Wohnen in Freiburg

Genossenschaftliches Wohnen in Freiburg hat Vor- und Nachteile

BZ-SERIE (TEIL 4): Genossenschaftliches Wohnen klappt manchmal besser, manchmal schlechter – zwei Beispiele.

Der Tag ist grau, auf der vielbefahrenen Zähringer Straße brausen die Autos vorbei. Doch sobald man die Wohnung von Erika Faller betritt, wird es warm und wohlig. Seit 38 Jahren wohnt die ehemalige Chefsekretärin hier und hat nicht vor, wegzuziehen: "Ich hab’s mir hier gemütlich gemacht, hier bleibe ich." Das kann sie auch problemlos: Die Zwei-Zimmer-Wohnung in dem großen Häuserblock gehört der Baugenossenschaft Bauverein Breisgau, Erika Faller ist Genossenschaftsmitglied – und froh darüber.

Es war 1974, als Erika Faller nach der Scheidung mit ihrer Tochter Monika einzog. Im April war sie Genossenschaftsmitglied geworden, im Juni meldete sie sich zur Verlosung an – damals wurden die Wohnungen des Bauvereins nämlich noch verlost. Erika Faller durfte vor der üblichen Wartezeit mitmachen, weil sie als Notfall galt, alleinstehend mit einem Kind. Sie hatte Glück: zwei Zimmer im ersten Stock, eine Wohnküche, Bad, Gasheizung, 225 DM warm. Dazu verläuft nun die Straßenbahn vor der Tür und die Innenstadt ist nicht weit. "Es war nicht meine Traumwohnung, aber es hat gepasst", sagt sie heute.

Das blieb so. Im Großen und Ganzen kann Erika Faller viel Gutes über die Baugenossenschaft berichten: Da sei immer ein Ansprechpartner, wenn man ihn brauche, mit der Verwaltung könne man reden. Wie zum Beispiel vergangenes Jahr, als sie fragte, ob sie vor ihrem Wohnzimmer ein Blumenbeet gestalten könne. Da hat die Baugenossenschaft die Steine aus dem Boden holen lassen und Erika Faller legte zwei Beete an, in denen nun im Sommer bunte Blumen blühen und die Hausbewohner froh machen. Oder als die Haustür nur mit viel Schlüsselgefummel aufzukriegen war: ein Anruf bei der Verwaltung, am nächsten Tag ging das Aufschließen "wie Butter".

Inzwischen, 38 Jahre nach ihrem Einzug in die Zähringerstraße, zahlt sie 350 Euro warm für die 51 Quadratmeter. Der Quadratmeterpreis ist mit derzeit 4,59 Euro günstig, sagt sie – noch. Denn das etwa 1930 gebaute Haus wird gerade modernisiert: das Dach neu gedeckt, die Fassade gedämmt, der Keller abgedichtet, Außenwände und Flur gestrichen – "und das Haus bekommt Balkone". Der wird hinten ans Haus angesetzt, im kleinen Grünbereich zwischen dem Haus und der Bahntrasse, die vorbeiläuft.

Wenn die Arbeiten beendet sind, wird die Wohnbaugenossenschaft die Modernisierungskosten auf die Mieter umlegen, dann wird der Quadratmeterpreis auf 6,30 Euro steigen. Ganz schön viel auf einen Schlag, "da muss man erstmal schlucken", sagt sie. Allerdings hat sich Erika Faller informiert und weiß: "Von der gedämmten Fassade profitiere ich, weil ich damit Heizkosten einspare." Dennoch, die höhere Miete erfüllt sie mit Sorge. Nur: "Wo in Freiburg bekomme ich etwas Günstigeres, ohne Angst vor einer Eigenbedarfskündigung?"

