"Für mich ist das kein Boom"

BZ-SERIE "SELBSTGEMACHT" (TEIL 6): Dagmar Bily, Chefredakteurin von Burda Style, über die Sehnsucht, wieder mit den Händen zu arbeiten /.

ie Gründerin ist stets präsent: Im Flur des Münchner Redaktionsgebäudes hängen Andy Warhols Porträts von Aenne Burda. Wenige Meter weiter steht eine Schiefertafel aus der Weberei in Offenburg – mit Originalzeichnungen. Warum folgen Generationen von Frauen den Schnittmustern made in Offenburg? Petra Kistler fragte Dagmar Bily, Chefredakteurin von Burda Style.

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BZ: Frau Bily, würde Aenne Burda heute bloggen und Tutorials für Youtube drehen?
Bily: Bestimmt. Sie war an allem Neuem und Kreativem interessiert. Und sie war eine visionäre Frau. Was sie geschaffen hat, was sie sich damals getraut hat – heute wäre das Internet sicher das richtige Medium für sie.

BZ: Schnittmuster galten eine Zeit lang als recht angestaubt. Heute ist Mode by myself wieder angesagt. Woran liegt’s?
Bily: Diese Frage stelle ich mir jeden Tag. Es hat sicher mit Entschleunigung zu tun. Nach einem durchgetakteten Arbeitstag am Computer suchen die Menschen Abwechslung. Die einen machen Sport, Yoga, die anderen nähen, stricken, basteln. Je schneller wir arbeiten, je mehr von uns gefordert wird, desto dringender brauchen wir einen Ausgleich. Auf der einen Seite stehen Hightech, moderne Technologien, die uns mit der ganzen Welt verbinden, auf der anderen Seite stehen Materialien wie Stoff, Wolle oder Holz, alte Handwerkstechniken und die Sehnsucht, die Dinge in die Hand zu nehmen. Das ist wie Yin und Yang und gehört zusammen.
BZ: Ist es nicht verrückt, dass Frauen, die schon Arbeit und Familie unter einen Hut bringen müssen, abends an der Nähmaschine sitzen, statt bequem auf dem Sofa zu liegen?
Bily: An der Nähmaschine zu sitzen ist viel entspannender. Sicher, die Hürde, die Nähmaschine aufzubauen, ist größer, als sich aufs Sofa zu legen. Aber sobald man an der Nähmaschine sitzt oder das Strickzeug in der Hand hat, merkt man, welche Zufriedenheit das mit sich bringt. Mich macht das glücklicher, als wenn ich mich vom Fernseher berieseln lasse. Das ist meine Zeit, die mir keiner stehlen kann. Zudem haben wir modernen Menschen die Sehnsucht, unabhängig zu sein. Wir wollen selbst anpacken können, Dinge verstehen, wissen, wie sie funktionieren. Die Sendung mit der Maus für Erwachsene – das ist für mich die Selbermach-Kultur.

BZ: Um erschwingliche Mode, wie zu den Anfangszeiten von Aenne Burda, geht es heute nicht mehr. Jeder gute Reißverschluss ist teurer als die Teile, die bei Billigketten am Ständer hängen.
Bily: Es geht nicht mehr ums Geld. Das billige T-Shirt ist Bekleidung von der Stange, das andere individuelle Mode, bei der ich meiner Kreativität freien Lauf lassen kann. Burda Style bietet mir die Schnitte dazu. Ich suche den Stoff aus und appliziere vielleicht noch große Blumen drauf. Wir dürfen aber nicht nur von Deutschland ausgehen. Burda Style wird auf der ganzen Welt verkauft. Und es gibt sicher Länder, in denen genäht wird, um Geld zu sparen. Ein Kostüm von Karl Lagerfeld könnten sich manche Leserinnen niemals leisten, mit unserem Schnitt haben sie ein Couturestück.

BZ: Wer liest Burda Style?
Bily: Frauen, die einen eigenen Stil haben, die nicht so aussehen wollen, wie alle anderen auf der Straße.

