Gelungene Stücke zum Thema Extremismus in Freiburg

Gelungene Stücke des Freiburger Theaterwerkstatt und des Theater Radix zum Thema Extremismus.

Warum radikalisieren sich Jugendliche? Dieser Frage gehen zwei Theaterstücke nach, die in dieser Woche im Freiburger E-Werk Premiere hatten: "Djihad" des Belgiers Ismael Saidi, umgesetzt vom Theater Radix, und "Gas" von Tom Lonoye, realisiert von der Freiburger Theaterwerkstatt. Beide Stücke inszenierte Peter W. Hermanns.

Gas

Wer hätte sich das noch nicht gefragt, gerade erst, nach den Massenerschießungen in Las Vegas: Wie mögen die Angehörigen des Täters mit der Tatsache umgehen, dass ein zeitlebens vertrauter Bruder, ein geliebter Lebensgefährte ein Verbrechen solchen Ausmaßes begangen hat? Tom Lanoye hat einen Monolog geschrieben, der sich dieser leider immer wieder aktuellen Frage stellt: Eine Mutter berichtet von ihrem Sohn, der ein Selbstmordattentat mit Nervengift verübte. Es ist ein ungeheuer dichter Text, schonungslos und ehrlich. Und vor allem: kraftvoll.

Man kann sich nach der Premiere am Donnerstagabend keine bessere Schauspielerin für "Gas" vorstellen, als Sybille Denker. Unter der Regie von Peter W. Hermanns spielt sie eine Stunde lang diese Mutter, die Anfeindungen ausgesetzt ist, aber die sich vor allem mit den eigenen, den inneren Anfeindungen konfrontiert. Unter Schmerzen hat sie ihn geboren, diesen Sohn, der keinen Namen mehr hat. Er war klug, er sah gut aus, er hatte "eine romantische Ader", er las Gedichte. Die Pubertät war schwierig – wie sie in jeder Familie schwierig ist. Freilich ist er ihr entglitten, doch auch das gehört zum Aufwachsen dazu.

Das bemerkenswerte an diesem Text ist, dass er alle Töne anschlägt – und Sybille Denker sie in ihrer Küche beim Kartoffeln schälen und Kartoffelplätzchen braten alle hörbar und fühlbar macht: die weichen, die harten, die zynischen, die bitteren, die verzweifelten. Und dass sie zu einem Ergebnis kommt: Jeder ist für sein Leben verantwortlich; ihr Sohn hat seines weggegeben, sie wird das nicht tun. Großer Applaus für eine beeindruckende Vorstellung.

Djihad

Der Entschluss der drei jungen Leute steht fest: Sie gehen nach Syrien, in den "Heiligen Krieg". Als Moslems sei es ihre Pflicht, Ungläubige zu töten. Asifa (Katharina Rauenbusch) hält den Kontakt zu den IS-Kämpfern. Sie scheint der Kopf des Trios zu sein. Dem naiven Reda (Benedikt Bachert), der sich mit Computerspielen auf den Ernstfall vorbereitet hat, kann sie sogar erklären, wie er die Ungläubigen erkennt, die er töten wird: "Sie sind verschlagen, sie verschwinden in der Masse..." Ismael (Ives Pancera) hält sich für den Klügsten. Er will alles richtig machen – dabei ist er extrem angespannt und dünnhäutig.

Am Flughafen fliegen die Drei fast auf: Sie streiten unaufhörlich, und Reda hat Rasierklingen dabei. Doch dann kommen sie via Istanbul doch gut in Syrien an – auf der Reise erfahren Ismael und Reha, dass Asifa erst kürzlich zum Islam konvertierte. Davor war sie ein großer Fan der Sängerin Amy Winehouse – jetzt schämt sie sich dafür, denn "ihre Musik war ein Instrument der zionistischen Weltverschwörung". In ihrer persönlichen Sinnkrise ging Asifa in die Moschee – der Imam dort brachte sie auf "den richtigen Weg". Auch die beiden jungen Männer enthüllen nach und nach ihre traurigen Geschichten: Reha hatte sich in eine Christin verliebt – aber er durfte sie nicht heiraten. Weil er Suizidgedanken hatte, musste er in die Psychiatrie – von dort ging auch er in die Moschee, wo der Imam ihm sagte, was zu tun sei. Ismael schließlich durfte sein großes Talent, das Zeichnen, nicht ausleben. "Zeichner kommen in die Hölle", sagte sein Imam.

Alle drei, von Stückeschreiber Saidi bewusst holzschnittartig gezeichnet, aber von den jungen Freiburger Schauspielern exzellent gespielt, sind im religiösen Extremismus gelandet, weil sie zuvor in der Gesellschaft scheiterten. Ihre religiösen Führer haben ihnen eingebläut, ihresgleichen lebe ohnehin nur für das Jenseits. Was sie über den Islam wissen, wissen sie nicht durch eigene Studien – sondern von Hasspredigern, von Aufpeitschern.

Neben dieser Kritik an der eigenen Religion hat Saidi noch eine weitere Ebene eingebaut: Zwei Szenen zeigen Ismael, drei Jahre nach dem Abenteuer in Syrien zurück in Deutschland. Obwohl dies seine Heimat ist, wird er von den Deutschen permanent misstrauisch betrachtet und unaufhörlich aufgefordert, sich zu integrieren. Er findet einfach keinen Platz in der Gesellschaft – und fordert am Ende das Publikum auf, ihm zu helfen.

Peter W. Hermanns hat das Stück, das sein ernstes Thema auf häufig sehr komische Weise transportiert, als Kammerspiel inszeniert. Er konzentriert sich auf den dichten Text und feine Personenführung. Wenige Requisiten und eine kluge Lichtregie reichen aus, die Atmosphäre zu schaffen, in der die Zuschauer die Handlung konzentriert verfolgen können. "Djihad", 2014 uraufgeführt, ist eine adäquate Auseinandersetzung mit dem Thema und sei dem jugendlichen Publikum ans Herz gelegt.

Weitere Termine: "Djihad": 16., 17., 18. Oktober, jeweils 11 Uhr; "Gas": 16., 17., 18. Oktober, jeweils 20 Uhr, E-Werk.
von Heidi Ossenberg
am Sa, 14. Oktober 2017

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