Natürlich hat sich die 70-Jährige überlegt, ob sie vielleicht besser in eine altersgerechte Wohnung ziehen sollte. Doch eine genossenschaftliche Seniorenwohnung beim Zähringer Turmcafé, die man ihr anbot, kam nicht in Frage – zu eng war es ihr da und zu teuer. Vor sieben Jahren dann ließ sie daheim renovieren und Parkett legen, an dessen Kosten sich der Bauverein beteiligte. Sie hat sich überlegt, erstmal in dieser Wohnung zu bleiben. "Nur wenn ich mal im Lotto gewinne, dann ziehe ich aus." E
ein schwarz-weißes Foto aus den 60er Jahren. Ein kleines Mädchen und ein großer Schneemann stehen vor dem Haus. Das Mädchen ist Susanne Merkel-Schruba , das Haus die Bauhöferstraße 160 in der Haslacher Gartenstadt. Heute lebt die 51-Jährige mit ihrer Familie und Hündin Jenny in den fünf Zimmern des Einfamilienhauses, das unter Denkmal- und Ensembleschutz steht. Es ist ihr Heimathaus – doch der Eigentümer ist die Baugenossenschaft Heimbau Breisgau.

1959 hatten ihre Großeltern den Zuschlag für Mietshaus und Garten bekommen. Nicht nur, weil sie Genossenschaftsmitglieder waren, sondern auch, weil Merkel-Schrubas frisch verheiratete Eltern mit einziehen wollten. Drei Zimmer gab’s damals, plus zwei Mansarden unter dem Dach. Der Großvater baute sie aus und errichtete einen Anbau für seine Fahrschule. Heute unterrichtet Susanne Merkel-Schruba dort.

1996, nach dem Tod ihres Vaters, ist sie wieder in die Gartenstadt gezogen. Von der Idee des genossenschaflichen Wohnens ist sie überzeugt, seit Geburt hat sie Anteile. "Viele Jahre lang war das Wohnen hier völlig in Ordnung", sagt sie. Doch seit einigen Monaten gibt’s Streit zwischen Mietern in der Bauhöferstraße und der Heimbau. Bei der jüngsten Erhöhung der Kaltmiete um 9 Prozent wehrten sie sich – auch Merkel-Schruba. 774,51 Euro zahlt sie momentan für 116,92 Quadratmeter, 6,62 Euro sind das pro Quadratmeter. Laut ihren Messungen sei das Haus aber nur 106 Quadratmeter groß. Nach der von der Heimbau vorgesehenen Mieterhöhung läge ihr Quadratmeterpreis demnach bei 7,68 Euro. Hinzu kommen 400 Euro Nebenkosten – zu viel, findet Merkel-Schruba: "Die Heimbau steckt seit Jahren keinen Cent in die Häuser, aber wir sollen mehr bezahlen. Das ist nicht fair." Dabei gebe es Bedarf für das Haus von 1922: Die Haustüre schließt nicht richtig, der Putz bröckelt, die Fenster sind lange nicht mehr gestrichen worden. Versprochen wurde zudem, die Dächer zu sanieren, so wie es der Bauverein nebenan getan habe. Bisher sei nichts passiert. Merkel-Schruba glaubt nicht daran, dass etwas passiert: 2016 werden die Häuser von der Heimbau an die Stadt Freiburg übergehen. Sie stehen Stadtgelände, diese hat es als Erbpacht an die Heimbau vergeben. 2016 läuft der Pachtvertrag aus, die Heimbau hat kein Interesse an einer Verlängerung. Und auch nicht an einer Sanierung, vermutet die 51-Jährige.

Mit fünf weiteren zog sie gegen die Mieterhöhung vor Gericht – mit Erfolg: Ein neutraler Gutachter ist dabei, die Häuser neu zu vermessen und zu bewerten. Zur Eigentümerin ihres Elternhauses will Merkel-Schruba nicht werden, obwohl die Heimbau ihr den Kauf angeboten habe. 300 000 Euro für Haus und das große Grundstück müsse sie etwa zahlen, hinzu kämen rund 150 000 Euro für die energetische Sanierung. Zu viel, zumal bei alter Bausubstanz. Zur Miete wohnen bleiben will sie aber gerne. Doch Susanne Merkel-Schruba hat eine Befürchtung: "Irgendwann werden hier nur noch kinderlose Paare mit doppeltem Einkommen leben."

Nächsten Samstag lesen Sie: Das Problem mit den hohen Nebenkosten.

Alle bisher erschienenen Artikel unter http://mehr.bz/wohnen-in-freiburg
von Simone Lutz
am Sa, 09. Februar 2013

Badens beste Erlebnisse