BZ: Der Leser ist eine Leserin?
Bily: Wir haben auch männliche Leser. Die beschweren sich immer wieder, dass zu wenige Männerschnitte im Heft sind. Aber ich denke an euch, liebe Männer! Ich werde hin und wieder einen tollen Blazer und ein tolles Hemd vorstellen. Die Mehrheit der Leser sind Frauen. Die Zielgruppe reicht von ganz jung, zwölf Jahren, bis zur reifen Frau Ende 70, Anfang 80. Es gibt junge Mütter, die etwas Niedliches für ihre Kinder nähen. Es gibt die Meisterklasse, die es von der Pike auf gelernt hat und die die Master Pieces, die ganz aufwendigen Teile, fertigen. Es gibt die junge Leserin, die gerade mit dem Nähen angefangen hat und die einfache Teile nähen möchte, damit sie flugs fertig wird und schnell den Glücksmoment des Selbermachens genießen kann.

BZ: Eine junge Kollegin von mir näht gerade ein Teil aus Ihrem Heft. Sie muss, dies soll ich Ihnen ausrichten, immer wieder bei Youtube nachschauen, weil sie die Anleitungen sonst nicht versteht.
Bily: Die Anleitungen sind teilweise natürlich sehr komplex – an die vielen Schritte und die Fachsprache muss man sich erst gewöhnen. Deshalb gibt es zusätzlich zu den Videos auf Youtube auch Step-by-Step-Anleitungen mit Bildern im Heft oder Sonderhefte wie Burda Easy mit einfacheren Schnitten und Anleitungen.

BZ: Sind Sie deshalb verstärkt im Internet unterwegs?
Bily: Die Anschaulichkeit ist ein Grund. Zudem ist es sehr wichtig, sich mit unserer Community auszutauschen. Weil wir alle dasselbe Hobby haben, macht es Spaß zu fragen: Wie hast du das Problem gelöst? Wie gefällt dir meine jüngste Kreation? Die User tauschen sich aus und inspirieren sich gegenseitig.

BZ: Wie groß ist die Konkurrenz durch all die Foren und Blogs im Internet?
Bily: Für mich sind das keine Konkurrenten, sondern Partner und Mitstreiter. Wer sich selbst beobachtet, merkt, dass man überall mal reinschaut und sich Inspirationen holt. Aber es gibt trotzdem eine Treue zu einer Marke, die man mag – das merken wir an unseren Leserinnen. Wir haben seit 65 Jahren einen Namen. Wir stehen für eine perfekte Passform. Das basiert auf Erfahrungen über Jahrzehnte. Das kann man nicht so einfach mal nebenbei lernen.

BZ: Wie lange wird der Selbstmach-Boom halten?
Bily: Das ist kein Boom, der von heute auf morgen vorbei sein wird. Wenn ich jetzt das Nähen gelernt habe, dann werde ich einen Teufel tun, mit meinem Hobby, das mir Spaß macht, in zwei Jahren wieder aufzuhören. Deshalb hoffe ich, dass diese Begeisterung mindestens die nächsten 20, 30 Jahre andauert. Meine Mutter hat nie aufgehört zu nähen. Das heißt nicht, dass ich als Teenager glücklich war, etwas Selbstgenähtes zu bekommen. Doch noch vor dem Modedesignstudium habe ich mit dem Nähen angefangen. Und ich habe nie damit aufgehört. Das ist mein Hobby.

BZ: Wie talentiert sind Sie?
Bily: Ich bin sicher nicht die perfekte Damenschneiderin. Ich habe an einer Industrienähmaschine gelernt, und bei mir muss es schnell gehen. Ich sehe das Gesamtbild, das Design, den Stoff und die Proportionen. Unsere Atelierleiterin würde beim Betrachten der Nähte wahrscheinlich manchmal die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Das gebe ich gerne zu.

