer zu zahlen.

Bürgermeister weist Vorwürfe zurück

Derartige Vorwürfe weist Bürgermeister Hans-Joachim Schwarz klar zurück. Meyer & Koch seien Auftragnehmer der Stadt bei der Organisation großer Veranstaltungen. Events wie "Endingen zeigt Flagge" gebe es nicht zum Nulltarif und er bekomme für alle Arbeiten "brillante Aufstellungen". Auch die Kritik von Semmler und Schmidt an der Finanzlage lässt Schwarz nicht gelten. Rund 14 der genannten 18 Millionen Schulden entfielen auf die Eigenbetriebe Wasser und Abwasser, seien letztlich durch die Gebühren gedeckt und in anderen Städten oft in eigene Gesellschaften ausgegliedert. Im Kernhaushalt liegen die Schulden laut Schwarz bei 3,42 Millionen Euro oder 365 Euro pro Kopf: "Da muss sich niemand Sorgen machen." Der von Semmler als Referenz genannte Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Freiburg/Nördlicher Breisgau, Marcel Thimm, distanzierte sich auf BZ-Nachfrage klar von dem Schreiben (siehe BZ vom Samstag).

Immer mehr Bürgerinnen und Bürger hatten zuletzt die Nase voll von derlei Begleiterscheinungen des Wahlkampfs, der bei öffentlichen Veranstaltungen weitgehend sachlich verlief.

Marsch durch die Innenstadt

Der bei der Stadt Endingen angemeldete Schweigemarsch startet heute, Montag, um 19 Uhr am Torli und führt durch die Hauptstraße, Dielenmarktstraße und Stollbruckstraße zum Marktplatz. Unterwegs sind ein bis zwei Stationen mit Statements angedacht. Eine weitere Frauen-Demonstration soll am Mittwoch, ebenfalls um 19 Uhr, stattfinden.

von mw
am Mo, 12. November 2018 um 11:57 Uhr

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