Internationalen Frauentag

Frauen stecken in Südbaden im Job zurück

Mütter gehen seltener einem Beruf nach als Väter – so die Statistik. Was den Job anbelangt, stecken sie häufig zurück.Anlässlich des Internationalen Weltfrauentages fragen wir: Wie familienfreundlich sind Firmen in Südbaden?

Paul hat es sich auf dem Fußboden vor dem Stuhl seiner Mutter bequem gemacht. Ein Blick zu Mama, als wolle er fragen: Darf ich? Dann krabbelt der elf Monate alte Paul durch die Stuhlreihe, vorbei an Mamas Kollegen. Es ist Montagmorgen, 8.30 Uhr, Betriebsversammlung bei der Grenzach Produktions GmbH (GP) in Grenzach-Wyhlen. Über den kleinen Paul auf dem Fußboden wundert sich hier keiner. GP setzt auf Familienfreundlichkeit, bietet seinen Mitarbeitern individuelle Teilzeitmodelle, Kleinkindbetreuung und Kinderbetreuung in den Schulferien an.

GP ist eine Ausnahme: In ganz Baden-Württemberg sind im vergangenen Jahr nur 19 Firmen nach einem Auditierungsprozess mit dem Zertifikat "Beruf und Familie" der Hertie-Stiftung ausgezeichnet worden. 2008 waren es sogar nur 14 Firmen, ein Jahr zuvor nur sechs. Die Müllheimer Firma Hellma war die erste im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald, die eine betriebseigene Kinderkrippe eingerichtet hat. Auch Stryker in Freiburg und Hekatron in Sulzburg gehören zu den familienfreundlichen Betrieben im Land.

Keine flexiblen Arbeitszeiten möglich

Dass sie zu den Ausnahmen zählen, hat Gründe. Das zeigt ein Blick auf die Firma Neoperl in Müllheim. Bei dem Schweizer Unternehmen für Sanitärtechnik läuft die Produktion im Zweischichtbetrieb; die erste Schicht von sechs bis 13. 30 Uhr, die zweite von 13. 30 bis 21 Uhr. Da seien flexible Arbeitszeiten nicht möglich, sagt Personalleiter Leonhard Hein. Allerdings hat er einer Mitarbeiterin ermöglicht, immer die Frühschicht zu übernehmen, damit sie sich nachmittags um ihre Kinder kümmern kann. Das funktioniert allerdings nur, falls sich ein Mitarbeiter findet, der die andere Schicht übernimmt.

Beinahe unmöglich wäre bei Neoperl, dass einer der Entwicklungsingenieure Elternzeit in Anspruch nimmt – was bislang nicht vorkam. Denn wenn ein Ingenieur für beispielsweise acht Monate ausfällt, könne man für solch einen kurzen Zeitraum keinen neuen Ingenieur in das Spezialgebiet einarbeiten, sagt der Personalleiter. Im kaufmännischen Bereich oder in der Verwaltung sei es am ehesten möglich, individuelle Regelungen zu finden. Davon macht seit kurzem eine Mitarbeiterin Gebrauch, die ihrer Kinder wegen fünf Jahre nicht im Betrieb war. Jetzt ist sie wieder in ihren Job eingestiegen und arbeitet drei Tage in der Woche.

Frauen arbeiten im Durchschnitt 19,1 Stunden pro Woche

Nicht nur bei Neoperl sind es meist die Frauen, die zurückstecken. Eine Studie vom Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg von 2008 hat ergeben: Frauen in Deutschland arbeiten im Schnitt 19,1 Stunden in der Woche. Das ist gut eine Stunde weniger als noch sieben Jahre zuvor.

Michaela Morath indes tanzt hier aus der Reihe. Die Mutter von drei Kindern hat mit ihrem Mann die Rollen getauscht. Heute leitet die 36-Jährige Morath Systems, den Betrieb ihrer Eltern in Villingen-Schwenningen. Ihr Mann kümmert sich um die Kinder und arbeitet – dem Schnitt der arbeitenden Frauen entsprechend – 20 Stunden wöchentlich. Moraths Betrieb hat 20 Mitarbeiter. Zwar mag die Chefin ein gutes Beispiel für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sein, in kleinen Betrieben wie dem ihren ist es aber grundsätzlich schwieriger auf die Bedürfnisse der Familien einzugehen als für große Firmen. Jeder Mitarbeiter hat seinen Aufgabenbereich und ist nicht so leicht zu ersetzen, wie in Firmen, bei denen in Teams gearbeitet wird.

Teure Betreuung

Mit Krippenplätzen könnte man diesem Problem Abhilfe schaffen. Doch die sind teuer. Selbst große Firmen müssen sich zusammentun und Betreuungsplätze schaffen. So auch Sick und Faller in Waldkirch. Derzeit führen vier Villinger Firmen, darunter Morath Systems, Gespräche über die Schaffung von Krippenplätzen. Den Wunsch nach einem Krippenplatz oder flexiblen Arbeitszeiten sollten Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen dem Personalchef mitteilen, damit diese wissen, dass es ein Bedürfnis danach gibt.

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von Britta Kuck
am So, 07. März 2010 um 18:05 Uhr

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