BZ: In Großbritannien gibt es Cutting-Contests im Fernsehen. Gesucht wird der Meister an der Nadel. Können Sie sich so etwas auch für Deutschland vorstellen?
Bily: Wir hatten über Facebook zum Burda Style Talentwettbewerb aufgerufen. Nach einer Vorauswahl, einem Voting durch die Facebook-User, durften die drei Gewinner in München zu einem Live-Wettbewerb antreten und zeigen, dass sie wirklich nähen können. Zwei davon kamen übrigens aus Südbaden: Tim Schick aus Rheinfelden und Hannah Ortmann aus Freiburg. Einen solchen Contest kann ich mir im Fernsehen vorstellen. Dafür braucht man aber auch Mut. Nicht jeder kreative Mensch ist extrovertiert.

BZ: Burda Style ist mehr als ein Heft, es ist zugleich eine eigenständige Modemarke, ist auf der Internetseite zu lesen. Was bedeutet Modemarke?
Bily: Das heißt einerseits, dass wir multimedial agieren, also auch online und mithilfe von Videos – nicht nur gedruckt. Und es bedeutet, dass wir Schnitte herstellen. Wir machen ja nicht "nur" ein Heft, sondern wir stellen eine Kollektion her. Alles, was ich dazu brauche, gehört zu dieser Welt dazu – von der Nähmaschine bis zum Auftrenner. Wir entwerfen und nähen mehr als 600 Teile im Jahr. Eine solch große Kollektion machen nur wenige Firmen.

BZ: Diese gut 600 Teile werden in Offenburg genäht?
Bily: Im Atelier in Offenburg und in weiteren Ateliers rund um Offenburg. Zudem werden die Schnittmuster für die ganze Welt in Offenburg gefertigt.

BZ: Wie weit sind Sie der Mode voraus?
Bily: Ein halbes Jahr. Wir arbeiten jetzt am Maiheft 2016.

BZ: Verraten Sie uns, was im Frühjahr kommen wird?
Bily: Ein Trend werden Candy-Colours im Sixty-Style sein. Uns werden immer noch Hightech-Stoffe wie Mesh und Scuba, den man von Taucheranzügen kennt, begleiten. Es gibt Ethnoelemente in den Stoffen, die an Mosaike und Kacheldrucke erinnern, kleine Prints und Blumenmuster, die aufeinander abgestimmt sind, Transparenz und ganz zarten Farben.

BZ: Bleibt die Begeisterung fürs Häkeln erhalten?
Bily: Stricken wird das Häkeln ein wenig ablösen. Ein ganz wichtiger Trend wird das Weben sein. Wenn man sieht, wie Designer diese Technik umsetzen, staunt man, wie aus etwas vermeintlich Verstaubtem etwas ganz, ganz Neues entstehen kann. Ich habe bei den Trendschauen in Paris so schöne Sachen gesehen, dass ich überlege, ob ich mir einen Webrahmen bauen soll. Ich wünsche mir, dass Nähen, Stricken, Weben oder Färben auch in Schulen wieder Beachtung finden und auf moderne Art an die Schüler weitergegeben werden. Und wenn es nur an den Projekttagen ist. Diese Techniken öffnen den Horizont, sie vermitteln dreidimensionales Denken, sie lehren, mit Dingen umzugehen und die beiden Hände nicht nur für die Tastatur des Computers oder den Smartphone-Screen zu benutzen.

Morgen lesen Sie: Jetzt geht es um die Wurst – natürlich selbstgemacht!

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von Petra Kistler
am Fr, 18. September 2015

ZUR PERSON: Dagmar Bily

hat Modedesign in Stuttgart und Florenz studiert. Seit 2008 ist die 1965 geborene Schwäbin Chefredakteurin von Burda Style. Zuvor leitete sie das Moderessort der Zeitschrift Freundin. Das erste Heft von Burda Moden erschien im Januar 1950. Heute ist das Modemagazin in mehr als 100 Ländern erhältlich und erscheint in 17 Sprachen.  

Autor: bz

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